Vernissage in Eglharting Momentaufnahmen des Absurden

Fotograf Günther Kühnel gibt in der Galerie Kok mit seinen Bildern Einblick in das Theaterschaffen des Polen Tadeusz Kantors

Von Anja Blum

Theater ist Sprache, Bewegung, Handlung. Also nicht nur ein visuelles, sondern gleichwohl ein akustisches Erlebnis und vor allem auch ein Geschehen in der Zeit. Theater fotografisch festhalten zu wollen, scheint also wenig vielversprechend, gehen dabei doch zwangsläufig verschiedene Aspekte der Bühnendarstellung verloren. Dass Theaterfotografie trotzdem funktionieren kann, zeigt die neue Ausstellung in der Eglhartinger Galerie Kok.

Hier kann man an diesem Wochenende gleich zwei Künstlern begegnen, und zwar in einer außergewöhnlichen Konstellation: Fotograf Günther Kühnel ist zu Gast mit seinen Arbeiten über den Polen Tadeusz Kantor, einen der wichtigsten Theatermacher des vergangenen Jahrhunderts (1915 bis 1990). Die Ausstellung zeigt vor allem großformatige Schwarz-weiß-Fotografien von Aufführungen Kantors aus Nürnberg, Kassel, Wien und München, außerdem Filme und Bücher zu seinem Leben und Werk. Vernissage ist am Samstag, 17. September, um 17 Uhr, am Sonntag, 18. September, ist von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Kühnel, freier Fotograf aus Nürnberg, lernte Kantor 1968 kennen. "Damals war ich der kleine Student, er der große Künstler", erinnert er sich. Alte Regenschirme sollte er für den Polen beschaffen, der ohne Bilder zur Ausstellung in Nürnberg angereist war. "Die werde ich noch machen", habe er nur gesagt. Es entstanden Collagen mit Regenschirmen.

Ein paar Jahre später kam Kantor wieder nach Nürnberg, diesmal mit seinem Stück "Die tote Klasse", das ihm Weltruhm bescheren sollte. Kühnel nahm Kontakt auf und erhielt überraschenderweise die Erlaubnis, während der Aufführungen zu fotografieren. "Aber das musste ich natürlich ganz behutsam tun", erklärt Kühnel, Kontor nämlich war gegenüber Kameras eher skeptisch eingestellt: Ihr wahrer Gebrauch sei kriegerisch. Also habe er, berichtet Kühnel, alle Vorstellungen besucht, um jedes Mal von einem anderen Stuhl aus fotografieren zu können. "Nur so habe ich verschiedene Perspektiven bekommen."

Das Frappierende ist, dass Kühnels Fotos - trotz der Reduktion des Mediums - einen echten Einblick in das Theaterschaffen Kantors geben. Das liegt zum einen freilich in der Kunst des Nürnbergers begründet, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken, aber auch ganz wesentlichen in den Eigenheiten der Stücke. Diese nämlich haben mit herkömmlichem Theater nicht viel gemein: Kantors Werke sind absurd, surreal, düster, symbolträchtig - so wie Kühnels Bilder. Sie gleichen mehr einem Happening, als dass eine Geschichte erzählt wird. Sind geprägt von Gruppendynamik anstatt von Dialogen. Daher rührt wahrscheinlich auch das Phänomen, dass Kantors Stücke trotz polnischer Sprache auf der ganzen Welt verstanden wurden. "Das hat einfach jeden ganz persönlich ergriffen", erinnert sich Kühnel.

Außerdem beinhaltet Kantors Theater einen nicht unwesentlichen Teil an Improvisation. Wie Kühnel berichtet, gab es nie ein Textbuch, sondern lediglich die Vorstellungen im Kopf des Regisseurs. In aufwändigen Proben erarbeitete der Pole mit seinem Ensemble "Cricot 2", das aus Laiendarstellern bestand, die Dramaturgie. Der Inhalt basierte laut Kühnel dabei stets auf "Erinnerungen, Träumen und Visionen" Kantors. In der "toten Klasse" zum Beispiel habe er seine Kindheitserlebnisse verarbeitet: Jeder der Darsteller schleppt eine Puppe mit sich herum, die ihn als Kind darstellt. Doch nicht nur inhaltlich sei das Ensemble auf Kantor angewiesen gewesen, auch auf der Bühne war er der Chef: Im schwarzen Anzug mischte er sich unter die Darsteller und dirigierte das Geschehen. "Er gab Einsätze und bestimmte die Intensität des Spiels", versucht Kühnel Kantors Wirken zu beschreiben.

Insgesamt war das Theater des Polen also von seiner Person abhängig - so dass nach seinem Tod keines der Stücke mehr aufgeführt werden konnte und das Ensemble sich auflöste. "Das war mir schon zu seinen Lebzeiten klar, deswegen habe ich versucht, seine Arbeit so gut wie möglich zu dokumentieren", erklärt Kühnel. Also reiste der Fotograf dem Theatermacher hinterher, eine Freundschaft entstand. "Er konnte sehr lustig sein, aber auch ein Tyrann", sagt Kühnel über Kantor. Und irgendwie habe er "ein bisschen süchtig gemacht".