Work and Travel:Landkreis der Pendler

Die Zahl der Jobs im Ebersberger Raum steigt zwar stetig, allerdings arbeitet kaum jemand an seinem Wohnort. Möglicherweise könnte sich das in den kommenden Jahren aber ändern - ausgerechnet wegen Corona

Von Wieland Bögel

Wohnen und Arbeiten sind in den vergangenen eineinhalb Jahren für viele ja ein Stück näher zusammengerückt. Im Landkreis könnte dies für viele eine ganz neue Erfahrung gewesen sein, denn der Anteil der Pendler ist im regionalen Vergleich hier besonders hoch. Gut ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die im Landkreis wohnen, haben ihren Arbeitsplatz in München oder einem anderen Umlandkreis. In den vergangenen Jahren ist deren Zahl weiter gestiegen - doch es gibt die Möglichkeit, dass sich der Trend durch die Pandemie zumindest etwas abschwächen könnte.

Wie aus Daten des Statistischen Landesamtes hervorgeht, die der Planungsverband äußerer Wirtschaftsraum nun analysiert hat, gehört der Landkreis Ebersberg beim sogenannten Arbeitsplatzbesatz zu den Schlusslichtern in der Region. Mit einer Quote von 67 Prozent - also auf 100 Angestellte am Wohnort kommen 67 Arbeitsplätze - liegt Ebersberg im regionalen Vergleich nur noch vor Dachau und Fürstenfeldbruck, wo die Quote bei 62 beziehungsweise 58 Prozent liegt. Der regionale Durchschnitt liegt bei 116, für das Umland beträgt er 98 Prozent. Am meisten Einpendler haben demnach der Landkreis München mit 167 Arbeitsplätzen pro 100 dort wohnenden sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und die Landeshauptstadt mit einer Quote von 131 Prozent.

Gemessen an der Bevölkerung gab es im Landkreis Ebersberg 2019 pro 1000 Einwohner im Durchschnitt 290 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Der Wert für das Umland beträgt 417, für die Region liegt er bei 512 und für ganz Bayern bei 435. Die Spitzenreiter Stadt und Landkreis München haben sogar 604 beziehungsweise 687 Arbeitsplätze pro 1000 Einwohner.

Im Landkreis Ebersberg hat die Kreisstadt das beste Verhältnis zwischen Einwohnerzahl und sozialversicherungspflichtigen Jobs: 481 solche Arbeitsplätze wurden im Jahr 2019 gezählt, das liegt zwar immer noch unter dem regionalen Schnitt, aber sowohl über dem für das Umland und den Freistaat insgesamt. Dies gilt auch für Forstinning, wo die Statistiker 439 Jobs pro 1000 Einwohner gezählt haben. Knapp darunter, aber deutlich über dem Landkreisschnitt liegen Poing mit 409 und Markt Schwaben mit 398 Jobs pro 1000 Einwohner. Die niedrigsten Werte erreichen Bruck mit 78, Emmering mit 91 und Egmating mit 102 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze pro 1000 Bewohner. Unterdurchschnittlich und damit für das Pendleraufkommen maßgeblich sind die übrigen fünf der großen S-Bahn-Gemeinden: Vaterstetten hat eine Arbeitsplatzdichte von 266, in Kirchseeon lag sie 2019 bei 214, in Grafing bei 211 und in Zorneding bei 170.

Allerdings gab es in den vergangenen Jahren auch einige Zuwächse an sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen in den Landkreiskommunen. In absoluten Zahlen am höchsten war dieser zwischen 2009 und 2019 in Vaterstetten mit 2219 auf dann 6503. Dies dürfte zu einem gewissen Teil auf die neuen Gewerbeflächen in Parsdorf zurückzuführen sein, die seit Mitte des Jahrzehnts bezogen wurden. Ebenfalls zahlreiche Arbeitsplätze am Ort wurden in Markt Schwaben geschaffen, insgesamt 1975 zwischen 2009 und 2019, auf dann 5495 und in Ebersberg, wo ihre Zahl um 1438 auf 5860 stieg. In diesen drei Kommunen gibt es zusammen mit Poing, wo 2019 insgesamt 6594 gezählt wurden, die meisten Arbeitsplätze im Landkreis.

Zu weniger Pendlerverkehr hat dies indes nicht geführt, eher im Gegenteil. Denn gerade in den Kommunen mit den meisten Arbeitsplätzen ist der Anteil der Einpendler besonders hoch. In Poing sind es 5580, in Markt Schwaben 4579 und in Ebersberg 4448. Tatsächlich gibt es keine einzige Landkreiskommune, wo die am Ort vorhandenen Arbeitsplätze überwiegend von dort wohnenden Personen besetzt sind. Am nächsten dran ist die Gemeinde Bruck, wo immerhin 44 Einheimische unter den am Ort arbeitenden 100 sozialversicherungspflichtig Angestellten sind.

Umgekehrt pendelt der Großteil der Landkreisbewohner zum Arbeitsplatz, die jeweilige Zahl richtet sich weitgehend nach der Gemeindegröße: Die größte Landkreiskommune Vaterstetten hatte 2019 insgesamt 8303 Auspendler und 1178 am Wohnort arbeitende Personen. In Poing war das Verhältnis 6656 zu 1006, in Markt Schwaben 5425 zu 910, in Grafing 4768 zu 971und in Kirchseeon 4157 zu 553. Interessant ist das Verhältnis in der Kreisstadt: Denn zwar pendeln 3651 Ebersberger zum Arbeiten, während nur 1408 am Wohnort arbeiten. Da umgekehrt aber eben 4448 Leute zum Arbeiten nach Ebersberg einpendeln, hat die Kreisstadt als einzige Landkreiskommune ein positives Pendlersaldo.

Die meisten im Landkreis arbeitenden Pendler kommen aus einem der Nachbarlandkreise, 2019 machte ihr Anteil 34,2 Prozent aus, 2,7 Punkte mehr als zehn Jahre zuvor. Die zweitgrößte Gruppe sind kreisinterne Pendler mit 24,3 Prozent, was 1,1 Punkte mehr sind als noch 2009. Damit fällt die Gruppe der Pendler von außerhalb der Region auf den dritten Platz mit 20,3 Prozent, 4,4 Punkte weniger als zehn Jahre zuvor. Nach wie vor die wenigsten Arbeitsplätze in den Gemeinden im Landkreis werden von dort wohnenden Personen besetzt, 21,2 Prozent waren es 2019, immerhin ein leichter Anstieg um 0,7 Prozentpunkte zu 2009.

Da die Zahlen von kurz vor Beginn der Corona-Pandemie stammen, kann man deren Einfluss auf Arbeitsmarkt und Pendlerströme nur schätzen. Anhand der trotz Krise verhältnismäßig niedrigen Arbeitslosigkeit ist davon auszugehen, dass zumindest die meisten der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze erhalten geblieben sind. So lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote im Landkreis Ebersberg im Jahr 2019 bei 1,8 Prozent. Zehn Jahre zuvor, kurz nach der Banken- und Finanzkrise hatte sie noch bei drei Prozent gelegen. Stand Ende Juni liegt sie bei 2,2 Prozent.

Zu den Pendlerströmen in Pandemiezeiten gibt es zwar keine Daten für den Landkreis, aber eine interessante Erhebung des statistischen Bundesamtes: Demnach hat der Straßenverkehr zwischen Juli und Oktober 2020 im Vergleich zum Vorjahr sogar etwas zugenommen, ist dann allerdings nach den erneuten Coronabedingten Schließungen wieder deutlich zurückgegangen. Was durchaus am höheren Anteil von Home-Office gelegen haben könnte. Für den Landkreis interessant ist das, weil offenbar gerade unter den Pendlern der Anteil der potenziellen Home-Office-Kandidaten besonders hoch zu sein scheint. So haben 57,08 Prozent der am Wohnort arbeitenden Personen eine berufliche Ausbildung absolviert - aber nur 22,98 Prozent einen Studienabschluss. Diese Gruppe arbeitet indes überdurchschnittlich oft in einem Büro, nur eben nicht in einem am Wohnort - es sei denn, man macht Home-Office.

Ob der Anteil derer, die ihr Büro nach Hause verlagern auch nach der Corona-Pandemie hoch bleibt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, wäre es so, würde im Landkreis wohl ein bisschen weniger gependelt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB