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Vernissage am Freitag in der Alten Brennerei:Kaleidoskop der Reflexionen

Anton Bošnjak gibt beim Ebersberger Kunstverein unter dem Titel "Mikrokosmos hat Mikroklima" Einblick in seine aktuelle Schaffensphase

Mit Holz, vielen Spiegeln und buntem Tape verwandelt der Künstler Anton Bošnjak die Galerie des Ebersberger Kunstvereins in einen spannenden Irrgarten der Perspektiven.

(Foto: Christian Endt)

All zu viel ist noch nicht zu sehen an diesem Nachmittag in der Alten Brennerei im Klosterbauhof, das Wenige indes ist vielversprechend. Der Kunstverein Ebersberg hat Anton Bošnjak eingeladen, die Galerie mit einem Solo zu bespielen, und der Künstler ist auch schon fleißig bei der Arbeit, überall sieht man Werkzeug, Leitern und Materialien herumstehen und -liegen. Doch diese Ausstellung entsteht eben nicht von jetzt auf gleich, sie braucht Zeit, sich zu entwickeln. Denn Bošnjak hängt nicht einfach Bilder an die Wand, sondern tritt in einen künstlerischen Dialog mit dem Raum vor Ort - und hat in dieser renommierten Ebersberger Galerie mit ihrem alten Gemäuer, ihren vielen Nischen und Kanten freilich ein gesprächiges Gegenüber gefunden. "Mikrokosmos hat Mikroklima", so lautet der Titel der Schau, sie soll dem Publikum eine umfassende Präsentation der aktuellen Werkphase Bošnjaks, "die sich installativ explizit mit dem Raum und der eigenen Wirkpraxis auseinandersetzt", bieten.

Die Projektleitung hat diesmal der Vereinsvorsitzende Andreas Mitterer übernommen, kein Wunder, er und Bošnjak haben einst zusammen an der Akademie der Bildenden Künste in München studiert. "Ich finde es höchst spannend, wie Anton mit seiner Arbeit auf Räume reagiert und schätze ihn sehr", sagt Mitterer. Ursprünglich stammt Bošnjak aus Bosnien-Herzegowina, geboren wurde er 1971 in Mostar. "Ich war damals auch ein Kriegsflüchtling", erklärt der Künstler mit Blick auf die aktuelle Migrationsdebatte in Deutschland, "ich habe auch solche Erfahrungen gemacht".

Nicht Mitleid will er damit erregen, sondern Verständnis - dafür, dass er sich einmischen mag und muss, mit den Mitteln der Kunst. Dem denunzierenden Schlagwort "Asyltourismus" setzte Bošnjak jüngst sein Projekt "Azil Turista" entgegen, das eine individuelle, hypothetische Person nahelegt, die der Künstler als sein Alter Ego verstanden wissen will. Über die dazugehörige Ausstellung in München schrieb der Künstler Max Weisthoff: "Jenseits politischer Scharfmacherei und einer angespannten gesellschaftlichen Grundstimmung findet sich hier ein Ort, der viele der allseits vertretenen Unsicherheiten mit einem warmen, sensiblen Gestus der Einfachheit und Prägnanz kontern kann."

Schwarze Netze, die an Kleiderbügeln hängen, hat Bošnjak nach Ebersberg mitgebracht, für ihn gleich ein zweifaches Menetekel: Einerseits erinnerten ihn die miteinander verknüpften Schnüre an vom Öl geschwärzte Fischernetze, erklärt der Künstler, andererseits erhielten sie durch die Befestigung an Bügeln freilich etwas Kleiderhaftes. Umweltverschmutzung trifft Schlepperübel könnte also eine ziemlich konkrete Deutung lauten, darüber hinaus aber ruft diese Arbeit noch viele weitere Assoziationen hervor, vom Mensch als universell Gefangenen zum Beispiel. Ob die Besucher der Ausstellung die Netze aber überhaupt zu Gesicht bekommen, steht noch nicht fest. Bošnjak muss erst noch abwarten, ob er "den richtigen Platz" dafür findet in dieser Galerie. Hoffentlich.

Schon fast fertig ist eine Installation im Raum nebenan, "die habe ich schon im Kopf gehabt", sagt Bošnjak. Eine Art Holztableau hat der Künstler dort errichtet und daran zahllose Spiegel befestigt. Diverse Bretter und Latten, lackiert oder natur, hat Bošnjak dafür verwendet, man sieht Löcher, Schrauben, Scharniere, alles scheint eher schnell zusammengezimmert als sorgsam komponiert. "Ich mag es gerne, wenn die Dinge etwas unfertig aussehen, nicht so picobello, das verschafft mir mehr Freiheiten als eine akkurate Umsetzung", sagt der Künstler. An der Wand gegenüber leuchten viele bunte Klebestreifen. Tritt der Betrachter dazwischen, ergibt sich ein faszinierendes Spiel der Perspektiven, da die Spiegelfläche alles andere als eben oder durchgängig ist: Je nach Standpunkt sieht man sich selbst, teils sogar mehrmals, sowie im Hintergrund die sich scheinbar ständig verändernden farbigen Linien, es entsteht eine Art variables abstraktes Gemälde, ein Kaleidoskop der Raum- und Selbstreflexion. "Vielleicht lohnt es sich, mal aus einem anderen Winkel draufzuschauen", sagt Bošnjak und lächelt wie eine Sphinx.

An den anderen Wänden wird der Künstler Malerei und kleine Zeichnungen präsentieren. Man darf gespannt sein.

Anton Bošnjak: "Mikrokosmos hat Mikroklima" in der Galerie Alte Brennerei Ebersberg, Vernissage am Freitag, 13. September, um 19 Uhr. Weitere Termine: Samstag, 21. September, 20 Uhr, Konzert von "Friends Of Gas", Freitag, 27. September, 20 Uhr, Singer-Songwriter-Abend, Sonntag, 6. Oktober, 16 Uhr, Finissage, 19 Uhr, "Kunst-Klang" mit "z.a.m." (elektronische Experimentalmusik). Öffnungszeiten freitags 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 14 bis 18 Uhr.