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Weltpremiere in Edling:Klangvolles Filmgedicht

Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser präsentieren ihre Dokumentation über die Band "Dreiviertelblut" - ein humorvolles, philosophisches Werk

Von Anja Blum

Mia san ned nur mia." Diese Songzeile fasst ziemlich gut zusammen, worum es hier geht. Wie so viele Sätze in diesem Film kommt er recht simpel daher, lässt man ihn aber wirken, entfaltet er eine ungeahnte, soghafte Wucht. Kaum vorstellbar, dass sich dem irgendjemand an diesem einzigartigen Abend entziehen kann. Eine Weltpremiere stand am Donnerstag auf dem Programm des Freiluftkinos am Stoa, dem urigen Amphitheater bei Edling. Zugleich war es ein Heimkommen für die beiden Regisseure von "Weltraumtouristen", einer Dokumentation über die Band Dreiviertelblut. Der eine, Johannes Kaltenhauser, stammt aus Wasserburg, der andere, Marcus H. Rosenmüller, durfte bereits seine ersten Kurzfilme am Stoa zeigen. "Hier war ich schon vor 25 Jahren aufgeregt", gestand er dem zahlreich erschienenen Publikum. Rainer Gottwald vom Wasserburger Kino "Utopia" sei Dank!

Eine Dokumentation über eine Band also. Wer nun aber denkt, es gehe hier um Beats und Akkorde, oder die Biografien der Musiker, der irrt. Selbstverständlich spürt der Film in knapp 90 Minuten Spiellänge dem Wesen von Dreiviertelblut nach - aber auf ganz unkonventionelle Weise. Das fängt schon damit an, dass der Film komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, der "Fokussierung" wegen, wie Rosenmüller erklärt. Außerdem haben die beiden Regisseure eine ganz besondere Bildsprache gefunden, um das Schaffen dieser Musiker visuell umzusetzen: Immer wieder streuen sie absurde, humorvolle und hochpoetische Szenen ein. Da kriecht eine Schnecke über die Autobahn, dort wird der Mond weggeschleckt, im Wald landet eine Rakete samt Astronaut, dann wieder tritt die Band als vagabundierende Zirkustruppe auf. Ja, dieses cineastische Werk ist mehr ästhetisch-philosophisches Filmgedicht als Dokumentation.

Die "Weltraumtouristen" bei der Weltpremiere im Freiluftkino am Stoa: Marcus H. Rosenmüller, Sebastian Horn, Johannes Kaltenhauser und Gerd Baumann (von links).

(Foto: Christian Endt)

Zu einem Juwel wird es aber auch durch die Nähe und das Vertrauen zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera. Protagonisten sind die beiden Köpfe von Dreiviertelblut, der Texter und Sänger Sebastian Horn sowie der Komponist und Gitarrist Gerd Baumann. Ein kongeniales Duo, das Rosenmüller bereits von diversen Projekten kannte, von Filmmusiken und vom Singspiel am Nockherberg. Der Erfolgsregisseur hatte denn auch die Idee, der Band ein filmisches Denkmal zu setzen, aus Begeisterung für deren Musik und "Themen, die uns alle umtreiben". Vertrauend auf dessen Können an der Kamera holte Rosenmüller noch seinen Studienfreund Kaltenhauser ins Boot, und schon war das "Weltraumtouristen"-Quartett geboren. "Es war irre, wie nahe ich auf der Bühne mit der Kamera an euch heran durfte. Danke dafür", sagt Kaltenhauser in Richtung Baumann und Horn.

Die Chemie schien also von Beginn an zu stimmen, jedenfalls schwärmen alle Beteiligten am Stoa von traumhaften Bedingungen - dank großzügiger Förderung - und einer fantastischen Zusammenarbeit, die geprägt gewesen sei von Leichtigkeit und Kreativität. Und diese war wohl auch nötig, denn die Crew arbeitete ohne Drehbuch oder Konzept. "Suchen beim Machen, das war die Idee, denn wir haben darauf vertraut, dass wir schon etwas finden werden", erklärt Rosenmüller. Vier Jahre lang wurde immer wieder gedreht, das Ergebnis ist eine höchst stimmige Montage diverser Formate, aus beeindruckenden Live-Impressionen, malerischen Naturbildern, hintersinnigen Gesprächen und spielfilmartigen Einsprengseln.

Der Film ist in der Heimat verwurzelt, zeigt diese aber in Schwarz-Weiß.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Man sieht die Musiker auf der Bühne - im Zentrum steht ein Dreiviertelblut-Konzert mit den Münchner Symphonikern im Prinzregententheater -, der Zuschauer ist aber auch im Studio dabei und beim Songschreiben, geht mit Baumann in die Musikhochschule und mit Horn in den Wald. So wird klar, dass die beiden in gewisser Weise Antagonisten sind: Der eine, Baumann, lässt seine Gedanken gerne in vergeistigte Sphären fliegen, der andere, Horn, richtet seinen Blick eher nach unten, auf die Natur. Doch beide sind Suchende, Staunende und kommen zum selben Ergebnis - zusammengefasst im Titel des Films: Wir alle seien "Weltraumtouristen", erklärt Baumann, nur zu Gast "auf unserm blaua Stoa", ohne eine Ahnung davon, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Existenzielle Fragen werden verhandelt in dieser Dokumentation, es geht um nicht weniger als "Tod und Deifi", um die Natur der menschlichen Ängste, um die Wahrnehmung von der Zeit, um das Wesen von Wahrheit, Kunst und Kreativität, aber auch um Lokalpatriotismus. Ja, Dreiviertelblut ist eine sehr bayerische Band, und auch der Film tief in seiner Heimat verwurzelt. Und doch haben beide rein gar nichts zu tun mit kitschiger Folklore und weisen mit ihren Botschaften weit über das berühmt-berüchtigte bayerische Lebensgefühl hinaus. Man wolle natürlich niemanden belehren, sagt Horn - und doch ist der Film ein Plädoyer für Offenheit, Ehrlichkeit und Solidarität. Und wann, wenn nicht jetzt, in der Krise, ist es Zeit für etwas Nachdenklichkeit? Das Lied "Der Sturm" zum Beispiel sei "dank" Pegida und Trump entstanden, erklärt Baumann - doch ein platter Protestsong ist es nicht geworden. Vielmehr kleidet "Der Sturm" Unbehagen und Hilflosigkeit angesichts zunehmender rechter Umtriebe in ein höchst atmosphärisches, archaisch-musikalisches Gewand. "Heit moan i, kimmt no a Weda", heißt es darin, "doch wo versteck ma uns, wo versteck i di, dass i di wieda find?"

Kreativität statt Konzept: Vier Jahre lang wurde immer wieder gedreht, alle Beteiligten schwärmen von der fantastischen Zusammenarbeit.

(Foto: Christian Endt)

"Dreiviertelblut - Weltraumtouristen" im Freiluftkino Am Stoa, am Donnerstag, 30. Juli, um 21.30 Uhr. Kinostart am 6. August.

© SZ vom 25.07.2020

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