bedeckt München 13°

Verkehr in Vaterstetten:Illegale Sicherheit

An der Nordseite der Baldhamer Bahnunterführung gibt es bereits Querungshilfen, die FDP fordert solche nun auch im Süden. Seitens der Verkehrsbehörden sieht man das sehr kritisch.

(Foto: Christian Endt)

Ein Antrag der Vaterstettener FDP auf Zebrastreifen oder Fußgängerampel an der Alten Poststraße in Baldham findet viel Zuspruch - verstößt aber gegen die Straßenverkehrsordnung

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Fußgänger und Radler haben es in der Großgemeinde nicht immer leicht. Dass das Straßennetz hauptsächlich an den Bedürfnissen des Autoverkehrs ausgerichtet ist, wird oft beklagt. Jüngst von der Vaterstettener FDP, diese sieht südlich der Baldhamer Bahnunterführung Handlungsbedarf. Zwei Vorschläge zur Verkehrssicherheit an der Kreuzung Karl-Böhm-Straße sowie Alte und Neue Poststraße hatten die Liberalen im Straßen- und Bauausschuss beantragt: einen Zebrastreifen und ein Tempolimit. SPD und Grüne lobten den Antrag, dass davon aber viel umgesetzt werden kann, ist fraglich.

FDP-Gemeinderat Klaus Willenberg stellte als Nichtmitglied des Ausschusses seinen Antrag von den Zuschauerplätzen in seiner Funktion als Seniorenreferent des Gemeinderates vor. Denn es seien besonders die älteren Mitbürger, die unter der derzeitigen Verkehrssituation leiden würden. Die Kreuzung sei sehr unübersichtlich, was für Fußgänger, die von der einen auf die andere Poststraße wollen, durchaus riskant sei, da auf der dazwischenliegenden Böhmstraße Tempo 50 erlaubt ist. Zwar gebe es knapp 100 Meter weiter südlich an der Kreuzung zur Brunnen- und Waldstraße eine Fußgängerampel, diesen Umweg akzeptierten aber viele Fußgänger nicht, da dies besonders von älteren als zu anstrengend empfunden werde. Er sei sich der rechtlichen Bedenken der Verkehrsbehörden bewusst, so Willenberg, allerdings gebe es gewissermaßen einen Präzedenzfall: Auf der Nordseite der Unterführung gebe es sogar mehrere Zebrastreifen. Die anwesenden Zuhörer aus den Reihen des Seniorenbeirates - der sich ebenfalls für eine Verbesserung für Fußgänger an der Kreuzung einsetzt - bedachten diesen Vortrag mit Applaus.

Sichtlich weniger begeistert ist die Verwaltung. "Es sollte nicht so sein, dass wir immer Dinge machen, die gegen Normen und Richtlinien verstoßen", sagte Bauamtsleiterin Brigitte Littke. Vor eineinhalb Jahren hatten die Gemeinderäte gegen die ausdrückliche Empfehlung der Verkehrsbehörden und der eigenen Verwaltung Fußgängerampeln in der Johann-Sebastian-Bach- und der Baldhamer Straße aufstellen lassen sowie im südlichen Bereich der Johann-Sebastian-Bach-Straße Tempo 30 eingeführt. "Dagegen bestehen nach wie vor Bedenken", so Littke, im Fall der nun geforderten Maßnahmen könnten die Behörden sogar einen Rückbau verlangen.

Es wurde der Gemeinde bereits mitgeteilt, sollte in der Böhmstraße im Bereich der Unterführung Tempo 30 gelten, betrachte man das seitens der Polizei und der Verkehrsbehörden als illegal, da dort kein Unfallschwerpunkt sei. Mit der Folge, dass an der Stelle keine Geschwindigkeitsmessungen der kommunalen Verkehrsüberwachung mehr zulässig seien - im Klartext: dass auch nicht mehr kontrolliert werden dürfe, ob Tempo 50 eingehalten werde.

Ebenfalls Bedenken gibt es gegen einen Zebrastreifen. Durch die Steigung der Straße könnte dieser von Autofahrern übersehen werden, während sich Fußgänger in falscher Sicherheit wähnten. Auch eine Fußgängerampel werde von den Verkehrsexperten von Polizei und Landratsamt abgelehnt. Durch die geringe Entfernung zur Ampel an der Brunnen- und Waldstraße werde es zu Rückstaus kommen. Dies habe sich im Sommer 2018 gezeigt, als wegen der Sanierung der Unterführung an der Stelle eine Baustellenampel stand. Allenfalls möglich sei eine Querungshilfe, so Littke, also eine Verkehrsinsel. Dazu müsse man aber Grundstücke erwerben; der Bau sei deutlich teurer als einen Zebrastreifen einzurichten. Und auch hier gebe es Bedenken wegen der Nähe zur Ampel.

Irgendwas sollte man an der Stelle aber schon machen, forderte David Göhler (Grüne), schließlich gebe es ein hohes Aufkommen von Fußgängern, "warum müssen immer die einen Umweg nehmen?" An anderen Stellen, etwa an der Dorfstraße, seien im übrigen Ampeln und Überwege auch weniger als 100 Meter voneinander entfernt. Renate Will (FDP) sagte aus eigener Anschauung: "Die Leute gehen nicht zur Ampel." Das bestätigte Zweite Bürgermeisterin Maria Wirnitzer (SPD). Darum komme es dort oft zu gefährlichen Situationen und Beinahe-Unfällen, "man sollte nicht warten, bis ernsthaft was passiert". Ihr Fraktionskollege Sepp Mittermeier schlug vor, eine Probe-Ampel aufzustellen und die Folgen zu beobachten. Vor denen warnte Manfred Vodermair (CSU): "Wir können nicht alle 50 Meter eine Ampel oder eine Querung machen, das gibt ein Chaos." Besonders weil an der Stelle auch die Schulbuslinien vorbeiführen. Außerdem "glaube ich nicht, dass wir uns das Recht immer zurechtbiegen können".

"Es muss doch etwas geben, was nicht gesetzeswidrig ist", sagte Will. Ihr Fraktionskollege Willenberg appellierte "an die Kreativität" der Verwaltung. Die eben da ende, "wo es rechtswidrig wird", entgegnete Littke. Letztlich einigte sich der Ausschuss darauf, dass die Gemeinde eine Verkehrszählung vornehmen lassen wird. Untersucht werden soll, wie viele Radler, Fußgänger und Autos täglich die Kreuzung benutzen. Wirnitzer und Mittermeier forderten, dies an mehreren Tagen und zu verschiedenen Tageszeiten zu tun. Das Ergebnis und mögliche Verbesserungen für nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer sollen dann spätestens in der Sitzung des Ausschusses im Januar vorgestellt werden.

© SZ vom 22.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema