Ebersberg "Wenn Vermieter 'Ausländer' hören, haben sie immer noch eine Abwehrhaltung"

Geflüchtete und Einheimische zusammenbringen - auch das gehört zur Integration, wie hier bei einem Aktionstag in einer Zornedinger Schule 2016.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Fremd klingende Namen sind im Landkreis Ebersberg offenbar immer noch ein Hindernis bei der Wohnungssuche.

Von Clara Lipkowski

Eine italienische Familie? "Um Gottes Willen, keine Italiener." Solche Reaktionen kennt Caterina Maurizi. Sie lebt seit vier Jahren in Deutschland, 14 Monate davon suchte sie mit Mann und Kind im Landkreis Ebersberg eine Wohnung. Vermieter, die sie wegen ihrer Herkunft völlig unverblümt ablehnten, hatte sie mehrmals am Telefon, trotz unbefristetem Arbeitsvertrag und gutem Einkommen. Offenbar fürchteten sie, sich mit den Italienern automatisch ein Bündel Probleme ins Haus zu holen. "Vielleicht dachten sie: Italien gleich Mafia", sagt die Lehrerin.

Diskriminiert zu werden, das erleben laut einer Studie von Anfang Januar drei von zehn Zuwanderern in Bayern. Was die Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration aber auch zeigt: In Bayern gelingt Integration offenbar besonders gut, besser jedenfalls als im Vergleich zu anderen Bundesländern. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund wurden für den Bericht nach ihrer Meinung gefragt.

Heraus kam, dass sich Migranten mit ihrem neuen Wohnort identifizieren, häufig Kontakt mit Einheimischen haben und diesen tendenziell positiv bewerten. Auch Maurizi ist angekommen, sie ist das, was man als integriert bezeichnen würde, sie hat einen Job, inzwischen eine Wohnung, spricht Deutsch, hat Freunde gefunden.

Aber gilt das auch für die etwa 20 000 Zuwanderer und 700 Flüchtlinge im Kreis Ebersberg? Derzeit leben im Landkreis Menschen aus 110 Nationen. Am häufigsten vertreten sind laut Landratsamt Kroaten, Rumänen und Polen. Eine Studie über die Integration der Menschen gibt es zwar noch nicht, aber der Tenor bei Asylhelfern, Firmeninhabern und Ehrenamtlichen in Vereinen ist oft derselbe: Die Integration - sei es von Flüchtlingen, die seit dem Sommer 2015 kamen oder Zuwanderern, die schon lange hier leben - gelingt zunehmend besser.

"Es ist mir egal, welche Hautfarbe meine Mitarbeiter haben"

In vielen Gemeinden haben Zuwanderer Arbeit gefunden. In Oberpframmern etwa haben von den neun Asylbewerbern acht eine feste Stelle, der neunte macht eine Ausbildung zum Heizungsbauer. In Grafing beschäftigt der Gartenbauer Hans Hörner seit mehr als 20 Jahren Geflüchtete, Mitte der Neunziger stellte er einen Kosovaren ein, der als Kriegsflüchtling nach Deutschland kam. Er hat sich zum Vorarbeiter hochgearbeitet, heute ist er für Hörner "wie ein Bruder". Seit ein paar Monaten arbeitet ein junger Nigerianer für ihn. "Es ist mir egal, welche Hautfarbe meine Mitarbeiter haben, was sie glauben oder essen", sagt Hörner, wichtig sei, dass sie gut arbeiten und sich in das kleine Team von sechs oder sieben Leuten integrieren.

Beschäftigt seit vielen Jahren Geflüchtete: Hans Hörner.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Caterina Maurizi, die Ebersbergerin aus Italien, kennt das Thema Integration nicht nur aus eigener Erfahrung, sie arbeitet auch im "Verein Ausländerhilfe". Dort berät sie Zuwanderer, etwa bei neuen Arbeitsverträgen oder wenn sie einen in Behördendeutsch verfassten Brief nicht verstehen. Sprache ist für Maurizi der Schlüssel zur Integration: "Man muss selbst in der Lage sein, die Krankenkasse anzurufen." Ausbaufähig in der Integration sei die Frauenförderung. Immer wieder erlebe sie, dass Frauen - etwa, wenn sie nicht berufstätig sind, aber schon länger hier leben - nur gebrochen Deutsch sprechen, während die Kinder es in der Schule lernen und der Ehemann durch die Arbeit.

Unter den Geflüchteten im Landkreis ist der Stand der Deutschkenntnisse sehr unterschiedlich. "Das hängt stark vom Bildungsniveau ab", sagt Götz Kirchhoff, der sich in Poing für Flüchtlinge engagiert. Er kennt einen jungen Mann, der mit einem Master in Germanistik gerade einen Job sucht. Andere zeigen gar nicht erst große Ambitionen, überhaupt Deutsch zu lernen, was auch daran liegt, das bei vielen der Bleibestatus unklar ist. Kirchhoff betreut Flüchtlinge aus Syrien, Jemen und afrikanischen Ländern. Das Zusammenleben mit den Poingern funktioniere, alles sei friedlich, gehemmt werde die Integration aber wegen der Lage einzelner Flüchtlingsunterkünfte, wie in Grub.

"Und gleichzeitig höre ich im Radio, dass Tausende Pflegekräfte fehlen"

Ähnlich sei die Situation bei der Pöringer Unterkunft in der Nachbargemeinde Zorneding. "Da kommt kein Mensch vorbei, wenn er nicht gezielt hinfährt", sagt Kirchhoff. Also bleibt man zwangsläufig unter sich. Damit sich Einheimische und Neulinge kennenlernen, nehmen Helfer Geflüchtete immer wieder zu Veranstaltungen mit, in Kirchseeon aber sei das Interesse eher durchwachsen, sagt Flüchtlingshelfer Paul Wollny. "Halb-halb" quantifiziert er die Bereitschaft der Geflüchteten mitzukommen.

Götz Kirchhoff, dem Helfer aus Poing, brennt aber vor allem die Sache mit der Arbeitserlaubnis unter den Nägeln. Eine Krankenschwester, die aus Uganda geflüchtet ist und nun in Poing lebt, würde gerne wieder ihren Beruf ausüben. Weil sie als Flüchtling gekommen ist, darf sie aber nicht. "Wäre sie auf offiziellem Weg eingereist, würde sie jetzt vielleicht schon arbeiten", sagt Kirchhoff. Stattdessen sitze sie nun untätig zu Hause rum. "Und gleichzeitig höre ich im Radio, dass Tausende Pflegekräfte fehlen." Die Arbeitserlaubnis ist für viele Geflüchtete und deren Helfer noch immer Aufregerthema.

Es hakt also noch an vielen Stellen bei der Integration, mitunter werden die Helfer aber auch erfinderisch. In Kirchseeon mieteten Paul Wollny und andere Flüchtlingshelfer Wohnungen selbst an, um sie dann an die Geflüchteten in der Gemeinde unterzuvermieten. Denn auch dort hatte man schlechte Erfahrungen gemacht: "Wenn Vermieter 'Ausländer' hören, haben sie immer noch eine Abwehrhaltung", sagt Wollny. Zwar leben jetzt ein paar der Flüchtlinge in zu großen und eigentlich zu teuren Wohnungen. Aber die Haltung ist die: Man nimmt, was man kriegen kann, denn irgendwann muss das Alltagsleben in der neuen Heimat ja mal anfangen.

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