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Wasserburg:Von wegen Totale

Probe zur Lesung "Die Nashörner", Theater Wasserburg

Der Aufwand ist bei einer Online-Lesung größer als bei Veranstaltungen mit Publikum vor Ort. Der Abend wird mehrmals durchgespielt.

(Foto: Theater Wasserburg/oh)

Das Theater Wasserburg bietet erstmals eine Online-Lesung - mit mehreren Perspektiven und Einspielern

Von Johanna Feckl, Wasserburg

Von außen sind die Türen des Theaters in Wasserburg für das Publikum wegen Corona zwar geschlossen, drinnen wuseln dennoch Theaterleiter Uwe Bertram und sein kleines Team umher. "Jetzt ist uns langsam dann doch auch langweilig geworden", sagt der 58-Jährige am Telefon. Deshalb haben sich die Theaterleute etwas einfallen lassen, wie sie trotz geschlossener Türen ihrem Publikum Kreatives bieten können. Das Ergebnis: eine Lesung von "Die Nashörner" des rumänisch-französischen Autors Eugène Ionesco als Livestream - es ist die erste Online-Veranstaltung des Theaters.

Dass es erst nach mehr als einem Jahr Pandemie zu einer Liveübertragung aus den Theaterräumen kommt, hat einen Grund. "Film und Bewegtbild ist für mich ein ganz anderes Medium als Theater", sagte Uwe Bertram noch im Dezember. Denn das Publikum als wichtiger Faktor für das Gelingen eines Theaterabends würde online einfach wegfallen: Ein Film könne nicht auf sein Publikum reagieren. Nun ist eine Lesung freilich kein dramaturgisches Geschehen wie ein Bühnenspiel, aber das Publikum sitzt trotzdem zu Hause auf der Couch und nicht im Theatersaal vor dem Ensemble - die Stimmung der Zuschauerinnen und Zuschauer einfangen und darauf zu reagieren funktioniert hier ebenso wenig. Alles Quatsch also, was der 58-jährige Theaterchef noch wenige Monate zuvor über Livestreams gesagt hat?

Nein. "Wenn man ein Theaterstück live abfilmt, dann verliert es für mich komplett an Wirkung", sagt Bertram auch heute noch. Aber: "Es ist ein Prozess, wir müssen ja auf die aktuellen Zeiten reagieren und können und wollen nicht einfach die Hände in den Schoß legen." Konkret bedeutet das: Alles so machen wie bisher und dabei einfach die Kamera auf die Bühne richten - das ist nichts für Bertram und sein Team. Aber das Medium Video von vornherein mitzudenken und das Dargestellte darauf abzustimmen, die Möglichkeiten mehrerer Kameras und damit Blickrichtungen "auszureizen", wie der 58-Jährige sagt, das geht sehr wohl. Genau in diesem Stil wird denn auch die geplante Lesung stattfinden: Nichts da mit einer Totalen auf einen Menschen, der etwas vorliest. Stattdessen arbeitet Bertram, der bei der Lesung Regie und Aufnahmeleitung übernimmt, unter anderem mit Einspielern und verschiedenen Kamerawinkeln. Außerdem werden insgesamt gleich sechs Mitglieder aus dem Ensemble lesen.

Lesungen sind für das Theater in Wasserburg im Prinzip nichts Neues. In der Prä-Corona-Zeit fand dort seit gut fünf Jahren stets an einem Donnerstag im Monat eine Lesung statt. Die letzten zwei Spielzeiten lief die Reihe unter dem Namen "Betreutes Trinken", verantwortet wurde sie von Nik Mayr. Zehn bis 15 Leute kamen in der Regel, ein kuscheliger Rahmen, um mit dem Publikum im Anschluss an die Lesung über verschiedene Themen ins Gespräch zu kommen.

Eine Diskussion erhofft sich Mayr auch nach der bevorstehenden Online-Lesung, er ist einer der sechs Vorlesenden. Der 38-Jährige ist guter Dinge, dass es damit klappt. Im Februar las er zusammen mit seinem Schauspielkollegen Hilmar Henjes in Zusammenarbeit mit der VHS Wasserburg bei einer Online-Veranstaltung aus Werken vor, die während der Nazi-Zeit verboten oder verbrannt wurden. "Rückwirkend war das eigentlich schon ein bisschen wie ein Testlauf für unsere jetzige Lesung", sagt Mayr. Zwar gab es bei der Veranstaltung damals keine Einspieler oder mehrere Kameras, aber ein "sehr schönes und sehr langes Publikumsgespräch" - und somit jenen Kontakt zum Publikum, der allen Künstlern in der Zwangsspielpause so sehr fehle, wie der 38-Jährige sagt. Im Vergleich zu den analogen Lesungen hätten sich online die Gäste sogar schneller und öfter getraut, sich am Gespräch zu beteiligen. "Aus der Sicherheit des eigenen Wohnzimmers heraus tun sich viele wohl leichter damit", vermutet Mayr.

Obwohl die Lesung genau wie das Format "Betreutes Trinken" an einem Donnerstag stattfindet, läuft "Die Nashörner" nicht unter diesem Label, denn bei der Reihe gebe es keinen direkten Bezug zwischen Gelesenem und den Bühnenstücken im Haus, erklärt Mayr. Diesmal ist das aber anders: Eugène Ionesco hat seine Nashörner nicht nur in Form einer Erzählung aufgeschrieben, sondern auch als Drama - die wohl bekanntere Version. Im Mittelpunkt steht ein Mensch, dem sein Umfeld nach und nach auf obskure Weise abhanden kommt, bis er am Ende überlegt, ob mit ihm selbst vielleicht irgendwas nicht ganz stimmt. Die Lesung soll eine Art Einstimmung auf das geplante Bühnenstück sein, für das das Ensemble bald mit den Proben beginnen möchte. Uwe Bertram hofft, dass im Sommer Aufführungen unter freiem Himmel möglich sind. Und falls nicht, dann fällt den Wasserburger Theaterleuten bestimmt wieder eine spannende Alternative ein.

Die kostenfreie Lesung von Eugène Ionescos "Die Nashörner" am Theater Wasserburg findet statt am Donnerstag, 6. Mai, Beginn um 20 Uhr. Weitere Infos unter www.theaterwasserburg.de, Anmeldung telefonisch unter (08071) 597345 oder per E-Mail an karten@theaterwasserburg.de.

© SZ vom 04.05.2021
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