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Verein "Small World" aus Ebersberg:Rollentausch im Reich des Pep Guardiola

Zuwanderer gründen in Ebersberg einen Verein für Integrationshilfe. Es ist der erste Zusammenschluss in der Region, der nicht aus einheimischen Asylhelfern besteht, sondern aus jenen, die einst selbst Neuankömmlinge waren

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Mit Krisen kennt dieser Mann sich aus. Ebola 2015, da lebte Brima Kabba noch in Sierra Leone. Einem kleinen Küstenstaat in Westafrika, wo die Wege kurz sind, und Verstecke rar. Für den damals 23-Jährigen kam es im Februar 2015 besonders dick. Er, der Taxifahrer, hatte zwei Australier vom Flughafen zum Hotel gefahren, die sich alsbald als schwules Pärchen entpuppten. Als ihn der Mob im Auto angriff, erzählt Brima Kabba, da wusste er, dass sein Todesurteil gefallen war. Homophobie ist bis heute ein großes Thema in Sierra Leone. Und so musste Brima Kabba im Februar 2015, während der Ebola-Hochphase, sein Land verlassen - und irgendwo in sicherer Entfernung neu anfangen.

Fünf Jahre später sitzt Brima Kabba in einem Haus am Stadtrand von Ebersberg und streichelt den Hund des Hauses, der den schönen Namen Pep Guardiola trägt, aber mehr Haupthaar hat als das Original. Seine Verfolger und das tödliche Ebolavirus hat er abgehängt, aktuell ist seine Krise Corona. Doch auch diese Pandemie, sagt er, die werde ihn nicht kleinkriegen. Dafür hat er schon zu viele Situationen gemeistert, die weitaus komplizierter waren. Etwa die Ankunft in Bayern, wo damals bestimmt niemand auf ihn gewartet hat. Irgendwie hat er sich durchgekämpft bis zu diesem Haus in Ebersberg, wo er seit einem Jahr wohnt. Der 28-Jährige hat eine Festanstellung bekommen, als Fachkraft für Lagerlogistik bei Lidl, wie er erzählt. Er

Brima Kabba (rechts) und seine Vereinskollegen stehen vor ihrer Zentrale von "Small World": Das Haus der Ebersbergerin Marthe Balzer (links).

(Foto: Christian Endt)

weiß, wie man es packen kann. Deswegen startet er nun zusammen mit Verbündeten ein Projekt, damit es auch andere packen.

Es ist vollbracht. Seit Ende Juni gibt es den Verein "Small World" mit Sitz in Ebersberg. Gegründet haben ihn eine Gruppe von Männern, die aus Sierra Leone stammen und nun in der Region leben: In Zorneding, Baldham, Trudering, München und in Ebersberg. Insgesamt hat der Verein derzeit 15 Mitglieder, einige davon leben weiter weg, etwa in Österreich oder England. Ihr Ziel: Neuankömmlingen mit ihrer Erfahrung weiterzuhelfen. Also Flüchtlingen oder Zuwanderern, die in ihrem neuen Umfeld Schwierigkeiten haben. Mit der Sprache, der Kultur und überhaupt mit dem Neuanfang. Weil - so das Konzept des Vereins: Wer sich schon einmal mit den Behörden, den Begriffen und den hiesigen Regeln herumgeschlagen hat, kann so ein schlechter Ratgeber nicht sein.

Asylantrag, Studiums-Bewerbung, Jobinterview, Amtsgänge, Wohnungssuche. Es geht dem Verein um die großen Themen - aber auch um die kleinen Fallstricke des Lebens im Großraum München. Kabba erzählt von einem Landsmann, der kurz nach seiner Ankunft einem Handybetrug aufgesessen war. Man hört das immer wieder in den Polizeimeldungen: Neuankömmlinge unterzeichnen in ihrer Unerfahrenheit krude Verträge von zwielichtigen Anbietern. Kabbas Bekannter bekam deswegen massive Probleme. Also organisierten er und seine Kumpels einen Anwalt für ihn, "den haben wir gemeinsam bezahlt", sagt er. So entstand die Idee für den Verein "Small World".

BRima Kabba und der Ebersberger Verein Small World

Afrikanischer Trachtler: Eine Aufnahme von Brima Kabba in seiner früheren Heimat Sierra Leone.

(Foto: Privat)

Zwei Wochen vor der Vereinsgründung sitzt Brima Kabba in einer Wohnung, die nun auch seine ist. Er wohnt bei Familie Balzer, hier hat er sein eigenes WG-Zimmer. Am Küchentisch erzählt er von früher, zeigt Fotos, wo er mit Schuluniform auf dem Pausenhof oder in traditionell-afrikanischem Trachtenkleid auf einer Terrasse steht. Er kommt aus Freetown, die Hauptstadt Sierra Leones, knapp 7000 Kilometer von Ebersberg entfernt. Doch der Kontakt in die Heimat ist trotz der Distanz eng geblieben, sagt er. Auch weil Brima Kabba die Probleme dort kennt, daran hat sich wenig gebessert. Tsunamis richten in Sierra Leone immer wieder Katastrophen an, kaum eine Region ist so stark vom Klimawandel betroffen, erzählt er. "Immer mehr Leute flüchten von den Inseln auf dem Meer in die großen Städte auf dem Festland." Hinzu kommt die politische Anspannung im Land. In der Corona-Krise hat sich das Chaos verstärkt, erzählt Kabba. "Durch die Ausgangssperre fehlt es vielen Menschen an Essen." In Sierra Leone gilt: Viele produzieren ihre Lebensmittel selbst auf einem Feld.

Das Leid in der Heimat. Auch das ist ein Grund für diesen Zusammenschluss. Durch die Eintragung als Verein erhoffen sich die Mitglieder Erleichterungen etwa beim Transfer von Geld nach Afrika. Kabba erzählt, dass er regelmäßig Geld in die Heimat schickt, damit seine Leute dort in der Krise nicht verhungern. Bisher zahlte er für die Überweisung etwa über Western Union eine hohe Gebühr. Mit einem eigenen Vereinskonto soll sich dies künftig ändern.

Freetown war für Kabba irgendwann keine Stadt der Freiheit mehr. Im Gegenteil. Mit einem schwer beschädigten Taxi entkam er dem Lynchmob grade so. Nun, da er am Küchentisch sitzt und den Familienhund Pep Guardiola krault, kann er das ruhig erzählen, natürlich auf Deutsch. "Anfangs hat Pep Guardiola mich angebellt", sagt er. Mittlerweile kommt der Mischlingshund regelmäßig zu Brima Kabba ins Zimmer, um sich seine Streicheleinheit abzuholen.

© SZ vom 02.07.2020

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