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Verhandlung in Ebersberg:"Lass meinen Bruder in Ruhe"

Wer hat wen angegriffen? An eine Schlägerei in Hohenlinden erinnert sich vor dem Amtsgericht jeder anders

Mit der Erinnerung ist das so eine Sache: Manches brennt sich scheinbar unauslöschlich in unser Gedächtnis ein, anderes verschwimmt und wird überlagert von Geschichten, die aus den Erinnerungen gemacht werden. Entsprechend schwierig ist das Unterfangen an diesem Donnerstag in einer Hauptverhandlung am Amtsgericht Ebersberg. Im Mittelpunkt steht die Frage: Was passierte am 12. Mai 2019 gegen 1 Uhr morgens auf einem Volksfest in Hohenlinden? Das Geschehen liegt nicht nur anderthalb Jahre zurück; auch waren viele der Beteiligten damals alkoholisiert, und es war sehr dunkel.

Auf der Anklagebank sitzen zwei Brüder, Endzwanziger, aus dem nördlichen Landkreis. Ihnen wird vorgeworfen, bei dem Volksfest Mitarbeiter des Sicherheitsdienstdienstes angegriffen und gefährlich verletzt zu haben. Unter anderem soll einer der Angeklagten einen Securitymitarbeiter gegen den Sanitätswagen des Bayerischen Roten Kreuzes geschleudert haben, so dass dieser kurzzeitig das Bewusstsein verlor und eine Gehirnerschütterung davon trug. Ein weiterer Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes soll Schläge auf die linke Gesichtshälfte bekommen haben, so dass er Schwellungen des linken Auges erlitt.

Fünfeinhalb Stunden inklusive kurzer Mittagspause dauert die Verhandlung, 15 Zeugen sind vorgeladen, und am Schluss, so viel kann schon einmal verraten werden, wird eine Entscheidung vertagt. Beinah jede Zeugenaussage wird begleitet von Schulterzucken und Sätzen wie "Das ist schon so lange her, da kann ich mich leider nicht mehr genau erinnern". Immer wieder belehrt Richterin Vera Hörauf freundlich die Zeugen, fragt nach dem Tathergang und erhält Schilderungen in ganz unterschiedlichen Varianten. Übereinstimmend berichten die meisten Zeugen jedoch, dass die Sicherheitsmänner relativ rabiat einen Bekannten des Angeklagten aus dem Zelt befördert haben. Die Brüder mischen sich ein, zuerst nur verbal, man geht wieder auseinander.

Der Bekannte versucht nun wieder, in das Bierzelt zu kommen, und wird jetzt von den Securityleuten zu einem Stromkasten gebracht. Dort, so schildern es mehrere Zeugen, fixieren die Sicherheitsmänner den Bekannten mit dem Arm am Hals. Was nun geschieht, bleibt unklar: Wieder mischen sich die Brüder ein, der Jüngere gerät mit einem Securitymann in ein Gerangel. Stolpern sie über die Deichsel des benachbarten BRK-Wagens, oder schlägt der Angeklagte den Geschädigten nieder? Von einem Bodenkampf, einem Gewurschtel, einem Herumrollen sprechen die Zeugen. "Lass meinen Bruder in Ruhe, sonst bring ich dich um", soll der Ältere geschrien haben. Er gibt an, er habe nur gemerkt, dass ihn jemand von hinten packen wollte; den Angreifer habe er weggedrückt. Der Angreifer jedoch erinnert sich daran, dass es "Schlag auf Schlag" ging, dass er einen Schmerz im Nacken gespürt habe und gegen den BRK-Container geschleudert wurde. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Einen gewissen Unterhaltungswert wiesen die Reaktionen auf die Frage auf, wie viel Alkohol an diesem Abend denn im Spiel gewesen sei. Ein Zeuge antwortet, vier, fünf Flaschen Wein werden es bei ihm schon gewesen sein. "Allein?", will Richterin Hörauf wissen. "Nein, schon in Gesellschaft mit anderen", antwortet dieser.

Der zuständige Polizist, der im Mai 2019 die Zeugen vernommen hat, bestätigt, dass dies ganz typisch für Volksfestschlägereien sei: Jeder erinnert sich anders. Weil ein Zeuge an diesem Tag fehlt, der vielleicht noch ein wichtiges Erinnerungsstück beitragen kann, wird die Verhandlung auf den 17. Dezember vertagt.

© SZ vom 27.11.2020 / fla
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