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Wirtshaus Taglaching:Eine Kultstätte mit Leib und Seele

40 Jahre Wirtshaus Taglaching.

Die Wirtsleute Maria Michel und Ludger van Oepen inmitten ihrer Freunde Rolf Baumann (von links), Claudia Munz, Rudi Baumann und Christoph Bückers.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Wirtshaus Taglaching in Bruck werden seit 40 Jahren auf eine besonders herzliche Weise Gäste willkommen geheißen. Nun geht eine Ära zu Ende.

Von Daniela Gorgs, Bruck

Die Familie sitzt rund um den Tisch. Da ist doch klar, dass alle mit aufs Foto müssen. Auch der Rudi, der sich ziert. "Ihr hockt's doch auch schon seit 40 Jahren hier, dann könnt ihr auch mit auf's Bild", sagt der Zeitungsfotograf und nimmt die Runde, inklusive Rudi Baumann und Stammgast Christoph Bückers, zum Fotoshooting mit vors Haus. 40 Jahre Wirtshaus Taglaching. Und 40 Jahre Mardi Gras. Mit einem Doppel-Jubiläum wird die "Familie" an diesem Samstag, 1. August, ein Fest feiern. Wegen den Abstandsregeln zu Pandemiezeiten nicht so groß wie geplant. Was ein bisschen schade ist, da Baumanns Band Mardi Gras auftritt, die allein schon Kult im Landkreis Ebersberg ist. Und, weil die Wirtsleute Maria Michel und Ludger van Oepen leidenschaftliche Gastgeber sind, die nicht nur etwas für Leib und Magen bieten, sondern immer auch dem Geist und der Seele ihrer Gäste Aufmerksamkeit schenken.

Jetzt sitzen die Wirtsleute und Freunde zusammen am Tisch in der Stube neben dem Kachelofen und schwelgen in Erinnerungen aus den vergangenen vier Jahrzehnten. Sie erzählen, wie sie am 1. August 1980 die Ausflugsgaststätte Taglaching eröffneten und der damalige Brucker Bürgermeister Josef Schwäbl senior vor dem Wirtshaus das Spanferkel am Spieß drehte. Es ist eine lustige Runde, immer wieder heißt es "Weißt du noch...?", und dann folgt Geschichte um Geschichte. Wie sie das Anwesen renovierten und sich dabei viel handwerkliches Wissen aneigneten. Wie sie den Müll des Vorbesitzers aus dem Stadl räumten. Wie schnell sie sich mit den Nachbarn anfreundeten und dem damaligen Pfarrer Heinrich von Saint George, in dessen Garten sie Biogemüse anpflanzten. Alle lachen, als Maria Michel erzählt, dass die Bauern am Eröffnungstag ihre eigenen Stühle mitbringen mussten, weil man noch nicht so viel Mobiliar hatte.

Angefangen hat alles mit dem Plan, gemeinsam in eine Wohngemeinschaft auf dem Land zu ziehen. Das überlegten Maria Michel, Rolf Baumann, Claudia Munz und Wolfgang Dahlhaus damals beim Schokoladen-Fondue und zogen in ein Reihenhaus in Pöring. Es war die Zeit der weltweiten 1968-Studentenbewegung, der RAF, der Beatles und der Reformpädagogik. Die zwei studierten Soziologinnen und der Gymnasiallehrer Baumann positionierten sich und wollten den damals herrschenden gesellschaftspolitischen Bedingungen etwas entgegensetzen. Man wollte Bildungschancen verbessern, träumte von einem ganzheitlichen Leben und Arbeiten in der Kommune. Als der Mietvertrag auslief, verließ Wolfgang die WG und zog nach Bielefeld. Claudia, Maria und Rolf fanden nach langer Suche ihr Bildungshaus in Taglaching und machten sich selbständig.

Das erste Schulungsprogramm des Vereins "Bildung auf dem Land" zeichnet die alternative Bewegung der Achtziger Jahre nach. Töpfern, Brot backen und Gärtnern ohne Gift waren die Dinge, die man in Taglaching lernen konnte. Es fanden Kurse zur Selbstfindung, Erziehung und zur gesunden Ernährung statt. Das Bildungshaus ist längst Geschichte, doch die Idee vom gemeinsamen Wohnen und Arbeiten überlebte. Das Wirtshaus Taglaching wurde zum Zentrum der alternativen Szene. In der Gaststube gründeten sich die Münchner Grünen, die Montessorischule am Steinsee unterrichtete in den Räumen des ehemaligen Stadls ihre ersten Klassen.

Die drei Freunde schufen ein kulturelles Angebot auf dem Land, das es vorher nicht gab. Künstler bekamen eine Bühne, Jugendgruppen durften Seminare abhalten, es fanden Podiumsdiskussionen zur Erhaltung des Taglachinger Tals, zu Erziehungsthemen und Menschenrechten statt. Urs Jaeggli, Erich Fried, Günther Wallraff kamen hierher, um zu lesen. Das Trio sprang mit beispiellosem Engagement in seine neue Aufgabe und meisterte auch eine große finanzielle Krise. Recht blauäugig hatten sie den Kreditvertrag unterschrieben, wussten den Unterschied zwischen festen und variablen Zinsen nicht, was ihnen kurz nach dem Kauf in der Hochzinspolitik beinahe den Ruin brachte. "Doch, wo Gefahr ist, wächst auch das Rettende", zitiert Claudia Munz den Dichter Friedrich Hölderlin. Die rettende Idee war damals, das Wirtshaus wiederzubeleben, weil der Freistaat dafür zinsgünstige Darlehen vergab. Die drei Freunde öffneten die Dorfwirtschaft - und die Bauern ringsum nahmen das dankbar an.

Heute wird das Wirtshaus von Maria Michel und Ludger van Oepen geführt. Claudia Munz stieg aus. Rolf Baumann hilft immer noch mit. Und Marias Mutter Kathi. Die 95-Jährige schält einmal die Woche im Wirtshaus Kartoffeln und poliert das Besteck. Auch heute, beim Treffen der alten Freunde, ist sie da und packt mit an. Ihr ist ein eigenes Kapitel im Buch gewidmet. Im Buch, das Claudia Munz mit tatkräftiger Hilfe von Rolf Baumann geschrieben hat. Unter dem Titel "40 Jahre Taglaching" ist eine wunderbare Chronik entstanden, die auf 154 Seiten lebendig die Geschichte des Wirtshauses erzählt, die Ende des Jahres enden soll. Die beiden haben damit Maria Michel überrascht, die dieses Buch am Dienstag zu ihrem 69. Geburtstag geschenkt bekam.

Rudi Baumann, der mit am Tisch sitzt, sieht sichtlich geschockt aus, als er hört, dass die Wirtsleute den "Knochenjob" aufgeben wollen und bereits nach einem würdigen Nachfolger suchen. Für ihn und seine Band sei das Wirtshaus als erste alternative Kneipe im Landkreis genau das Richtige gewesen. Wo sonst habe man das gesamte gesellschaftliche Spektrum so komprimiert in einer Stube finden können. Der Stammtisch mit den Ortsbauern, den die Wirtin bis heute noch verteidigt und Gäste, die dort Platz nehmen wollen, in die Schranken weist ("Da darfst dich nicht hinsetzen, da kommen gleich die Bauern zum Karten spielen"). Am Nachbartisch damals saß die aufstrebende Juso-Prominenz, angeführt von Ewald Schurer. Neben Alternativen mit Jesuslatschen, die selbstgedrehten Schwarzen Krauser rauchten, nahm die ganz normale Familie Platz, die das Körndl-Futter auch mal probieren wollte.

Stammgäste in der dritten Generation besuchen heute das Wirtshaus Taglaching, worauf die Wirtsleute und ihre Freunde sehr stolz sein können. Es ist die familiäre Atmosphäre, der Geist an diesem Ort, der die Gäste bindet. Man lebt mit den Sorgen und Freuden der Menschen. Es wird ein Fest werden an diesem Jubiläumsabend, der längst ausgebucht ist. Wer sich für die Geschichte des Wirtshauses und der Menschen, die dort gearbeitet haben, interessiert, sollte sich das Buch, das Saba Bussmann und Klaus Schäfer gestaltet haben, kaufen. Es liest sich an manchen Stellen wie ein Krimi und rührt auf anderen Seiten ans Herz. Die Auflage von 200 Stück ist nur ein Testlauf. Der Buchbinder Christoph Bückers wird noch einmal nachlegen.

Was die Wirtsleute und Freunde dann machen wollen, wenn sie die Gaststätte in gute Hände gereicht haben, wissen sie noch nicht. Doch soll es wieder ein gemeinsames Konzept geben, verrät Rolf Baumann und grinst.

© SZ vom 01.08.2020/koei
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