Zorneding Marx macht Kirchenaffäre zur Chefsache

Vergeben, nicht vergessen: Dazu mahnt Generalvikar Peter Beer die Gläubigen in der ersten Sonntagsmesse ohne Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende an.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kardinal Reinhard Marx schickt seinen engsten Vertrauten, Generalvikar Peter Beer, zum ersten Gottesdienst ohne Olivier Ndjimbi-Tshiende nach Zorneding

Von Karin Kampwerth, Zorneding

"Wenigstens dieses Problem können wir lösen", sagte Peter Beer im Gottesdienst in der Pfarrkirche Sankt Martin, als er Thomas Nowak, der an diesem Sonntag die Fürbitten verlas, gestattete, sein weinendes Kind zu sich in den Altarraum zu holen. Für das allerdings, was sich in den vergangenen Monaten in der Pfarrei ereignete, dafür hatte der Generalvikar des Erzbischöflichen Ordinariats keine schnelle Antwort parat. Nur so viel war klar: Die Aufarbeitung der kirchlichen Dimension der Affäre um den nach Morddrohungen zurückgetretenen Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende hat Kardinal Reinhard Marx zur Chefsache erklärt - wohl kaum hätte er sonst seinen engsten Vertrauten nach Zorneding geschickt, um Gottesdienst Eins nach Ndjimbi-Tshiende zu halten.

Darin fand Beer deutliche Worte, zur Erleichterung der etwa 100 Gläubigen - nach Aussage von regelmäßigen Kirchgängern im übrigen nicht wesentlich mehr als üblich. Beer bediente sich eines Gleichnisses aus dem Evangelium, um die Ereignisse in Zorneding zu kommentieren: die Geschichte der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte. Doch als Jesus sprach, dass der den ersten Stein werfen solle, der frei von Sünde sei, verließen nach und nach alle den Platz. Bis Jesus alleine mit der Frau war, der er sagte, sie solle fortan ohne Sünde weiterleben. Übersetzt auf Zornedinger Verhältnisse mahnte Beer zur Versöhnung mit den vermeintlich Schuldigen an dem Weggang des Pfarrers an. Zu diesen zählte der Generalvikar auch die Kirche selbst.

Das Evangelium sei kein Teppich, unter dem man etwas verschwinden lassen könne, sagte der Generalvikar

Im Bistum frage man sich, ob man etwas übersehen habe oder früher hätte reagieren müssen, äußerte sich der Generalvikar selbstkritisch. Immerhin war der Konflikt Ndjimbi-Tshiendes mit der örtlichen CSU-Vorsitzenden Sylvia Boher nach deren hetzerischem Artikel gegen Flüchtlinge und der Beleidigung des Pfarrers als "Neger" durch Bohers Stellvertreter seit vergangenem Herbst bekannt. Gleichwohl könne man nun nicht sagen, "wir sind alle Sünder, also vertragen wir uns wieder, Schwamm drüber". So einfach wollen es sich die Kirchenoberen in München nicht machen.

"Das Evangelium ist kein Teppich, unter dem man etwas verschwinden lassen kann", sagte Beer. Auch, weil man damit das Leid des Pfarrers nach den "abscheulichen und diskriminierenden Drohungen" bagatellisieren würde - genauso wie den Protest der Zornedinger gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, den etwa 3000 Menschen am vorigen Mittwoch mit einer Lichterketten zwischen beiden Kirchen eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatten. Zorneding sei definitiv "kein Nazi-Dorf" oder eine "rassistische No-Go-Area".

Beer lobte aber auch die Haltung von Olivier Ndjimbi-Tshiende, der trotz aller Angst und Demütigung die Bereitschaft zum Verzeihen habe und das Gute, dass er in Zorneding erlebt habe, nicht vergesse. "Das ist die Voraussetzung für Versöhnung", so Beer, der die Pfarrgemeinde dazu aufrief, im Gespräch zu bleiben - wenngleich Beer auch hier eine Grenze sieht, nämlich den Grundsatz, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

"Man kann über alles diskutieren, solange die Würde des anderen nicht verletzt wird." So befassten sich auch die Fürbitten, die Nowak verlas, mit Menschenwürde und Respekt. Gemeinsam beteten die Zornedinger für alle von Unrecht und Hass verfolgten, für Menschen, die auf der Flucht sind, für Opfer von Gewalt, Hohn und Spott und für jene, die sich missverstanden fühlen.

Im Anschluss an den Gottesdienst traf sich Generalvikar Beer mit den Mitgliedern der verschiedenen Kirchengremien der Pfarrei Sankt Martin, um hinter verschlossenen Türen die letzten Wochen aufzuarbeiten. Den Gläubigen konnte Pastoralreferent Christoph Müller immerhin schon mit auf den Weg geben, dass die Gottesdienste an Ostern wie geplant stattfinden. Es hätten sich zahlreiche Priester gemeldet, die aushelfen wollten.

Nicht zu Wort gemeldet hat sich unterdessen Sylvia Boher. Bis zum frühen Abend lag weder der CSU-Bezirksvorsitzenden Ilse Aigner noch Kreisvorsitzendem Thomas Huber eine Stellungnahme Bohers auf die Aufforderung vor, ihre Ämter im Bezirks- und Kreisvorstand ruhen zu lassen.