bedeckt München 20°

Landwirtschaft:"Wenn das Verbot der Anbindehaltung kommt, ist bei uns Sendepause"

Im Stall von Thomas Unkelbach laufen die Kühe frei herum. Hinten rechts die silberne Box, in der ein Roboter die Tiere melkt.

(Foto: Christian Endt)

In etwa der Hälfte der Ställe im Landkreis Ebersberg sind Kühe permanent angeleint - Molkereien fordern nun ein Verbot. Was die Bauern aus der Region davon halten.

Gitti, die Kuh, steht in ihrer Box und kaut. Sie kaut gemächlich und schaut dabei hin und wieder zur Seite, wo Sissi steht und Wasser aus einem Napf leckt. Gitti gegenüber steht Hannelore, die im Grunde auch nichts anderes macht, als fressen, wiederkäuen und trinken. Dabei stehen die Kühe auf Matten und wenn alles verdaut ist und hinten wieder raus muss, fällt es durch ein Gitter am Boden, das etwa auf Höhe der Hinterbeine anfängt.

Wenn Gitti müde ist, legt sie sich seitlich auf ihren Platz, auf 1,10 Meter Breite und 1,65 Meter Länge, dabei klimpert leise die Metallkette, mit der sie angeleint ist. Morgens um halb sechs und nachmittags um halb fünf kommt der Bauer zum Melken vorbei, dann bekommt die Kuh etwa eine halbe Stunde ihr persönliches Treatment vom Bauern, ab und an wird ein Kalb geboren, ansonsten passiert den Tag über nicht viel.

Das Leben einer Milchkuh, so sieht es nicht nur am Hof von Peter Wimmer in Glonn aus. Etwa die Hälfte der gut 338 Milcherzeuger im Landkreis halten ihre Tiere wie er. Die sogenannte Anbindehaltung ist nach wie vor gängige Praxis, doch jetzt fordern Molkereien in Bayern, diese Haltung abzuschaffen (). Im Sinne des Tierwohls sollen Kühe von 2030 an nur noch in Laufställen leben, wo sie sich ohne Leine in deutlich größeren Boxen frei bewegen können. Oder im besten Fall auf der Weide - oder einer Kombination aus beidem.

Man muss sich Wimmers Hof mit 39 Kühen als kleinen Familienbetrieb vorstellen, eingeklemmt zwischen zwei Straßen im Ortsteil Frauenreuth, Platz für einen Ausbau gibt es nicht. Der 48-jährige Landwirt sagt es direkt heraus: "Wenn das Verbot der Anbindehaltung kommt, ist bei uns Sendepause." Und wenn er von "Uns" spricht, meint er nicht nur seinen eigenen Hof, sondern eigentlich auch alle anderen kleineren Betriebe, die noch anleinen.

Die Viehhaltung im Jahr 2019 könnte nicht unterschiedlicher sein

Thomas Unkelbach, 38, setzt auf Hightech im Stall.

(Foto: Christian Endt)

Etwa eine halbe Autostunde entfernt in Vaterstetten steht Thomas Unkelbach im Stall und schaut auf seine 65 Kühe. Auf 23 Meter Länge und 22 Meter Breite können sie sich hier unter einem Schrägdach frei bewegen. Wer will, kratzt sich an einer Bürste an der Wand oder legt sich ins Heu. Die Kuh hat hier nicht einen festen Platz, sondern frisst und liegt, wo es ihr gerade passt. Zum Melken gehen die Rinder selbst: Dann trotten sie in eine große silberne Box. Auf dem Weg dorthin schiebt gerade eine Kuh eine andere aus dem Weg. Ein kurzes Blöken von beiden Seiten. Hin und wieder raufen sie hier auch, manchmal klettert eine Kuh auf eine andere, weil sie brünstig ist. Verglichen mit Wimmers Stall sind die Kühe unruhiger.

Die Viehhaltung im Jahr 2019 könnte nicht unterschiedlicher sein. Unkelbachs Stall ist ein Hightech-Vorzeigebetrieb. Der 38-Jährige melkt nicht wie Wimmer mit einem Schlauchgerät jede Kuh. Er kontrolliert einen kleinen Bildschirm außen an der Box, der anzeigt: "Milch fließt". Ein Scanner hat da schon an einem kleinen Chip am Knöchel der Kuh erkannt, wer sich gerade in die Box gestellt hat. Der Roboter weiß, wo die Zitzen am Euter sind und dockt vier Saughälse an. Die Kuh frisst derweil Kraftfutter und nach ein paar Minuten dockt der Roboter wieder ab. Mehrmals am Tag kommen die Rinder hier vorbei. Kein Blöken, kein Muhen, wer Milch gibt, bekommt Extraessen. Das wissen die Kühe, und nach ein paar Eingewöhnungstagen kommen sie freiwillig.

Kuh Anbindehaltung

Bei Peter Wimmer sind die Kühe angebunden, er kommt persönlich zum Melken vorbei. Etwa die Hälfte der Bauern im Landkreis halten ihre Kühe so.

(Foto: Clara Lipkowski)

Ist das nun die Zukunft für alle Ställe im Landkreis? Selbständiges Melken, Kühe, die in einem großen Stall in der Herde gehalten werden? Franz Lenz, Ebersberger Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, sieht das so: "Wünschenswert wäre es natürlich für die Tiere, ich bin kein Fan der Anbindehaltung." Und der Laufstall werde auch kommen, die Landwirtschaft gehe mit der Zeit. Aber "hopplahopp" könne man jetzt nicht fordern, dass alle umrüsten. "Manche haben ein Darlehen für ihre Anbindeställe laufen, so was geht ja oft 20, 30 Jahre."

Würde man ihn zwingen, auszubauen - er würde eher dichtmachen

Solche Altlasten hat der Glonner Wimmer nicht. Aber wie das gehen soll, was die Molkereien fordern, konnte ihm noch keiner erklären. "Wohin sollten wir denn bauen?" Einfach eine Weide pachten gehe aus Platzgründen nicht, aber auch, weil das Geschäft so rund gar nicht laufe. Beim Milchpreis von 38 bis 40 Cent kommt er gerade so über die Runden und ist froh, wenn er am Ende des Jahres nicht draufzahlen muss. Mindestens 50 Cent und jedes Jahr, eine kleinere Steigerung brauche er, um davon leben zu können.

Komfort für die Kuh

Anbindeställe zu verbieten, fordern Molkereien und Tierwohlverbände seit Jahren. Die Haltung, die vor allem im Süden Deutschlands noch üblich ist, sei nicht mehr zeitgemäß, widerspreche dem Herdenverhalten von Kühen und schränke ihre Bewegung zu stark ein, argumentieren sie. Und tatsächlich ist laut Deutschem Bauernverband in den vergangenen 15 Jahren die Zahl dieser Ställe deutschlandweit um 75 Prozent zurückgegangen.

Nun fordern Molkereien in Bayern bis 2030 ein Ende des Anbindens und entsprechende Stallumbauten. Staatliche Fördermittel sollen kleinere Betriebe bei den oft siebenstelligen Kosten der Investitionen unterstützen. In Bayern und im Kreis Ebersberg leinen noch etwa 50 Prozent der Betriebe an. Allerdings ist die Zahl der frei laufenden Kühe insgesamt größer, weil Laufställe mehr Rinder fassen. clli

Und staatliche Fördermittel, die es für den Stallausbau gibt? Auch keine Option. Angesichts des stark schwankenden Milchpreises blieben die Schulden ja, sagt er. Hinzu komme, dass er Kühe zukaufen müsste, denn bei weniger als 60 Tieren lohne sich ein Ausbau gar nicht erst, sagt er. Würde man ihn zwingen, auszubauen - er würde eher dichtmachen.

Thomas Unkelbach, der Vaterstettener Landwirt, ist einer, der nicht so schnell aufhören wird. Er hat den Stall schon vor 27 Jahren mit seinem Vater, der damals den Betrieb führte, zu einem Laufstall umgebaut. Damit waren sie Vorreiter in der Umgebung. 200 000 Euro kostete der Umbau, noch einmal 150 000 gingen vor acht Jahren für den Melkroboter drauf. Heute, sagt Unkelbach, könne man locker von dem doppelten Preis ausgehen. Inzwischen rechnet es sich für ihn. Aber wenn er sich die vergangenen zehn Jahre anschaut, sagt er: "Davon haben wir auch fünf Jahre drauf gezahlt." Wenn der Milchpreis im Keller ist, kann das auch einem technisierten Bauer Schwierigkeiten machen.

Sein Kollege Wimmer versucht jetzt, die eigene Situation pragmatisch zu sehen: Sollte die Forderung der Molkereien reine Theorie bleiben, könnte er regelmäßig weißeln, die Matten und Gitter auswechseln und die Klauen der Kühe wie immer zweimal im Jahr reinigen und so den Stall locker noch 20 Jahre betreiben. Deshalb ärgert auch ihn der Appell der Molkereien. Ständig müssten Kunden etwas Neues vorgesetzt bekommen, erst Biomilch, dann Heumilch und jetzt eben Milch von angeblich ganz besonders glücklichen Kühen.

Dabei gehe es den Tieren bei ihm überhaupt nicht schlecht. Sie würden oft sechs, sechseinhalb Jahre und damit mindestens genauso alt wie die im Laufstall. Rangordnungskämpfe zwischen einer stärkeren und einer schwächeren Kuh gebe es bei ihm nicht. Durch das tägliche Melken wisse der Bauer, wie es jeder Kuh geht, ob sie genug gefressen und ob sie Durchfall hat. Außerdem sei die Kuh ja nun mal, anders als das Pferd etwa, ein faules Tier. Ihr gehe es vor allem darum, dass der Weg zum Futter nicht so weit sei.

Trotzdem: Dass die Weidehaltung oder zumindest ein Laufstall die zeitgemäßere Haltung ist, sei ihm auch klar. Während seine Situation kritisch ist, läuft es bei seinem Vaterstettener Kollegen. Seinem Sohn, sagt Wimmer, habe er schon abgeraten, später den Hof zu übernehmen. Der hat es sich trotzdem nicht nehmen lassen, macht jetzt eine Ausbildung zum Landwirt und hilft im Stall mit. Auch an diesem Mittag im Februar, weil ein Kalb geboren wird. Der Kreislauf im Stall ist klar geregelt. Ein Kalb kommt zur Welt, wird aufgepäppelt und dann irgendwann, wenn es nicht, wie an diesem Tag, ein Stier ist, angeleint. Dann gibt das Rind Milch und kalbt irgendwann selbst. So geht der Betrieb immer weiter. Für Wimmer stellt sich nur die Frage, wie lange noch.