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Wahlanalyse:Nord-Süd-Konflikt

Auch wenn die CSU die Landratswahl gewonnen hat, steht sie nun vor der Aufgabe, einen gespaltenen Landkreis wieder zu vereinen. Zahlreiche Stammwähler der Konservativen haben ihre Gefolgschaft verweigert

Wieland Bögel

Der Landkreis ist gespalten. Dies ist das klare Ergebnis der Landratswahl am vergangenen Sonntag. Mit gerade einmal 801 Stimmen Mehrheit konnte CSU-Kandidat Robert Niedergesäß die Stichwahl für sich entscheiden. Dass eine Wahl knapp ausgeht, ist nicht ungewöhnlich, auch dass der Gewinner seinen Sieg zum Schluss nur ein paar Hundert Stimmen verdankt, ist keine Seltenheit. Ungewöhnlich ist im Falle der Landratsstichwahl allerdings die Stimmenverteilung. Denn zu verdanken war das knappe Ergebnis dem Stimmverhalten der Wähler im Süden und Osten des Landkreises. Dort hat der SPD-Bewerber Ernst Böhm in sieben Kommunen die absolute Mehrheit erzielt und damit einen Trend fortgesetzt, der sich bereits im ersten Wahlgang abzeichnete. Robert Niedergesäß konnte dagegen besonders im Westen und Norden punkten.

Allerdings ist auch dort der Zugewinn des SPD-Kandidaten sehr viel deutlicher ausgefallen als jener seines Konkurrenten. So lagen etwa in Zorneding am 14. April noch gut 17 Prozentpunkte zwischen Böhm und Niedergesäß, am vergangenen Sonntag war der Abstand auf ein halbes Prozent zusammengeschmolzen. Ähnlich die Situation in Pliening, wo Niedergesäß zwar 59 Prozent holen konnte, Böhm aber sein Ergebnis mit 40,8 Prozent nahezu verdoppelte. Das legt nahe, dass die meisten Wähler, die im ersten Wahlgang für den Kandidaten der Grünen, Reinhard Oellerer, oder für Toni Ried von den Freien Wählern stimmten, für Böhm votiert haben.

Es scheint zudem, dass der SPD-Kandidat besonders die Wähler in den ländlicheren Gemeinden sowie den Städten überzeugen konnte. In seiner Heimatstadt Grafing schaffte der SPD-Kandidat mit 66 Prozent sein bestes Ergebnis, nur wenig schlechter, mit 61 Prozent, schnitt er in der Nachbarstadt Ebersberg ab. Dieser Trend hat offenbar auch kaum etwas mit der Wahlbeteiligung zu tun. So gewann Böhm in Aßling, wo gerade einmal 45 Prozent der Stimmberechtigten gewählt haben, mit 58,9 Prozent, in Bruck waren es 56,4 Prozent bei 56 Prozent Wahlbeteiligung. Die Bewohner der Gemeinden im näheren Einzugsbereich der Landeshauptstadt haben dagegen, mit Ausnahme Poings, überwiegend für Niedergesäß votiert.

Diese Stimmenverteilung liegt zum einen an der sehr unterschiedlichen Struktur des Landkreises. Während die einwohnerstarken "Vorortgemeinden" im Norden und Westen eher nach München ausgerichtet sind und deren in den vergangenen Jahren zugewanderte Einwohner dort oftmals eher nur übernachten als am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, haben sich besonders in den kleinen Gemeinden im Süden traditionelle Strukturen erhalten. Ähnlich ist die Situation in Grafing und Ebersberg, die zwar in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls stark gewachsen sind, sich aber nicht wie etwa Vaterstetten und Markt Schwaben gesellschaftlich nahezu ausschließlich an München orientieren. Offenbar galt den Wählern Robert Niedergesäß eher als ein Vertreter dieser Vorortgemeinden und Ernst Böhm als Mann der traditioneller strukturierten Kommunen im Süden.

Dass sich dieser Unterschied nun aber so deutlich im Wahlergebnis widerspiegelt, zeigt die Schwäche der CSU. Denn bei vergangenen Wahlen war es den Christsozialen stets gelungen, diese Unterschiede zu überspielen, egal ob Vorortbewohner, Dörfler oder Kleinstädter, egal ob Vaterstettener oder Ebersberger, an der Urne waren sich alle wieder einig. Dass dieser Automatismus diesmal nicht funktioniert hat, ist neu, und zumindest teilweise in der Vorgeschichte der Landratswahl zu suchen.

Diese reicht eigentlich bereits ins Jahr 2000 zurück, als die Vaterstettener CSU ihren langjährigen Ortsvorsitzenden Gottlieb Fauth gegen den Ebersberger Alois Lachner als Landratskandidaten durchsetzte. Schon damals wurde Kritik laut, der Vaterstettener Ortsverband nehme auf die Parteifreunde in anderen Gemeinden zu wenig Rücksicht. Noch mehr böses Blut verursachte der Umgang des nun scheidenden Landrates und seines Ortsverbandes mit Fauths Krankheit. Bereits 2005, nach Ausbruch der Erkrankung, legten ihm Parteifreunde nahe, zugunsten des Ebersberger Bürgermeisters Walter Brilmayer auf eine zweite Amtszeit zu verzichten, was Fauth und sein Ortsverband aber ablehnten. Auch mit den Landwirten verscherzte es sich Fauth, als er eine Forderung, den Landkreis zur gentechnikfreien Zone zu erklären, mit Verweis auf seine Nichtzuständigkeit abwies. Seine Wiederwahl 2008 gelang Fauth zwar, allerdings war bereits diese ein deutlicher Denkzettel. Hatte er 2002 noch mit 59,3 Prozent gewonnen, sprachen ihm 2008 nur noch 52 Prozent der Landkreisbürger ihr Vertrauen aus. Und schon damals war der Stimmenverlust in jenen Kommunen am größten, in welchen am vergangenen Sonntag Ernst Böhm seine besten Ergebnisse erzielte.

Doch offenbar hat man in der CSU den Zorn des Südens unterschätzt. Im Jahr 2010, als Fauth erneut krankheitsbedingt mehrere Monate ausfiel, hätte es CSU-intern die Chance zur Versöhnung gegeben. Walter Brilmayer stand immer noch bereit, die Nachfolge Fauths zu übernehmen, doch der Kreisvorstand um die Vaterstettenerin Angelika Niebler erkannte den Ernst der Lage nicht und schlug das Angebot erneut aus. Als Fauth dann zwei Jahre später sein Amt endgültig nicht mehr ausüben konnte, hatte Brilmayer sein Angebot längst zurückgezogen. Doch auch hier hätte es noch die Gelegenheit zu einem Brückenschlag gen Süden gegeben, statt Walter Brilmayer bewarb sich dessen Sohn Florian um die Nachfolge Fauths. Indes, die Vaterstettener wollten das Amt des Landrates unbedingt wieder mit einem der ihren besetzen und schickten Bürgermeister Robert Niedergesäß ins Rennen. Dafür haben die Wähler im Süden und Osten die West-CSU nun abgestraft, ihr Kandidat startet in seinen neuen Job im Landratsamt als Vertreter lediglich des halben Landkreises.

© SZ vom 30.04.2013
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