Zorneding Berührende Ladybirds

Tiefgang und Leichtigkeit: Dies zu vereinen, gelingt Sarah Mettenleiter (links) und Antonia Dering mit ihrer Musik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sarah Mettenleiter und Antonia Dering begeistern in der Café-Bar Herzog in Zorneding mit Schlagern der Dreißiger und Vierziger

Von Peter Kees, Zorneding

Fritz Löhner-Beda hieß der Texter des berühmten, vor allem durch die Comedian Harmonists bekannten Schlagers "In der Bar zum Krokodil". Der Österreicher war Jude, wurde 1938 verhaftet, 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Solche und ähnliche Geschichten erfuhr man vergangenen Samstagabend in der Café-Bar Herzog in Zorneding. Dort standen zwei Frauen auf der Bühne und trugen Schlager aus den Dreißiger- und Vierzigerjahren vor. Auch jener von Willy Engel-Berger komponierte Hit wurde gesungen. Das Jazzduo sind Sarah Mettenleiter und Antonia Dering alias Ladybird.

Das Wunderbare an ihrem Programm: Sie gehen in die Tiefe, musikalisch wie im Erzählen so manch bitterer Lebensumstände während der NS-Zeit. Von tragischen Schicksalen, Einsamkeit oder verbotenen Künstlern und Komponisten wurde erzählt: Der homosexuelle Bruno Balz beispielsweise - Autor vieler legendärer Texte, etwa "Kann denn Liebe Sünde sein?" oder "Ich brech die Herzen der stolzesten Frauen" - wurde von den Nationalsozialisten verhaftet und konnte nur unter der Auflage frei kommen, zu heiraten und seine Homosexualität zu verbergen. Sein Name durfte, obwohl er bei zahlreichen prominenten Filmen beteiligt war, im Abspann nie mehr erscheinen.

Mettenleiter und Dering interessieren sich nicht nur für die Oberfläche, nicht nur für den Glanz und Glamour ihrer Schlager, sondern auch für die Seite dahinter, die Zusammenhänge, in denen die Lieder einst komponiert, getextet und interpretiert wurden. Dabei hat ihr Auftritt hinreißenden Charme: Sie singen und musizieren superb. Ihre Präsenz ist bestechend, ihr musikalischer Vortrag berührend. Fein, voller Zartheit und Feingefühl erklingt die Musik, die sie machen, zugleich voller rhythmischer Kraft. Das Sentiment der Lieder treffen die beiden, obgleich sie nicht einfach nachsingen, sondern den Schlagern einen eigenen jazzigen Groove verleihen - Mettenleiter spielt dabei Klavier, Dering Kontrabass. Das, was da zu hören war, entspricht absolut dem Duktus der Dreißiger- und Vierzigerjahre (auch in dieser Zeit wurde Jazz und Klassik verbunden), zugleich klingt es unbedingt gegenwärtig. Da war nichts Gekünsteltes, alles tönte überzeugend authentisch. Man lauschte gern den Klavier- und Kontrabasssoli, ebenso dem klaren Gesangstimmen der beiden. Sie singen solistisch, dann wieder in wunderbar bestechendem Zwiegesang.

Man kann nur eines bemängeln: Es gab lediglich eine Zugabe. Wie gern hätte man noch viel mehr davon gehört, von Schlagern wie "Ich weiß nicht zu wem ich gehöre" von Friedrich Hollaender oder den Nummern, die einst von Marlene Dietrich oder Zarah Leander gesungen wurden. Auch hier wurde hinterleuchtet: Dass die Dietrich als Nazi-Gegnerin es ablehnte, in Nazipropagandafilmen aufzutreten, stattdessen lieber in den USA die Truppen betreute, oder die angeblich unpolitische Leander als Ersatz für die Dietrich im deutschen Film zum Star wurde - Mettenleiter und Dering verstehen es, die Zusammenhänge unterhaltsam transparent zu machen. Und das sitzt. Nach der Pause verließen die beiden Musikerinnen jene Zeit und rückten Richtung Gegenwart vor. Da war etwa ein Lied von Hildegard Knef zu hören ("In dieser Stadt") oder drei Eigenkompositionen, die dem vorher Gehörten in nichts nachstanden. Auch das Lieblingslied von Antonia Dering stand mit auf dem Programm: "Der Wind hat mir ein Lied erzählt." Ihre Mutter, so erzählt die Musikerin, hat es ihr als Kind immer vorgesungen. Nein, es war kein dramatischer Abend, im Gegenteil. Der Abend war leicht. Aber er hatte Tiefgang - nicht allein wegen der Geschichten, die erzählt wurden, sondern vor allem ob der großen musikalischen Qualität der beiden Frauen. Prädikat: unbedingt empfehlenswert.