bedeckt München
vgwortpixel

Kampfkunst in Zorneding:Der Weg zu innerer Stärke

Die Drummerin Carola Grey sieht in der fernöstlichen Kampfkunst eine perfekte Ergänzung zum Schlagzeug. In Hergolding hat sie eine Schule für Wing Chun gegründet.

Die Jazz-Drummerin Carola Grey betont, dass ihre Musik und die Kampfkunst mehr miteinander gemein haben, als man glaubt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Südindische Musik, Jazz, bairische Mundart und die Kampfkunst Wing Chun - auf den ersten Blick wirken Carola Greys Interessen abenteuerlich bunt, wenn nicht gar gegenläufig. "Dabei geht das Hand in Hand", betont die Jazz-Drummerin. "Das Schlagzeug ist ein wahnsinnig körperliches Instrument", fügt sie hinzu, da müsse sie fit bleiben und könne es sich nicht leisten, sich gehen zu lassen. Kampfkunst also als perfekte Ergänzung zum Schlagzeug? "Ich kann mir nicht vorstellen, das eine oder das andere sein zu lassen", sagt sie kopfschüttelnd. Die Kampfkunst "erde" sie und auch, wenn sie gegen den "inneren Schweinehund" nicht immun sei, genieße sie ihre Morgenroutine mit dem Wing Chun-Training.

Verletzungen seien zwar ärgerlich, "aber das ist ja kein rücksichtsloses Rumgebolze, was wir da betreiben", betont sie. Außerdem lerne man beim Wing Chun, das eine Unterart von Kung Fu ist, auch zu fallen, ohne sich dabei zu verletzten. "Aber ich habe auch schon mal eine Tournee mit Kapselriss gespielt", erinnert sie sich und zieht eine Grimasse.

In New York lernte sie Kung Fu

Zu ihrer Leidenschaft für die Kampfkunst kam sie über Umwege: Mit fünf Jahren habe sie mit Judo begonnen, erzählt die 47-jährige Musikerin. Im Anschluss probierte sie verschiedene Kampfsportarten. Der eigentliche Knackpunkt jedoch war ihre Zeit in New York: "Ich bin damals mit Anfang 20 jede Nacht in Jazz Clubs rumgehangen", erzählt sie. Das Geld war knapp, ein Taxi nach Hause teuer - meistens war sie also mit der U-Bahn unterwegs. "Ein Musiker-Kollege hat mich dann irgendwann geschnappt und mich nach China-Town geschleppt, wo er mich in einer Kung Fu-Schule abgeliefert hat", berichtet sie lächelnd. Ihr damaliger Lehrer war "einer der absoluten Großmeister", so Grey, "heute wüsste ich das zu schätzen - damals war es nur verdammt anstrengend."

Doch sie blieb dabei, spezialisierte sich auf Wing Chun und machte vor einigen Jahren eine Trainerausbildung. Im November vergangenen Jahres eröffnete sie in Hergolding nun ihre eigene Wing Chun-Schule: "Mir geht es um die Sache, ich will da kein kommerzielles Ding draus machen - und das geht fast nur, wenn man alleine arbeitet", sagt sie auf die Frage, ob sie künftig mit zusätzlichen Trainern arbeiten wolle. Momentan hat sie 20 Schüler, wofür ihre kleinen Räumlichkeiten ausreichen.

Wing Chun ist mehr als einfach nur Kampfsport

Ob mit der Schule ein Traum in Erfüllung gegangen ist? "Das hat mich schon ewig gereizt", gibt sie zu, doch die vergangenen fünf Jahre habe sie fast die Hälfte der Zeit in Indien verbracht, so die Musikerin. "Jetzt versuche ich, mal mehr in Deutschland zu sein - irgendwann muss man sich entscheiden", sagt sie ruhig.

Grey ist eine Frau mit leuchtend blauen Augen und einer entwaffnend gelassenen Art. Angeboren oder antrainiert? "Naja, zu einem gewissen Grad kann man das schon lernen", sagt sie. Wing Chun werde schnell mehr als nur Kampfsport - es finde eine Entwicklung statt, die viel mit innerer Stärke zu tun habe. "Das ist einer der Gründe, warum ich lieber kleine Gruppen habe", so Grey, "ich finde es toll, die Entwicklung von Schülern direkt mitzubekommen." Auch in ihrem Boxtraining für Frauen falle ihr häufig auf, dass Frauen, die am Anfang noch Angst haben, getroffen zu werden oder richtig zuzuhauen, nach kurzer Zeit eine ganz andere Haltung, ein verändertes Auftreten hätten. "Wenn du weißt, was du kannst, dann strahlst du das auch aus", erklärt sie. Besonders für Frauen sei das häufig eine extrem positive Erfahrung: "Du lernst, mit dir selbst im Reinen zu sein und deine Position zu behaupten", so Grey.

Beim Wing Chun geht es nicht darum, Kraft aufzuwenden, sondern die Kraft des Gegners zu nutzen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Es gilt, die Kraft des Gegners umzuleiten

Gerade beim Wing Chun gehe es außerdem nicht darum, Kraft aufzuwenden, sondern die Kraft des Gegners umzuleiten, für sich einzusetzen und nur noch ein wenig Kraft hinzuzugeben. Im Umgang mit stärkeren Gegnern könne es als Selbstverteidigung im eigentlichen Sinne eingesetzt werden, "nicht wie bei anderen Kampfsportarten, die Wettkampfsportarten sind und nur innerhalb ihrer Regeln praktiziert werden", fügt sie hinzu.

Bleibt neben der neuen Aufgabe überhaupt noch genug Zeit für die Musik? "Es ist schon sportlich teilweise", erwidert sie. Unter der Woche gibt sie an drei Tagen Training, hinzu kommen ihre eigenen Übungen und natürlich die Probenzeit am Schlagzeug - und am Wochenende dann die Auftritte. Vor kurzem hat sie mit ihrer indischen Band verschiedene Gigs in Deutschland gespielt, unter anderem im Gasteig in München. "Wir machen eine Fusion von Jazz und südindischer Musik - das ist schon etwas Spezielles und erfordert wahnsinnig viel Konzentration."

Familie und Freunde geben ihr einen Ankerpunkt

Viel unterwegs sei sie immer gewesen, die Angst vor Routine, vor zermürbendem Alltag treibt sie um. Doch: "Jetzt ist es auch schön, irgendwo zu sein, wo man sich auskennt, Freunde und Familie hat", sagt sie.

Die letzten Jahre habe sie sehr viel Musik mit anderen Leuten gemacht, "aber jetzt ist es Zeit, den Jazz wieder zu aktivieren", sagt sie. Schön für sie wäre es, wieder mehr mit ihrer Ur-Band Noisy Mama zu machen. Dazu kommen jedoch eine Lehrplattform für südindische Musik, ihre bayerische Mundart-Band Isolde Brandner und die Brandners und natürlich die neu eröffnete Schule, wobei alles unter einen Hut gebracht werden muss. "Ich muss einfach irgendwie die Balance finden."