Veranstaltung in Grafing Von Mensch zu Mensch

Nirit Sommerfeld, Götz Schindler und Fuad Hamdan sprechen in der Auferstehungskirche in Grafing über die Probleme im Nahen Osten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nirit Sommerfeld und Fuad Hamdan sprechen über den Nahostkonflikt

Von Wieland Bögel, Grafing

Das mit der Heimat ist nicht immer eine leichte Sache. Ein "diffuser Begriff" sei das Wort, befand nun der Aßlinger Politologe Götz Schindler, der am Sonntag eine Veranstaltung zu eben jenem diffusen Thema moderierte. Das in diesem Fall noch ein bisschen diffuser und komplexer wurde, ging es doch um eine Heimat, die unter jenen, die sie für sich beanspruchen, umstritten ist: "Israel/Palästina - Unser Heimatland" so das Thema, mit dem sich Nirit Sommerfeld und Fuad Hamdan, die eine in Israel, der andere in Palästina geboren, in der Auferstehungskirche auseinandersetzten.

Den Anlass, sich diesem schwierigen Thema zu widmen, erklärte Grafings evangelischer Pfarrer Axel Kainath, sei das Gedenken an ein Ereignis vor 80 Jahren: Die Reichspogromnacht. Diese organisierten Übergriffe auf jüdische Mitbürger in Deutschland waren der Auftakt zum Holocaust, stießen aber auch "wie ein Dominostein", so Kainath, weitere Ereignisse an, wie die Gründung des Staates Israel zehn Jahre danach. Was wiederum weitere Dinge anstieß, eines davon der auch 70 Jahre später ungelöste Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Einen Konflikt, den selbst Sommerfeld und Hamad nur schwer erklären können, vielleicht auch, weil sie beide den Anspruch auf eine ungeteilte Heimat ablehnen. Sie fühle sich in der hebräischen Sprache, der Kultur ihres Geburtslandes zuhause, so Sommerfeld, nach dem Heimatland gefragt, würde sie aber den Planeten Erde wählen. Für Hamad bleibt Palästina zwar die Heimat, in seinem Fall ein Dorf, aus dem die Einwohner 1948 vertrieben wurden, um Platz zu schaffen für israelische Siedler. Die aber, geht es nach Hamad, dort gerne weiter wohnen bleiben können, "ich will nur auch das gleiche Recht haben."

Darum brauche er auch keinen Palästinenserstaat, so Hamad, er würde gerne in einem Staat Israel leben, aber einem, der dann eben auch für die Palästinenser da sein müsste. Dass es nicht unmöglich ist, für Juden und Muslime friedlich neben- und miteinander zu leben, zeige ausgerechnet die Zeit als das heutige Israel noch unter britischer Kontrolle standen. "Ich möchte mit meinen Nachbarn so leben, wie es die Menschen vor 1948 auch getan haben", sagt Hamad. Darunter auch Sommerfelds Großmutter, die fließend arabisch gesprochen habe, wie alle damals, denn "früher waren die Palästinenser Juden, Muslime und Christen", und seien im Alltag auch miteinander zurecht gekommen.

"Doch wir wissen natürlich alle, dass die Realität in Israel und Palästina eine andere ist", beendete Sommerfeld den Ausflug in die Vergangenheit, "und es werden auch nicht plötzlich alle sagen: alles ist gut, und zusammen einen Staat gründen". Denn dazu säßen die Konflikte zu tief und würden auch bis heute entweder ignoriert, oder gar noch angeheizt. Etwa durch "das Spiel mit der Angst" der israelischen Regierung, indem "die Araber" konsequent zur Bedrohung stilisiert würden - und gleichzeitig der direkte Kontakt zu den Nachbarn unterbunden werde. So sei es Israelis nicht gestattet, bestimmte Orte im Westjordanland zu besuchen, die meisten wüssten daher nichts über die Palästinenser.

Und wollten es oft auch nicht: Schließlich gehe es den Israelis meist gut, warum sollten sie an der Situation etwas ändern wollen?, so Sommerfeld. Zumindest sei dies ihr Eindruck, wenn sie in Israel über den Konflikt spreche. Die Reaktionen reichten vom Vorwurf der Naivität bis zu Anfeindungen, "da gelte ich dann als Verräterin". Übrigens nicht nur in Israel, "in München wäre eine solche Veranstaltung wie heute wohl gar nicht möglich". Dort hatte der Stadtrat vergangenes Jahr neue Regeln für die Benutzung öffentlicher Veranstaltungsräume beschlossen, die auch Hamdan schon zu spüren bekommen hat. Etwa als er im Gasteig seinen Film über sein ehemaliges Dorf zeigen wollte, wogegen der Stadtrat letztlich erfolglos protestierte. Sommerfeld war von der Stadt München Anfang des Jahres ein Auftritt wegen angeblicher Israelfeindlichkeit untersagt worden. Ein Vorwurf, von dem sie sich erneut distanzierte, weder rufe sie zu Boykott und Sanktionen auf, noch stelle sie den Staat Israel in Frage, wenn sie dessen Politik kritisiere.

Die Chancen, dass sich der Konflikt in absehbarer Zeit beenden lässt, schätzen Sommerfeld wie Hamdan als ziemlich gering ein. Was aber kein Grund sei, aufzugeben. Sommerfeld ermunterte die Zuhörer "Fragen zu stellen, zum Beispiel an die Bundesregierung", warum diese U-Boote an Israel verschenke, anstatt das Geld in sinnvolle Projekte zu stecken. Hamdan erinnerte an die friedliche Entwicklung in Europa, die noch vor 100 Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Auch im nahen Osten könnten aus Erbfeinden vielleicht irgendwann Freunde und Nachbarn werden, "wenn sich die Menschen kennenlernen, aufeinander neugierig sind können Feindbilder verschwinden".