Veranstaltung Von drinnen nach draußen gekehrt

Erwin Rehling (rechts) schöpft aus den Erlebnissen seiner Kindheit. Peter Holzapfel zaubert als kongenialer Partner den richtigen Sound dazu.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Erwin Rehling und Peter Holzapfel erzählen im Meta-Theater mit bewegenden Worten und Klängen "Neues von Gestern"

Von Ulrich Pfaffenberger, Moosach

Da steht ein Kind mitten im Dorf und sperrt seine Ohren auf, es "lusd" sagt man im Bairischen. Drüben kreischt eine Säge, aus dem Stall da vorn muht und grunzt es, hinter den verschlossenen Scheiben des Schulhauses schimpft die Lehrerin die Lausbuben, hinter den Türen vom Nachbarhof lauscht jemand dem Wunschkonzert. Mit wüstem Geratter saust ein Bulldog ums Eck und aus der Werkstatt schlägt ein Schmiedehammer den entspannten Gegenrhythmus. Der Klang seiner Welt, diese Kakophonie an Geräuschen, die sich zu einer oberflächlichen Harmonie des Alltäglichen verbinden, verankern sich tief in diesem Kind. Es ist die Tonart seiner Heimat.

Viele Jahre später sitzt Erwin Rehling dann an einem Samstagabend Ende Oktober im Meta-Theater in Moosach und berichtet "Neues von Gestern". Er sitzt am Schlagzeug, lässt den Motor knattern und den Hammer schlagen, während ihm Peter Holzapfel an einem seiner wunderbar skurrilen elektronisch-musikalischen Selbstbau-Apparate das Radio aufdreht oder durch die umgemodelte Posaune mit zweitem Schlauch-Ausgang den Sound aus dem Stall herbeizaubert. "Widerspenstige Musik" hatte es dazu in der Ankündigung geheißen - was alles andere bedeutet als "zwider", sondern die gewaltigen Kraft der Gegenspannung meint, die alles in sich birgt, was dem einen völlig normal erscheint und das Leben des anderen auf den Kopf stellt.

Was das "Neue" daran ist? Keiner der Anwesenden hat diese Geschichten schon mal gehört, ist mit dem Erzähler vertraut. Der teilt nun mit dem Publikum diese Klangwelt, zu der eine Gedankenwelt gehört. Auch diese ist tief verwurzelt in den Erinnerungen an Menschen und Ereignisse, alle für sich höchst individuell und sauber gegeneinander abgegrenzt. Im chaotischen Nebeneinander einer "Timeline", die nicht auf Social Media abstrakt abgebildet ist, sondern in den Gedanken und Gefühlen eines jeden von uns die Fäden der Erinnerung mit den Handlungen der Gegenwart verknüpft, äußert sie sich in alltäglichen und gleichzeitig neuen Geschichten. Davon hat Erwin Rehling vermutlich viel mehr verinnerlicht, als er sie an diesem Abend teilt. Das lässt schon die Aufzählung von Namen zu Beginn der Vorstellung ahnen, einer Litanei ähnlich: "Und de kenn' i olle." Die "oweisige" (geistig abwesende) Oma, die auf die Frage eines anklopfenden Freundes nach dem Erwin mit "Moansd' an Fuaßboispieler?" antwortet. Der "Schoißegal" aus dem Bayerischen Wald, weil er statt "Schiaßn" immer "Schoißn" gesagt hat. Oder der Stier, der das Blut am Plastikschaber vom Metzger gerochen hat und dann nichts mehr fraß, bis man ihm die Binde vor die Augen gelegt hat.

Nichts ist Nebensache in diesem Bogen von Geschichten und Bildern, am wenigsten für den Erzähler. Einmal sagt er den schönen Satz vom Stammtisch, an dem jeder Selbstgespräche führt und die anderen dürfen zuhören. Irgendwann und irgendwo muss das ja alles raus, was uns füllt und bewegt, weil wir Ansichten und Meinungen haben, weil wir erkennen, wie das Vergangene hilft, die Gegenwart zu bewältigen. Die Kalberl, die die Bauern zum Verladen an den Bahnhof gebracht haben, die haben den kleinen Erwin bewegt: "Wenn wos weg kumma is, wos ma gern g'hobt hod - des Armselige hod mi o'zog'n", sagt er. Um ein paar Minuten später im schützenden Abstand des Nachrichtenstils von den Insassen der Nervenheilanstalt bei Wasserburg zu berichten, die damals im Sonntagsstaat "für einen Ausflug" nach Reitmehring zum Zug gebracht wurden und dann in Viehwaggons nach Oberösterreich fuhren. "Dort san's dann vergast wor'n."

Peter Holzapfel, Multi-Instrumentalist mit größtmöglichem Fingerspitzengefühl bei Wahl und Einsatz des passenden Klangkörpers zu den mitunter nur satz-langen Geschichten, ist der raunende, zwickende, reizende Ober-, Unter- und Nebenton der Erzählung. Auch diese Musik, die unsere Gedanken und Träume ungehört begleitet, dringt als "Neuheit" nach draußen. Der Anarchie und Widersprüchlichkeit in den Geschichten und ihrer Deutung gibt er die zweite Stimme, mal verstärkend, mal kontrastierend, aber stets unvorhersehbar. Selbst bei den zwei Gstanz'ln, die aus heiterem Himmel in den Abend hineinschwingen, kommt den Zuhörer die Gänsehaut, weil's so schön schaurig ist. Tom Waits hätte seine helle Freude daran.

Die Gäste im Meta-Theater, die "Neues von Gestern" so noch nie gehört, gesehen und gespürt hatten, was von nun aber ihr Leben bereichert, ging es wohl genauso, wenn man den begeisterten Applaus aus hundert Händen hörte. Dabei waren nur elf Menschen im Publikum. Die dafür mittendrin.