Spiel der Könige„Schach ist nicht elitär, sondern für alle da“

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Grübelnd sitzt Walter Rädler, Botschafter der Europäischen Schachunion, über seinem Spielbrett.
Grübelnd sitzt Walter Rädler, Botschafter der Europäischen Schachunion, über seinem Spielbrett. Christian Endt

Die Europäische Schachunion hat den Vaterstettener Walter Rädler zum Botschafter gemacht. Ein Gespräch über die Macht der 64 Felder und den Intelligenz fördernden Einsatz von Gummibärchen.

Interview von Michaela Pelz, Vaterstetten

Als Walter Rädler Anfang der Neunziger seine Zulassungsarbeit zum Grundschullehramtsexamen über Schach in der Schule schrieb, galt der Vaterstettener als Exot. Mittlerweile hat der Vizepräsident des Deutschen Schachbundes und der Deutschen Schulschachstiftung etwa 700 Lehrkräfte und Erzieher dazu ausgebildet, Kindern das „Spiel der Könige“ beizubringen. Nun hat die Europäische Schachunion (ECU) den 58-Jährigen zum „Chess in Education Ambassador for Germany“ gemacht. Welche Niederlage zu seinen schönsten Erinnerungen gehört und warum das Spiel an jede Grundschule gehört, sagt er im Interview.

SZ: Herr Rädler, wann hielten Sie Ihre erste Schachfigur in der Hand?

Walter Rädler: Da war ich etwa fünf Jahre alt, mein Papa hat es mir beigebracht. Anfangs hat er mich matt gesetzt, dann wurde ich immer besser. Als ich ihn regelmäßig schlug, hatte der Herr Uniprofessor keine Lust mehr (lacht).

Das klingt danach, als gehörten Schach und Bildungsbürgertum zusammen …

Früher eindeutig, heute sieht das ganz anders aus. Schach ist nicht elitär, sondern für alle da! Kleine können gegen Große gewinnen – ein Traum für jedes Kind! Es gibt Gehörlosen- und Blindenmannschaften. Sogar die JVA Straubing hat ein Team, das bei Meisterschaften mitspielt … halt ausschließlich per Heimspiel.

Wann sollte man idealerweise beginnen?

Die erste Klasse ist ein schönes Alter, wenn ein Trainer spielerisch unterrichten kann. Bekannte von mir machen es sogar im Kindergarten. Nicht-Schachspieler stellen sich das immer sehr kompliziert vor, dabei muss man einfach kleinschrittig anfangen. Zum Beispiel mit dem Kartenspiel „rot gegen grün“, bei dem eine Karte zwei Felder bedeckt. Ein Spieler legt gerade, der andere quer. Wer nicht mehr legen kann, hat verloren.

Danach kommen aber schon die Figuren ins Spiel?

Klar. Ich fange immer mit den Zügen des Springers an. Beim „Gummibärchenspiel“ müssen sie schlagen und dürfen dann essen. Gesünder wäre es wohl mit Obststücken, aber der Erfolg spricht leider für sich (lacht). Die Kinder lieben es und es macht die Sache auch den Unwilligen schmackhaft.

Sie propagieren seit Jahren, dass Schach in die Schule gehört …

Ganz genau. Wie Brett- und Kartenspiele fördert es, anders als Computerspiele, Kommunikation und Gemeinschaft. Man lernt Logik, Konzentration und Pläne zu fassen – ganz viele Eigenschaften, die in der Gesellschaft gefördert werden müssen. Deswegen haben die Grundschüler meiner Ganztagsklasse in Kirchseeon auch Schach im Unterricht.

Inj der Schule erklärt Walter Rädler den Kindern erst Mal die Grundbegriffe und die Züge der Figuren des Königlichen Spiels. Auch mit Hilfe von Gummibärchen.
Inj der Schule erklärt Walter Rädler den Kindern erst Mal die Grundbegriffe und die Züge der Figuren des Königlichen Spiels. Auch mit Hilfe von Gummibärchen. Christian Endt
Walter Rädler ist Fan des TSV 1860 München. Das hat ihn davon abgehalten, in die Schachabteilung des FC Bayern zu wechseln.
Walter Rädler ist Fan des TSV 1860 München. Das hat ihn davon abgehalten, in die Schachabteilung des FC Bayern zu wechseln. Christian Endt

Gibt es da auch Noten?

Zum Glück nicht. Ich finde es als AG (Arbeitsgemeinschaft d. Red.)und im Ganztag gut. Aber als ganz normales Fach würde vielleicht der Reiz verloren gehen, wenn man dann auf eine Probe lernen muss.

Als neuer „ECU Chess in Education Ambassador for Germany“ sollen Sie dafür sorgen, dass Schach als Bildungsgut anerkannt wird …

Auf europäischer Ebene weiß man das zwar schon, aber Bildungspolitik ist leider Ländersache. Ich sehe das als langen Prozess, bei dem sich aber durchaus was tut. Wenn ab 2026 der gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung an jeder Schule greift, ist das eine riesengroße Chance. Jetzt schon sind die Vereine sehr rührig. In München macht etwa der FC Bayern ganz viel in Grundschulen.

Die haben eine Schachabteilung?

Und was für eine! Ganz tolle Leute sind das, einmal wäre ich fast hin gewechselt. Dafür hätte ich aber in den Gesamtverein eintreten müssen und das ging gar nicht, schließlich bin ich glühender Fan des TSV 1860. Mit Dauerkarte! (lacht)

Zurück zu Ihren Pflichten als Schachbotschafter …

Im Prinzip soll ich das machen, was ich ohnehin schon die ganze Zeit tue und mir bereits den Schach-Kommunikatorenpreis sowie den höchsten Ehrenpreis der Deutschen Schachbundes, den goldenen Chesso für Öffentlichkeitsarbeit, eingebracht hat: Im Internet, in Schachzeitungen und in Blogs für Veranstaltungen werben. Das beste Angebot nützt nichts, wenn niemand davon erfährt.

Worum geht es da zum Beispiel?

Etwa das Europäische Schulschachpatent mit Abschlussprüfung und Zertifikat, das Lehrkräften beibringt, gutes Schachtraining zu machen. Oder die London Chess Conference, ein europäisches Treffen zum Thema Schulschach. Und das größte Schachevent der Welt, das die ECU 2026 in der Avicii-Arena in Stockholm mit ihren 16 000 Plätzen veranstalten wird. Aktuell planen wir den Deutschen Schulschachkongress, der im November in NRW ansteht. Wer mehr wissen will, abonniert am besten meinen wöchentlichen Rundbrief mit Neuigkeiten aus der Schachwelt. 3000 Leute lesen ihn schon. Einfach anmelden unter wraedler@aol.com.

Der Variation der Spielfiguren sind keine Grenzen gesetzt. Das Bild zeigt eine Variation aus Afrika.
Der Variation der Spielfiguren sind keine Grenzen gesetzt. Das Bild zeigt eine Variation aus Afrika. Christian Endt
Exotisch mutet auch diese Version an.
Exotisch mutet auch diese Version an. Christian Endt
Sogar eine Edition mit Figuren aus den Star-Wars-Filmen gibt es.
Sogar eine Edition mit Figuren aus den Star-Wars-Filmen gibt es. Christian Endt

Wie ist es eigentlich um Ihr eigenes Spiel bestellt?

Als Jugendlicher war ich sehr gut, kam mit meinem Team aufs Treppchen bei der bayerischen und deutschen Meisterschaft. Mit 16 habe ich dann den Schachclub Vaterstetten mitgegründet und viel als Funktionär gearbeitet. Mein Potenzial habe ich aber nie ausgenutzt. Es kostet wahnsinnig viel Zeit, eine gewisse Spielstärke zu erreichen, da habe ich lieber mit Kindern gespielt.

Gibt oder gab es Traumgegner?

Weltmeister Garri Kasparow, gegen den ich einmal in einer Simultanpartie unentschieden gespielt habe. Aber noch besser waren die Partien gegen Jarno Scheffner. Die schönsten Niederlagen meiner Karriere!

Das müssen Sie erklären.

Jarno wurde als Kind ein IQ von 57 attestiert. Er konnte nicht lesen, versagte bei den einfachsten Matheaufgaben und hatte praktisch keine Zukunftschancen. Dann lernte er mit elf Jahren Schach zu spielen. Das gab ihm einen gewaltigen Schub. 2019 gewann er mit dem Deutschen Team bei der ersten Schachweltmeisterschaft für Menschen mit Behinderung die Goldmedaille – heute steht er beruflich als Gärtner auf eigenen Beinen. Was für mich das beste Beispiel ist für die Magie des Schachspiels und zeigt: Wenn du eine Sache kannst und an dich glaubst, dann klappt es auch auf anderen Gebieten.

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