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Verlorenes Kind:Ein Funken Hoffnung

Judith will Mutter werden, doch bisher sollte es nicht sein. Sie will es weiter versuchen, aber eine unbeschwerte Schwangerschaft kann sie sich nicht mehr vorstellen

Als Judiths kleine Nichte erfuhr, dass ihre Tante schwanger war, weinte sie. Die Fünfjährige hatte Angst, dass es ihr Cousin nicht auf die Welt schaffen würde. Denn Judith war schon einmal schwanger gewesen. Und hatte ihren Sohn verloren. "Je stärker ich selber bin, desto besser wird es ihnen gehen", sagte sich Judith (sämtliche Namen redaktionell geändert), bevor sie den beiden Töchtern ihres Bruders von dem neuen Baby erzählte. Sie setzte sich mit der Neun- und der Fünfjährigen zusammen und erklärte ihnen, dass sie sich keine Sorgen mache müssten: Auf dem Weg ins Leben habe das zweite Kind ja jetzt seinen Bruder Aliou an der Seite. "Und gemeinsam schaffen sie das". Damit konnte Judith die beiden Kinder beruhigen - doch sich selbst nicht ganz.

Zu nah waren die Erlebnisse vom März 2014. Judith und ihr Ehemann waren überglücklich, als sie erfuhren, dass sie ihr erstes Kind erwarteten. Doch der Junge kam zu früh. In der 25. Schwangerschaftswoche. Nur 745 Gramm schwer. Kein einfacher Start ins Leben - doch die Eltern gaben die Hoffnung nicht auf, verbrachten Zeit an der Seite ihres Sohnes. "Wenn man ihn an den Füßen gestreichelt hat, hat er gezuckt und ich habe zu meinem Mann gesagt: Guck mal, er ist genauso kitzlig wie sein Opa". Judith lächelt und muss eine Träne zurück halten. Es ist eine der wenigen Erinnerungen an ihr Kind. Nach einer Woche stirbt Aliou - er hat gekämpft, doch eine Operation nicht überstanden.

Auf dem Ebersberger Friedhof steht eine Stele, in der kleine Urnen zu versenken sind, für tot geborene Kinder.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nach der Beerdigung des Kindes ist für das Paar klar, dass sie es noch einmal versuchen wollen. Und es funktioniert. Judith wird wieder schwanger. Wieder ein Junge. Die junge blonde Frau lächelt, als sie davon erzählt. So viel neue Hoffnung kam damals in ihr Leben.

Sie und ihr Mann verbringen schöne Tage, besuchen die Eisdiele. Judith spürt ihren Sohn in ihrem Bauch. Auch noch am Abend dieses heißen Julitags. Als sie am Morgen wach wird, ist irgendetwas komisch. "Ich dachte mir, ich hab ihn heute noch gar nicht gespürt. Jetzt rühr dich doch endlich mal." Die 33-Jährige ist beunruhigt, verständigt ihren Mann. Sie rufen ihre Ärztin an. Fahren schließlich in die Klinik. "Ich dachte, von jetzt auf gleich ist alles vorbei", erinnert sich Judith. Doch die Krankenschwester findet einen Herzschlag, sagt "alles ist okay". Judith lässt sich nicht so einfach beruhigen. 120? Ihr Kind hatte immer einen deutlich höheren Puls. Eine Ärztin kommt hinzu. Das Paar bekommt Wortfetzen mit, wie "liegt irgendwie komisch" und "das kann nicht sein". Dann die Gewissheit "Es tut uns leid, aber es gibt keinen Herzschlag mehr". Die Schwester hatte versehentlich Judiths Herzschlag gemessen. Ihr Sohn ist tot. "Die Welt hört auf sich zu drehen. In dem Moment fühlt man sich, als ob man selbst nicht mehr lebt", sagt Judith jetzt, nur vier Monate später. "Man kann einfach nicht begreifen, dass da wirklich nichts mehr ist." Trotz dieser Diagnose muss Judith ihr Kind zur Welt bringen. Nur einen halben Tag später wird die Geburt eingeleitet. Eigentlich soll sie eine PDA bekommen, damit sie von diesem traumatischen Erlebnis möglichst wenig spüren muss. Sie lehnt ab: "Ich dachte mir, ich will das erleben, sonst habe ich vielleicht nie das Gefühl so richtig Mama geworden zu sein."

Im Nachhinein bewundert sie ihre Hebamme, die es geschafft hat, die Geburt "total schön und normal zu gestalten". Trotz allem für Judith ein "surreales" Erlebnis. "Ich weiß, ich sehe gleich mein Kind, aber ich werde nie mit ihm leben können." Anfangs hatte ihr Mann noch gezweifelt, ob er es wirklich durchstehen würde, seinen Sohn überhaupt anzusehen. Dann, als das Kind da ist, schneidet er sogar die Nabelschnur durch. "Wie bei einer normalen Geburt", sagt Judith und weint. "Es ist so wichtig ihn zu sehen, zu halten und begreifbar zu machen, denn, was man nicht sieht, kann man nicht fühlen - es wird nicht Realität." Zur Erinnerung machen sie Fotos und Abdrücke von den Händen und Füßen. Auf den Bildern ist ihr Sohn angezogen. Eine Arbeitskollegin, die selbst Kinder verloren hat, bringt Kerzen, Kleidung, eine Wolldecke und einen Fotoapparat in das Krankenhaus. "Das ist Freundschaft", sagt Judith "Man vergisst sich selbst total. Man ist in dem Gedanken gefangen, dass man gleich ein totes Kind zur Welt bringen wird." Betrachtet sie heute die Bilder von ihrem Sohn in seinem winzigen Strampler, hat sie das Gefühl, "da liegt einfach nur ein schlafendes Kind. So friedvoll."

Kindgerechtes Gedenken.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um ihrem Sohn diese letzte Ruhe zu lassen, entscheiden sich die Eltern gegen eine Obduktion. Auch wenn das bedeutet, dass sie nun mit der Ungewissheit leben müssen. Sie wissen nicht, warum ihr Kind nicht mehr lebt. Sie lassen Noah segnen und beerdigen ihn an der Seite seines Bruders. Eine richtige Trauerfeier, wie bei Aliou gibt es nicht. "Wir dachten uns, das schaffen wir nicht noch einmal. Es kostet so viel Kraft"; das Paar will diesen Moment nur für sich haben. Judith weiß, dass das manch einer nicht verstehen wird, "aber, egal was andere sagen, du musst es so machen wie es für dich richtig ist. In so einer Situation gibt es kein richtig oder falsch."

Für sie und ihren Ehemann war es auch der richtige Weg, ihren Söhnen Namen zu geben. Für Aliou in der Hoffnung, dass er ihn einmal tragen könnte. Und für Noah, um seinen künftigen Geschwistern, die es vielleicht einmal gibt, einen Namen nennen zu können. Judith ist katholisch. Der Glaube, hatte ihr nach dem Verlust des ersten Jungen geholfen. Hatte ihr Hoffnung geschenkt. Jetzt hadert sie, fragt sich "wie kann Gott uns das noch mal antun?" Sie blickt auf und schluckt, "Was ist Gerechtigkeit?" Doch sie sagt das nicht zynisch, sondern lächelnd. Sie stellt sich viele Fragen. Zum Beispiel, wenn sie Frauen sieht, die in der Schwangerschaft rauchen oder trinken. Dann wird sie wütend und es schwirren Gedanken durch ihren Kopf, wie "Warum gerade wir?" oder "hätte man etwas anders machen können?"

Die Erinnerung ist alles was bleibt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch sie sagt auch, dass ihre Schicksalsschläge sie "krass wieder auf den Boden zurückgeholt" hätten. Während andere Frauen in ihrem Alter darüber nachdenken, ob sie lieber die Gucci oder die Prada-Handtasche nehmen, würde Judith ihnen am liebsten zurufen "seid froh darüber, dass ihr am Leben seid". Sie schätzt jetzt die kleinen Dinge im Leben mehr. Das hat auch ihre Beziehung positiv beeinflusst. Gemeinsame Zeit und Worte füreinander wirken jetzt "bedeutsamer", sagt sie. "Zu wissen, dass der Partner in jeder Situation zu mir steht, das bindet, so sehr, dass man weiß: Nichts so Schlimmes kann passieren, dass es uns trennt." Und im Moment ist für das Paar noch viel durchzustehen: Die Bürokratie des Todes. Judith musste viel Papierkram erledigen, die Bestattung organisieren, und ihren Sohn von der Kita abmelden. Ein schlimmer Anruf für sie. "So etwas gehört eigentlich verboten. Dass ein ungeborenes Kind schon einen Kitaplatz haben muss." Sie hat in diesen Tagen Zeit für diese Aufgaben. Sie ist noch im Mutterschutz - denn Mutter ist sie "nur leider ohne ein lebendes Kind." Am schwersten ist es für sie, die Schwangerschaftssachen wegzupacken. Eine Weile musste sie sie noch tragen - der Bauch braucht seine Zeit, sich zurück zu entwickeln. "Man will einfach nur vergessen, woran einen der eigene Körper die ganze Zeit erinnert." Trotz des Schmerzes will Judith es noch einmal versuchen. Doch eine glückliche Schwangere, da ist sie sich sicher, wird sie nie wieder sein.

Ihren Nichten hat sie erklärt, dass man manchmal an einen Punkt kommt, wo der Weg nicht mehr weiter geht. Und dass sich Aliou und Noah an so einer Stelle entschieden hätten, zurück zu gehen. "Und wer weiß, wie die nächste Schwangerschaft wird", sagt sie. "Aber jetzt hat das Kind jemanden auf beiden Seiten, der es begleitet."