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Vortrag in Zorneding:Vom Fälschen und filmreifen Szenen

VHS mit SZ-Journalisten zu investigativem Journalismus

Von Ibiza bis Niedersachsen führten sie ihre Recherchen: SZ-Journalistin Leila Al-Serori, aus Wien zugeschaltet, und Korbinian Eisenberger (rechts) von der Ebersberger Lokalredaktion sprechen mit Helmut Ertel über ihre Arbeit.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In einem Livestream erzählen zwei SZ-Journalisten vom investigativen Arbeiten

Von Franziska Langhammer, Zorneding

Legen sich Journalisten immer noch, wie früher Kriegsreporter Peter Scholl-Latour, nach einem stressigen Arbeitstag mit einer Whiskeyflasche in die Badewanne? Und gerät man auch als Lokaljournalist mal ins Fadenkreuz von Pöblern? Fragen wie diesen widmete sich am Donnerstagabend eine Veranstaltung der Volkshochschule Vaterstetten in Kooperation mit der Gemeindebücherei Vaterstetten. Durch den fast anderthalbstündigen Livestream führte VHS-Geschäftsführer Helmut Ertel, der die beiden SZ-Journalisten Leila Al-Serori aus der Online-Redaktion und Korbinian Eisenberger vom Ebersberger Lokalteil rund um das Thema "Investigativer Journalismus" befragte.

Al-Serori war gemeinsam mit Kollegen maßgeblich an der Veröffentlichung des Ibiza-Videos beteiligt, das zum Rücktritt des damaligen österreichischen Vizekanzlers Heinz-Christian Strache führte. Eisenberger recherchiert seit Monaten zum Missbrauchs-Skandal in der früheren katholischen Erziehungsanstalt Piusheim - eine Aufgabe, für die es ihn bis nach Niedersachsen verschlug. "Wie sieht eure Arbeit aus?", wollte Ertel wissen und verwies auf Hollywoodfilme, in denen investigative Recherchen meistens in spannungsgeladener Atmosphäre gezeigt werden. Leila Al-Serori, per Video aus Wien zugeschaltet, schilderte die Arbeitsumstände speziell im Fall des Ibiza-Videos tatsächlich als filmreif. Die Übergabe des Videos fand in einem verlassenen Hotel statt. "Wir haben uns dann drei Wochen lang eingesperrt in ein kleines Kammerl", erzählte sie. Bis zur Veröffentlichung durften die Journalisten mit niemandem darüber sprechen. Danach, so Al-Serori, habe ihre Mutter sie fassungslos angerufen: "Wie hast du das nur für dich behalten können?"

Wichtig sei es, verstehen zu wollen - und nicht zu verurteilen

Dass alles mit einer Gerichtsverhandlung in München begann, erzählte Eisenberger. Ein Mann war des sexuellen Missbrauchs angeklagt in mehreren hundert Fällen und sagte vor Gericht aus, selbst als Kind missbraucht worden zu sein - in Piusheim. Sein journalistischer Grundsatz sei, so Eisenberger, verstehen zu wollen, nicht zu verurteilen.

Auch der Fall Relotius kam zur Sprache. Als Lokaljournalist sei diese Art von Fälschung unmöglich, sagte Eisenberger mit Verweis auf den Mikrokosmos, in dem man sich auf regionaler Ebene bewegt. Al-Serori verwies darauf, wie wichtig es ist, dass manche Texte auch durch die hauseigene Rechtsabteilung laufen. Über eine Frage von Ertel mussten beide Journalisten etwas länger nachdenken: Warum denn die Meinungen in den Kommentaren in den letzten Jahren so viel zahmer ausfallen? Einig waren sie sich, dass diese neue Vorsicht auch an den teils heftigen Reaktionen der Leser liegt. Eisenberger resümierte: "Mein Eindruck ist, dass vor sieben Jahren die Leser noch deutlich respektvoller waren." Al-Serori formulierte es so: "Die Leser sind in den letzten zehn, 15 Jahren selbstbewusster geworden, weil sie interagieren können mit den Journalisten."

© SZ vom 14.11.2020
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