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Wettbewerb "Jugend musiziert":Anspannung, Applaus, Aufatmen

Theresa Weyh aus Ebersberg, die als einzige den Landkreis in der Disziplin Akkordeon solo vertritt, nimmt das Ganze locker, sie möchte vor allem schöne Lieder spielen können.

Vierzig Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis spielen am Wochenende beim Wettbewerb "Jugend musiziert" um Punkte und Preise - die Klassikfraktion in Anzug und feinem Kleid, die Popsänger im lässigen Outfit.

Mit zwei entschiedenen Bogenstrichen beendet Johanna Gerstner das Präludium von Fritz Kreisler. Höhepunkt, Schluss, Erleichterung: Für einen kurzen Moment kann man sehen, dass hier eine 13-Jährige auf der Bühne steht. Der Blick, der bis eben noch hoch konzentriert und mit zusammengezogenen Augenbrauen auf dem Geigenhals ruhte, wandert suchend durchs Publikum und bleibt in der ersten Reihe hängen. Dort, hinter den gestrengen Köpfen der weißhaarigen Jury, sitzt Daniela Gerstner, Johannas Mutter, und nickt ihrer Tochter zu. Und Johanna lächelt schnell zurück, bevor sie den Rücken wieder durchdrückt und ansetzt zu Dmitiri Schostakowitschs Frühlingswalzer.

"Ein richtig schweres Stück" war das, sagt Johanna gleich nach dem Vorspiel. Und doch, es habe gut geklappt. Sie macht eine kurze Pause, grinst mit zwei Grübchen links und rechts und gibt zu: "Eigentlich war's sogar sehr gut." Das musste es auch sein, denn Johanna nimmt heute nicht nur zum Spaß bei "Jugend musiziert" teil. "Ich will unbedingt einen ersten Preis", sagt sie und versteckt ihren Ehrgeiz nicht hinter antrainierter Bescheidenheit. Sie spielt Geige, seit sie vier Jahre alt ist, und fährt jeden Morgen von Zorneding nach München zum Pestalozzi-Gymnasium, das sie wegen seines musischen Schwerpunkts besucht. An den Wochenenden spielt sie zusätzlich bei "Attacca", dem Jugendorchester der Bayerischen Staatsoper. "Wenn ich mit meiner Familie in Urlaub fahre, freue ich mich erst, dass ich nicht mehr täglich üben muss. Aber spätestens nach einer Woche vermisse ich die Geige richtig."

Johanna Gerstner aus Zorneding packt auch den Schostakowitsch mit Bravour.

Während Johanna erzählt, kommt immer wieder jemand zum Gratulieren vorbei. "Schönes Vorspiel", sagt die Mutter eines anderen Kindes und Johanna sagt strahlend Danke. Viele hier kennt sie. Ihr Klassenkamerad Vincent spielt laut Johanna "total gut Klavier" und lehnt ein paar Meter weiter in Anzughose und weißem Hemd an einer Marmorsäule, weiter hinten stehen andere Mitglieder von Attacca. Aber so sehr sich Johanna unter Musikern auch heimisch fühlt, später will sie dennoch lieber Juristin werden. Oder Ärztin. Nur diesen ersten Platz, den will sie vorher doch gerne haben. Noch dreißig Minuten bis zur Ergebnisbekanntgabe.

Während Johanna im Foyer der Musikhochschule nur schwer still sitzen kann, wartet auch Xavier D'Arcy auf seinen Auftritt. Auch er stellt sich heute der Jury von "Jugend musiziert", wenn auch in einer ganz anderen Disziplin als Johanna. Während im Hauptgebäude der Musikschule in der Arcisstraße an diesem Samstag die feinen Kleider, Anzüge und Geigenkoffer das Bild dominieren, ist die Stimmung im Carl-Orff-Auditorium in der Luisenstraße deutlich gelöster. Hier treten die Teilnehmer der Kategorie "Pop Gesang" gegeneinander an und einer von ihnen ist Xavier aus Oberpframmern.

So richtig aufgeregt ist der 17-Jährige nicht. Dreimal hat er schon bei Jugend musiziert teilgenommen, in einer Oper ist er aufgetreten, vorm Papst hat er gesungen und in der Royal Albert Hall in London stand er auch schon auf der Bühne. Als seine Eltern mit amüsiertem Staunen davon erzählen wollen, unterbricht er sie schnell - "Bitte nicht!" Denn Xavier will kein Kinderstar sein, er will seine eigene Musik machen. Er hat nicht nur seine Gitarre dabei, sondern auch eine Hand voll Sticker, mit denen er für seine eigene Homepage wirbt. Darcy nennt er sich da und erklärt in einem Text, warum er Musik macht: "Um nicht irgendwann in einem Büro sitzen zu müssen." Mit seinen nur halbgeschnürten Lederstiefeln, der tief im Nacken sitzenden Schiebermütze und dem Elvis-würdigen rhythmischen Zucken in den Beinen, kann man ihn sich dort in naher Zukunft auch nur schwer vorstellen. "Das nächste Lied habe ich selbst geschrieben", kündigt Xavier an und beginnt zu singen. "Ready, steady, stop", setzt er ein, doch was man hört, ist alles andere als "Stop". Er nutzt seine Ausbildung im klassischen Gesang, um seine Stimme bis in die oberen Oktaven zu locken und schafft es dennoch, die Lässigkeit eines klassischen Rock'n'Rollers beizubehalten. Als er wieder von der Bühne tritt, ist es nicht nur sein Vater, der dem Klatschen einen kleinen Jubelschrei hinzufügt.

Xavier D'Arcy, Popsänger mit klassischer Ausbildung aus Oberpframmern, schreibt eigene Songs und hat sich die Lässigkeit eines Rock 'n' Rollers bewahrt.

In der Arcisstraße ist der Saal, in dem Johanna ihr Vorspiel hatte, inzwischen bis in die letzte Stuhlreihe voll besetzt. "Jetzt kommt die Urteilsverkündung", sagt eine Mutter. "Wir waren sehr zufrieden mit dem heutigen Niveau", sagt der Juror. Die Kinder, die genug Punkte für einen ersten, zweiten oder dritten Platz erreicht haben, werden nacheinander nach vorne gerufen. Mal gehen sie strahlend nach vorne, mal mit den Schultern so hochgezogen, als könnten sie so ihr Gesicht unsichtbar machen. Das hat allerdings weniger damit zu tun, ob auf ihrer Urkunde Erster oder Zweiter steht, sondern mehr mit dem bereits erreichten Grad der Pubertät. Schließlich die Auflösung: "Johanna Gerstner, ein erster Platz." Johanna lächelt tapfer, während ihre Wangen zornig glühen. Der entscheidende Zusatz "mit Weiterleitung" fehlt. Auf den Landeswettbewerb, auf den sie sich so gefreut hat, wird sie noch eine weitere Runde warten müssen.

Xaviers erster Platz funkelt da ein kleines bisschen mehr: Er wird gegen die anderen Sieger der Regionalwettbewerbe aus ganz Bayern antreten. Und das zum dritten Mal. Vor vier Jahren in der Kategorie Klassischer Gesang, vor drei Jahren das erste Mal in der Kategorie "Pop Gesang". "Das Wichtigste bei Jugend musiziert ist für mich das ausführliche Feedback durch die Jury", sagt Xavier. Er müsse noch mehr daran arbeiten, seinen eigenen Stil zu finden, wird ihm heute geraten. "Beim Landeswettbewerb sind dann noch wieder einmal mehr Juroren und noch mehr Meinungen, und ich bin sehr gespannt, was die zu sagen haben", sagt er. Und der Bundeswettbewerb, natürlich, der lockt auch.

Während Xavier und Johanna schon mitsamt Urkunden nach Hause fahren, sitzt Theresa Weyh in Jeans und Hemd mit ihrem Akkordeon vor einem abgedeckten Steinway-Flügel. Die obligatorische Verbeugung vor ihrem Kurzkonzert bringt sie schnell hinter sich, um dann mit großem Ernst das Instrument ein- und ausatmen zu lassen, und ihm schwermütige, kleine Melodien und schließlich einen ausgelassenen Tanz zu entlocken.

Dieser Tanz, der gefällt Theresa am Besten. "Ich spiele nicht so gerne leise", stellt die 10-Jährige klar. Und schwer tragen, das kann sie auch. Schwupp, hat sie ihr Lieblingsinstrument quer durch den Raum gehievt. "Beim Akkordeon kommen wenigstens keine schiefen Töne", weiß Theresa. In ihrem Fall sind es nicht die Eltern, die ihr Kind zur Musik gebracht haben, sondern es ist Theresa, die ihre Eltern dazu motivierte, wieder zur Musikschule zu gehen. Seit vier Jahren lernt Theresa in dem Gebäude im Klosterbauhof in Ebersberg Akkordeon, seit zwei Jahren kommen dort auch ihre Eltern hin, um ihre halbvergessenen Gitarrenkenntnisse freizulegen. Diese Weihnachten haben sie zum ersten Mal ein kleines Familienorchester auf die Beine stellen können.

Auf einen ersten Preis hofft die junge Ebersbergerin nicht. "Ich habe viel zu wenig geübt", sie zuckt mit den Schultern. Wichtiger als ein Preis wäre es ihr ohnehin, später einmal die richtig schönen Lieder zu spielen, die ihr im Trachtenverein so gut gefallen. "Aber da braucht man Jahre, bis man die kann", sagt sie. Damit sie auf diese Jahre gut vorbereitet ist, wünscht sie sich eine neue Akkordeontasche. "Da sind Riemen dran", erklärt Theresa und illustriert mit klarer Geste wie das Akkordeon dann zum Rucksack wird.