Süddeutsche Zeitung

Vom Ausreißer bis zum dementen Rentner:Plötzlich verschwunden

Vom jugendlichen Ausreißer bis zum dementen Rentner: 84 Landkreisbürger sind diesem Jahr bisher als vermisst gemeldet worden. Sie sind alle wieder aufgetaucht oder von der Polizei gefunden worden

Katharina Blum

Weggelaufen, verirrt, verschwunden: Menschen, die vermisst werden, hinterlassen Schmerz, Leere, Fragen. Im Landkreis wurden in diesem Jahr 84 Vermisste gemeldet - fast alle kehrten spätestens nach ein paar Tagen zurück. In seiner Datei "Vermisste/Unbekannte Tote" führt das Bundeskriminalamt (BKA) für den Landkreis mit Lydia Achatz eine Langzeitvermisste. Von der 40-Jährigen aus Haselbach bei Ebersberg fehlt seit dem 21. August 2009 jede Spur, seit sie Waldarbeiter am frühen Morgen im Ebersberger Forst beim Gasthaus St. Hubertus zuletzt gesehen haben.

Aber nicht jeder Mensch, der bei seinen Angehörigen daheim nicht wieder auftaucht, gilt polizeilich sofort als vermisst. Jemand muss, so heißt es im Behördendeutsch, seinen gewohnten Lebenskreis verlassen haben und der derzeitige Aufenthalt unbekannt sein. "Und es muss eine Gefahr für Leib und Leben vorliegen", zitiert Franz Tischler, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Ebersberg, das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz, das die Grundlage für die polizeiliche Arbeit bildet. Darin steht auch: Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, haben das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen - auch ohne diesen Angehörigen oder Freunden mitzuteilen. Aufenthaltsermittlungen führt die Polizei nur durch, wenn Straftat, Unfall, Hilflosigkeit oder Selbsttötungsabsicht angenommen werden kann. Anders bei Minderjährigen: Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben.

Im Landkreis sind es hauptsächlich Kinder und Jugendliche, die verschwinden, meistens aber schnell wieder auftauchen. 89 Personen wurden 2011 bei der PI Ebersberg vermisst gemeldet, 55 waren Ausreißer aus Heimen oder anderen Einrichtungen. Und bei den verbleibenden 34 Fällen "ist die Anzahl an Minderjährigen riesengroß, die nach einem Streit mit den Eltern oder aus Angst vor schlechten Noten abgehauen sind. Dazu kommen noch einige Fälle von an Demenz erkrankten Menschen, die sich verirrt haben", erklärt Hauptkommissar Tischler. Die gute Nachricht: "Es gab keine Gewaltverbrechen." 2012 musste die Dienststelle bislang 50 Meldungen aufnehmen, darunter 30 von weggelaufenen Kindern und Jugendlichen.

Ein ähnliches Bild in Poing: 2011 gab es 56 Vermisstenfälle, 31 davon waren jugendliche Ausreißer. Heuer haben 34 besorgte Angehörige eine Anzeige aufgegeben, 14 meldeten Minderjährige als vermisst. "Bei einigen Jugendlichen kennt man die Namen inzwischen sehr, sehr gut. Da sind die Sorgen nicht mehr ganz so groß, weil wir meistens genau wissen, wo wir sie auftreiben können", sagt Poings PI-Chef Helmut Hintereder. Wenn aber ein Rentner vom Spaziergang nicht ins Altersheim zurückkehrt, dann springt der Fahndungsapparat der Polizei sofort an, mit Telefonaten bei der Integrierten Leitstelle und Krankenhäusern sowie Suchaktionen mit Hunden und Hubschraubern mit Wärmebildkamera. "Altersdemenz ist ein schleichender Prozess. Erst ist er oder sie immer zurückgekommen, dann gibt es plötzlich den Blackout", sagt Hintereder. "In der Regel werden sie aber innerhalb von 24 Stunden gefunden." Weil sie auffallen, wie es der Polizist nennt, etwa wenn jemand im Winter nur mit Pantoffeln unterwegs ist. Am Dienstagmorgen beispielsweise riefen Anwohner in Tuntenhausen die Polizei, weil in ihrer Straße ein Mann mit seinem Rad ständig auf- und abfuhr. Es war ein 79-Jähriger aus Vaterstetten, der am Montagabend vermisst gemeldet worden war, als er von seiner "kleinen Runde" mit dem Rad nicht nach Hause gekommen war. "Der Bürger", sagt Hintereder, "denkt in solchen Fällen sehr gut mit."

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SZ vom 30.08.2012
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