Vernissage am Freitag Zwischen Augenzwinkern und Verstörung

Der Münchner Bildhauer Christian Jasper kreiert in der Alten Brennerei des Kunstvereins Ebersberg eine eindrucksvolle Installation

Von Theresa Parstorfer

Zu hübsch war der Kopf aus Hausstaub am Anfang. Sagt Christian Jasper. Ein Jahr lang hat der in München lebende Bildhauer Hausstaub gesammelt. Wie sammelt man Hausstaub? "Mit einem beutellosen Staubsauger", sagt Jasper grinsend. Auf den Abdruck eines menschlichen Kopfes hat er den Staub geklebt, war aber mit dem Ergebnis nicht so recht zufrieden. Deshalb kam ein Flammenwerfer zum Einsatz. Sodass der Schädel nun schwarz, versengt, um nicht zu sagen abstoßend aussieht. Hübsch ist in diesem Zustand nichts mehr. Vielmehr erinnert der Kopf an Dinge, die sich niemand gerne vorstellt. Verbrannte Haut, tote Zellen, abgetrennte Glieder. Mit der Nase gegen die Wand lehnt er auf einen Besenstil gespießt in der Alten Brennerei im Ebersberger Klosterbauhof.

Das Kunstwerk ist Teil der Ausstellung "Warten auf den rechten Augenblick (ONO)", die Jaspers eigens für die Räume der Alten Brennerei konzipiert hat. Am Freitag wird Eröffnung gefeiert, seit mehr als einer Woche baut Jasper auf. Fünf Fuhren hat er aus München angekarrt. Arbeiten aus etwa 20 Jahren Schaffenszeit warten entweder noch in Kisten verstaut auf ihren rechten Augenblick oder wurden schon in Vitrinen gelegt, in Regale gestellt oder an Wäscheleinen gehängt.

Gar nicht so einfach ist es, ein allumfassendes Konzept für die Ausstellung zu formulieren. Zeichnungen, Drucke, Möbel, Kisten, farbige Wände und Figuren aus unterschiedlichen Materialien bevölkern das Erdgeschoss der Galerie. Vielleicht ist aber genau diese Zusammenstellung miteinander korrespondierender, einander referenzierender Objekte das Konzept. Ausgangspunkt ist die Idee eines Concept Stores, wie sie derzeit überall in hippen Stadtvierteln aufploppen. Nicht nur sorgfältig ausgewählte Produkte wollen solche Geschäfte verkaufen, sondern damit verbunden einen gewissen Lifestyle, so zumindest die offizielle Definition.

Wie eine Marke, ein Branding soll deshalb auch der Zusatz "ONO" im Ausstellungstitel funktionieren. "2008 habe ich angefangen, immer wieder diese drei Buchstaben in meine Arbeiten einzuarbeiten", sagt Jasper. Weil sie ihm gefallen haben, vielleicht, weil ihre Kombination ein Anagramm darstellt. Gleich beim Eintreten warten drei große regalartige Holzbuchstaben auf den Besucher. Ein "O", ein "N" und noch ein "O". Postkarten gibt es in einem Ständer neben der Tür, so angeordnet, dass mehrmals der Schriftzug "ONO" zu lesen ist. Auch T-Shirts können erworben werden, auf jedem jeweils nur ein Buchstabe. "Ich habe ein paar Sätze Shirts dabei, aber Bedingung für den Kauf ist, dass es drei Leute sind, die die T-Shirts ausschließlich zusammen tragen", sagt Jasper.

Christian Jasper hat in Münster Bildhauerei studiert, lebt und arbeitet aber bereits seit vielen Jahren in München.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Kontrast zwischen diesen leicht augenzwinkernden Details und Arbeiten wie dem verbrannten Staubkopf hat etwas Verstörendes. Beinahe harmlos ist der erste Raum mit hellen Holzmöbeln und akkurat aufgehängten, filigranen Zeichnungen unter der Decke. "Vom Gefühl her gehe ich dann immer da rein", sagt Jasper und führt in den größten Ausstellungsraum. Mit vier grell farbigen Wänden in Form einer Raute hat er ihn noch einmal unterteilt. In der ersten Ecke steht der rüstungsartige Unterleib einer Gussform für einen männlichen Körper. Außen glänzend, innen porös. Aus dem linken hohlen Bein ragt eine Fahne. In Blindenschrift steht auf ihr - wie könnte es anders sein - "ONO".

"Das verstehe ich natürlich nicht, wenn ich Blindenschrift nicht lesen kann", sagt Jasper und zupft an der unteren Ecke des grauen Filzstoffs. Als ein Spiel mit Exklusivität könne das verstanden werden. "Überall gibt es geschlossene Gruppen, deren Art der Kommunikation ein Rätsel bleibt, wenn man nicht dazugehört", sagt er. In der Kunst sei das nicht anders. Insofern könne dieses Werk durchaus als ironische Brechung gesehen werden, "denn ich glaube, dass jeder einen Zugang zu Kunst hat, wenn er sich öffnet, ob er über das Fachvokabular verfügt oder nicht".

In den Räumen bringen menschliche Körper und Teile davon den Besucher zum Nachdenken.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass ein von Flammen verzehrter Kopfabguss etwas im Betrachter auslöst, ist wahrscheinlich. Ebenso wie der Anblick einer ausgehöhlten Ganzkörperstatue, wie sie im dritten Raum auf einer Bühne steht. Durch ein wiederum aus Regalfächern bestehendes Tor führen Stufen auf das Podest. "Der Besucher soll da auch raufgehen", sagt Jasper, "sich selbst ausstellen". Performative Anklänge nennt er das. Unter der Bühne liegen weitere Figuren. Diesmal aus Stoff. Alle diese Puppen, ob nur Köpfe oder ganze Körper, sind Abguss eines Modells: der Rüstung in der Ecke.

Wie ein Finale mutet das Betreten des kleinsten Raumes an. Gespannt wartet der Künstler auf Reaktion, denn dort starrt die lebensgroße Replik eines nackten Mannes aus Glasaugen ins Nichts. Keine Mimik, kein Blinzeln. Das vollständige Innere der Rüstung. Problematisch sei die Verwendung von Glasaugen, so Jasper, eine merkwürdige Anmutung hätten sie, verunsicherten den Betrachter. "Wir erwarten zumindest ein Blinzeln, doch da ist - nichts."

Ausstellung "Warten auf den rechten Augenblick (ONO)" von Christian Jasper in der Alten Brennerei, Vernissage am Freitag, 6. Juli, 19 Uhr. Geöffnet freitags von 18 bis 20 Uhr, am Wochenende von 14 bis 18 Uhr, während des Kulturfeuers: Sonntag bis Donnerstag bis 22 Uhr, Freitag und Samstag bis 24 Uhr. 29. Juli um 16 Uhr: Finissage mit Künstlergespräch