Süddeutsche Zeitung

Soziales Engagement:Nachmachen erwünscht

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Die Nachbarschaftshilfe Vaterstetten ist seit 50 Jahren erfolgreich in der Großgemeinde. Nun möchte sie ihr Konzept auch anderen zugänglich machen.

Von Michaela Pelz, Vaterstetten

Plagiate sind verboten, das weiß jedes Kind. Doch wenn eine gute Sache absichtlich und mit dem Einverständnis des Urhebers kopiert wird, dann ist das für alle Beteiligten ein Gewinn. Das genau plant der Verein Nachbarschaftshilfe Vaterstetten, Zorneding und Grasbrunn e.V. (NBH) anlässlich seines 50-jährigen Bestehens mit einem neuartigen Social Franchising, wie Geschäftsführer Oliver Westphalen verrät. Seit 2013 hat er diese Position inne, davor leitete der gebürtige Düsseldorfer die Bayerwald-Reha-Klinik in Cham.

"Um die große Versorgungsnot auffangen zu können, braucht es erfolgreiche Konzepte", sagt er. So wie das seiner am 15. Juli 1974 offiziell von Bürgerinnen und Bürgern, Bürgermeistern und Kirchen der drei Gemeinden gegründeten, gemeinnützigen NBH. 2023 hat sie mit ihren zahlreichen Betriebszweigen immerhin 4,7 Millionen Euro umgesetzt. Wobei Westphalen gleich präzisiert: "Das klingt extrem hoch, aber am Ende bleibt ein Gewinn von vielleicht 15.000 oder 30.000 Euro. Wir sind für die Bürger da, nicht, um Geld zu verdienen."

Der Umsatz 2023 betrug 4,7 Millionen Euro

Zwar habe sich der Umsatz erhöht, aber die Kosten seien eben auch gestiegen. "Für unsere 29 Autos, Personal, Miete, Material, aber auch das, was man nicht sieht - etwa das Waschen der Schwesternkleidung oder das Spezialfahrzeug mit Kühlaggregat für die Abholung der Tafelspenden." Die geschieht ehrenamtlich, ebenso die Verteilung. "Doch im Büro haben wir bezahlte Kräfte", so der NBH-Chef. Dem stünden jedoch keine Einnahmen gegenüber. Dadurch sei dieser Bereich defizitär.

Gleichwohl wirtschaftet die sozial orientierte Einrichtung so, dass sie ihren Betrieb gut aufrechterhalten kann. Ihr kostbares Wissen rund um in Jahrzehnten erprobte und weiterentwickelte Vorgehensweisen will sie nun mit anderen Nachbarschaftshilfen teilen - bestehenden wie noch in Gründung befindlichen.

"Wir stellen unser Konzept zur Verfügung, Dokumente und Netzwerke. Wir koordinieren und unterstützen das ganze Prozedere. So etwas gibt es deutschlandweit noch nicht", erklärt Westphalen. Verschenken könne man das Know-How natürlich nicht, wer von fertigen Verträgen und Vorlagen profitieren will, "zahlt einen moderaten Betrag", fügt er hinzu. Dabei gehe es der NBH aber nicht um zusätzlichen Verdienst, sondern darum, jenen unter die Arme zu greifen, die vorrangig auf ehrenamtlicher Basis organisiert sind. "Das funktioniert heute nicht mehr, es gibt zu viele gesetzliche Auflagen, die erfüllt werden müssen. Wir liefern Lösungen."

Ein "Nachahmer" war übrigens vor ziemlich genau 50 Jahren bereits der Gründer der NBH, Adolf Lehne. Franz Pfluger, Erster Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe und selbst schon mehr als viereinhalb Jahrzehnte dabei, beschreibt das so: "Lehne hatte auf der anderen Seite von München, Richtung Dachau, ein Konzept gesehen, bei dem es um gegenseitige Unterstützung von Nachbarn auf professioneller Ebene ging, jenseits des üblichen Tausches Rasenmähen gegen Kinderhüten." Das habe der Jurist gut gefunden. "Außerdem war seine Frau Ärztin." Pfluger vermutet, dass Lehne auch auf diesem Weg die Not der Menschen mitbekommen habe, die etwas brauchten - von Kinderbetreuung bis Pflege.

Nachdem sich eine Gruppe zur konkreten Umsetzung des Plans zusammengefunden hatte, fiel das Vorhaben in den Gemeinden Parsdorf - heute Vaterstetten -, Zorneding, Grasbrunn und dem damals noch als eigenständige Gemeinde bestehenden Pöring offenbar gleich auf fruchtbaren Boden. Zur Gründungsversammlung kamen 250 Interessierte, von denen 221 sofort Mitglied wurden. Mittlerweile ist diese Zahl auf mehr als 3000 gestiegen. "Wie visionär und zukunftsträchtig die Idee sein würde, hätte man sich damals wohl gar nicht vorstellen können", bemerkt NBH-Chef Westphalen.

Organisatorin und Einsatzleitung wurde - mit Büro im eigenen Wohnzimmer - Mitbegründerin Gerda Penzel, von Beruf Familienhelferin und daher mit der Materie wohlvertraut. Deren Tochter Astrid Penzel-Fischer erinnert sich gut, wie die Mutter alle Informationen fein säuberlich auf Karteikarten notierte und in Zettelkästen ablegte. Dort suchte sie bei Hilferufen dann nach passenden Einsatzkräften. "Die Leute riefen an oder klingelten an unserer Haustür, wenn sie jemand brauchten, der die Oma während des Urlaubs versorgt. Es gab ja noch kein Handy, kein Internet und auch der Anrufbeantworter kam erst später", beschreibt Penzel-Fischer die Situation.

Ihren eigenen ersten Einsatz hatte sie mit elf. "Da nahmen wir nach einer plötzlichen Krankenhauseinweisung den Hund einer alten Dame zu uns." Das Tier durfte im Kinderzimmer wohnen, was zunächst große Freude auslöste. Bis der Vierbeiner Durchfall bekam "und ich nachts stundenlang mit ihm auf der Straße stehen musste", sagt sie und lacht.

Doch das familiäre Vorbild fruchtete dennoch: neben der Schule machte Penzel-Fischer eine Ausbildung als Schwesternhelferin, konnte so im Pflegedienst mitarbeiten. Später dann trat sie ihre erste Stelle als Erzieherin ebenfalls im Dienst der NBH an: Dreieinhalb Jahre gehörte sie zum Betreuungsteam der mutterlosen Pöringer Sechslinge. Die drei Mädchen und drei Buben waren vor fast genau 38 Jahren zur Welt gekommen, die Mutter starb bei der Geburt, einer der Buben vier Wochen darauf.

Heute nun - nach diversen anderen Aktivitäten - engagiert sich die Tochter der Gründerin im Vorstand und beim Mobilen Mittagstisch. "Meine Kunden sind mir wichtig." Zumal es auch die Angehörigen beruhige, wenn mindestens einmal die Woche oder sogar einmal am Tag jemand ins Haus gehe und nach den betagten Eltern schaue.

Doch längst richtet sich das Angebot nicht nur an Senioren. Zu den rund 500 Kunden, die mehr als 40 Personen täglich beliefern, gehörten auch junge Familien und Firmen. 90.000 Essen kommen so im Jahr zusammen. "Die drei verschiedenen Menüs, die wir ab 11,60 Euro anbieten, stammen von Feinkost Käfer. Das hat genau gar nichts mehr mit dem antiquierten 'Essen auf Rädern' zu tun", betont Westphalen. Und Pfluger erklärt: "Die Ehrenamtlichen liefern das nicht etwa nur ab, sondern decken auch schon mal den Tisch oder schneiden das Fleisch klein. Manchmal ist das die einzige Ansprache, die jemand am Tag hat."

Die Essensanlieferung ist einer der Bausteine, die dafür sorgen, das NBH-Ziel zu erreichen, das Westphalen so definiert: "Wir wollen den alten Menschen ermöglichen, so lang wie möglich, in ihrer eigenen Wohnung zu bleiben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen." Deswegen gebe es den Mittagstisch neben der ambulanten Pflege, dem betreuten Wohnen und der hauswirtschaftlichen Hilfe.

Gleichzeitig kümmert sich die NBH aber auch ganzheitlich um Familien - mit einem breiten Kursangebot und Offenen Treffs für den zwanglosen Austausch. Schon 1977 entstand das Ferienprogramm, im Rahmen dessen im Sommer bei etwa 1200 Veranstaltungen circa 30 Tage lang ungefähr 800 bis 900 Kinder betreut werden.

Im Jahr 2000, während Franz Pflugers Zeit als Zornedinger Bürgermeister, nahm der Kinderpark den Betrieb auf. 15 Mädchen und Buben ab zwei Jahren verbringen dort in der Obhut von drei Fachkräften zwei- oder dreimal die Woche den Vormittag. Stolz ist man auch auf die seit 2022 bestehende Kooperation mit Hebammen. "Nun ist die NBH ein Begleiter fürs ganze Leben, von der Geburtsvorbereitung bis zum Tod", sagt Westphalen. "Auch Palliativschwestern gehören zu unserem Team von 70 Festangestellten und 200 Helfern."

Einige davon sind in der seit 2018 bestehenden Seniorentagespflege im Einsatz. Aktuell werden in den ansprechenden Räumlichkeiten, wo es unter anderem Ruhesessel sowie einen nachgebauten Viktualienmarkt-Stand gibt, 22 Personen betreut. "Vorrangig haben wir Herrschaften mit Pflegegrad, aber nicht ausschließlich", beschreibt Westphalen die Teilnehmerstruktur. Das Angebot beginnt damit, dass die Betreuten zu Hause abgeholt werden, bis zum späten Nachmittag gibt es dann zahlreiche Aktivitäten. Schon beim gemeinsamen Frühstück werde aus der Zeitung vorgelesen, die Gäste malen, machen Gedächtnistraining oder spielen am Kicker.

Im Garten wartet ein Hochbeet oder es gibt Praxisübungen zur Sturzprophylaxe. Besonders beliebt ist der Hundebesuchsdienst. Zusammenfassend heißt das: "Die Leiterin Frau Reger und ich wollten eine Einrichtung, in die wir unsere eigenen Eltern schicken würden." Man habe eine Warteliste und sogar aus München kämen Anfragen.

Das alles wirkt sich gesamtgesellschaftlich aus. Penzel-Fischer nennt es "Spuren, die die Nachbarschaftshilfe bei uns am Ort hinterlässt." Ihre Mutter habe durch ihr Tun "Samen säen" wollen - im Lauf der letzten 50 Jahre seien daraus Blumenfelder geworden. Vielleicht wird diese Saat mit Hilfe des Social Franchising der NBH Vaterstetten, Zorneding und Grasbrunn auch anderswo Früchte tragen.

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