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Wirtschaftsstandort Ebersberg:Alles für die Präzision

Zwei Betriebe aus dem Landkreis sind unter die hundert besten Innovatoren Deutschlands gewählt worden. Besuch in Aßling und Forstinning

Von Korbinian Eisenberger

Die Organisation "Top 100" zeichnet jedes Jahr die aus ihrer Sicht innovativsten Mittelständler Deutschlands aus. Mit dabei sind 2020 zwei Betriebe aus dem Landkreis Ebersberg: Eine Logistikfirma für Baukräne aus Forstinning, die einst beim Bau eines Münchner Fußballstadions beteiligt war. Und ein Fräserhersteller aus Aßling, der unter anderem Raumfahrtunternehmen beliefert. Besuche auf den Betriebsgeländen ergeben: Eines haben die beiden gemeinsam.

Aßlinger Millimeter-Arbeit

Die Erschließung des Weltraums beginnt in einem Kellerraum im Landkreis Ebersberg. In der Gemeinde Aßling, wo der 31 Jahre alte Michael Peters seinen Arbeitsplatz bei der Firma Hofmann & Vratny hat. Der Reitmehringer ist Frästechniker und für den Bereich Forschung und Entwicklung zuständig. Seine Aufgabe ist, neue Fräser zu entwickeln, die unter anderem dafür verwendet werden, Türen, Scharniere, Halterungen und Exoskelette für Flugzeuge und Raketenhersteller zu produzieren. Wo genau und zu welchem Zweck die Fräser dann eingesetzt werden, das weiß Peters selbst nicht. Er sagt: "Das unterliegt alles strenger Geheimhaltung."

Nicht mehr geheim ist seit Freitag, dass Peters' Arbeitgeber eine Auszeichnung gewonnen hat. Im seit 1993 jährlich stattfindenden Innovationswettbewerb "Top 100" ist Hofmann & Vratny künftig unter der Klasse bis 200 Mitarbeiter gelistet. Die Firma habe "besonders in der Kategorie Innovative Prozesse und Organisation überzeugt". Verliehen wurde der Preis am Freitag. Vorab gibt es Einblicke vor Ort.

Von der Luft- und Raumfahrt bis zur Medizintechnik: Wer Metallteile oder Kunststoff formen will, braucht einen Fräser. Deswegen haben Gerd Hofmann und Zdenek Vratny die Firma vor 44 Jahren in Aßling gegründet. Zunächst wurde in einer Garage gearbeitet, später im Hühnerstall. Der steht heute noch und dient als Lager, über die Jahre sind drei weitere Gebäude hinzugekommen - und 120 Mitarbeiter. Das Herz des Betriebs: Die Produktion.

Donnerstag vor der offiziellen Verkündigung, die Tür geht auf, es rauscht und zischt und spritzt. Die Aßlinger Fräser werden hinter durchsichtigen Wänden aus Kunstdiamant hergestellt. Im Raum braucht es eine gleichbleibende Temperatur von 24 Grad, so sensibel sind die Roboter, die jeden Fräser zwar automatisch - aber einzeln anfertigen. Wenn die Fräser zurechtgeschliffen werden spritzt ein synthetisches Öl gegen die Scheiben. Ein einzelnes Staubkorn würde die teilweise winzigen Geräte schwer beschädigen. Deswegen steht hier ein Mann mit Arbeiterhose.

Sedat Köse ist 23 Jahre alt und bereits der Produktionsleiter. Beim Schliff erreicht das Hartmetall der Fräser eine Temperatur von bis zu 400 Grad, erzählt er. "In der Mikrofertigung arbeiten die Roboter bis auf zwei Mikrometer genau." Köse weiß alles über Schleifpunkte, Vibrationen, Filtergeräte, Metallverarbeitung und Beschichtungen. Wissen über Präzision, damit die mit 0,1 Millimeter kleinsten Fräser Geräte für Augenoperationen herstellen. Und damit die Großkaliber aus Aßling später Flugzeugturbinenschaufel fräsen.

Forstinnings schwere Flotte

Donnerstagnachmittag, vom tiefsten Süden geht es längs durch den Landkreis in den Norden nach Forstinning. Von weitem sieht man die Kräne in der Sonne funkeln. Auch hier ist Präzision gefragt, wenn auch in größeren Dimensionen. Die "BKL Baukran Logistik" vermietet, verkauft und montiert seit 50 Jahren Kräne - und ist der zweite Preisträger auf Ebersberger Flur. Die Forstinninger sind ebenfalls in der Kategorie "Innovative Prozesse und Organisation" genannt, Größenordnung über 200 Mitarbeiter. Insgesamt sind dort 300 Personen beschäftigt. Sie kümmern sich um 100 Autokräne und mehr als 500 Baukräne - eine Flotte aus Kolossen.

Zwischen Kranteilen, Kranketten und Krankabinen steht ein Mann, der Kräne auf der ganzen Welt verkauft hat: In Nigeria, Südafrika, Saudi-Arabien, Neuseeland und Dubai: Jörg Hegestweiler. Während der 53-Jährige über das Gelände führt, erzählt er von seinen Projekten. In Dschidda in Saudi-Arabien hat er vor acht Jahren damals für die Firma Liebherr Maschinen zum Bau des Kingdom-Towers in Dschidda in Saudi Arabien gestellt. Ein Bauwerk, das derzeit 256 Meter hoch ist und im fertigen Zustand 1007 Meter erreicht haben soll - im Erfolgsfall wäre es das höchste Gebäude der Welt. Hegestweiler wird nicht mehr mitwirken. Nach zehn Jahren im Ausland ist er 2018 nach Deutschland zurückgekehrt, genauer nach Forstinning, als Geschäftsführer von BKL.

Ein vierachsiger Baukran biegt auf das Betriebsgelände ein, der Fahrer berichtet, dass er von einer Wohnhaus-Baustelle in Markt Schwaben komme, er hat "Wandelemente eingesetzt". Die größten Autokräne können mit bis zu 72 Tonnen Gewicht über die Straße fahren und aufgebaut bis zu 500 Tonnen heben. Das besondere an BKI: Man kann dort beides bestellen: klassische sogenannte Turmträgerkräne - und fahrbare Autokräne mit Teleskop-Funktion. Diese werden unter anderem dafür benötigt, einen Turmträgerkran überhaupt erst aufzubauen. Deren Belastbarkeit ist deutlich geringer als bei einem Autokran, sie braucht es für die Höhe und bessere Erreichbarkeit eines Bauwerks per waagrechten Arm. Der größte Turmträgerkran bei BKI ist 150 Meter hoch.

So viele Krane an einem Ort. Doch bei all der Masse ist auch hier Präzision gefragt, die Folgen eines Kranunfalls wären massiv. Anders als in der Branche üblich laufen bei BKI auch aus Sicherheitsgründen sämtliche Prozesse digital ab. "Jeder Kranfahrer hat ein Smartphone und ein Tablet", erklärt Hegestweiler. Dieses System überzeugte offenbar die mit Wissenschaftlern besetzte Jury des Preisverleihers mit Sitz in Überlingen am Bodensee. Am Kingdom-Tower in Dschidda hat die Forstinninger Firma zwar nicht mitgewirkt. Dafür standen die Mitarbeiter beim Bau der Münchner Allianz-Arena parat.

© SZ vom 20.06.2020
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