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Vaterstetten:Wasserschlacht

Das neue Hallenbad hat zwar noch nicht geöffnet. Doch der Streit darum, wer dort zukünftig seine Bahnen ziehen darf, ist bereits in vollem Gange. Auslöser dafür sind gestrichene Schwimmkurse für Kinder

Von Simon Groß, Vaterstetten

Am 27. Januar bekommt Sandra Spöttl eine Mail vom örtlichen Turn- und Sportverein (TSV), dass der Schwimmkurs ihres sechsjährigen Sohns nicht mehr stattfinden soll. Zwei Tage später folgt eine zweite Mail: Auch der geplante Anfängerkurs für ihre vierjährige Tochter werde nicht stattfinden. Den Kleinsten, ihren einjährigen Sohn, braucht sie nun schon gar nicht mehr auf die Warteliste zu setzen. Der Grund für die Ausfälle: Nach Ostern, wenn das neue Schwimmbad in Vaterstetten öffnet, wird der TSV, der die Kinderkurse anbietet, weniger Schwimmzeiten zur Verfügung haben. Das sieht zumindest der neue Belegungsplan der Gemeindeverwaltung so vor. Die Gemeinde möchte anderen Gruppen mehr Zeit und Raum im neuen Schwimmbad bieten.

Dass dem Plan ausgerechnet die Kinderkurse zum Opfer fallen sollen, empört Spöttl. So wie ihrer Familie geht es vielen in und um Vaterstetten. Insgesamt neun Gruppen mit 150 Kindern würden von Ostern an aus dem Schwimmunterricht fallen. Für weitere 380 Kinder, die auf der Warteliste für Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse stehen, sehe es ebenfalls schlecht aus. Anstelle des TSV soll die VHS mit Wassergymnastik für Senioren Montag und Mittwochnachmittags das Bad für jeweils zwei Stunden nutzen dürfen.

Schnell habe sich der Unmut unter den Eltern darüber herumgesprochen, erzählt Spöttl. Zusammen mit vier anderen Müttern hat sie dann am Mittwoch vergangener Woche online die Bürgerinitiative "Lasst die Kinder nicht untergehen" gestartet, in der sie fordert, dass die Gemeinde bei dem alten Belegungsplan bleibt. Die Petition habe schon nach zwei Tagen 470 Stimmen erreicht. Insgesamt unterstützen mittlerweile mehr als 740 Bürger das Anliegen.

Spöttl betont, dass die Initiative von den Eltern komme und nicht vom Verein forciert wurde. Es ginge ihnen auch nicht darum, die Senioren aus dem Schwimmbad zu drängen - genauso wenig wie andere Schwimmgruppen des TSV wie die Leistungsschwimmer. Daher wünsche sie sich einen Runden Tisch, an dem alle Betroffenen zusammen über Lösungen sprechen könnten. Die "Aqua-Senioren" hätten schon angedeutet, dass sie nicht die gesamten Bahnen für ihre Übungen benötigten, sagt Spöttl. Und als die Petition gewachsen sei, hätten sich auch die Gemeinderatsfraktionen für einen Runden Tisch offen gezeigt.

"Wir hatten eine Mordsdiskussion in den vergangenen Tagen. Es ist ein Thema, das alle bewegt", sagt Vaterstettens Bürgermeister Georg Reitsberger (FW). Für Freitag hat Reitsberger eine Stellungnahme der Gemeinde angekündigt, zuvor beraten die Vertreter aus den Fraktionen über das weitere Vorgehen. Der Bürgermeister will dem Gemeinderat den Vorschlag machen, das alte Schwimmbad für kurze Zeit weiterzubetreiben, "um den Druck aus der Sache zu nehmen". Zumindest bis zu den Pfingstferien könnten somit alle Kurse weiter stattfinden, dann öffnen auch die Freibäder wieder. Ob der Gemeinderat bereit ist das finanziell zu tragen, müsse sich zeigen. Für ihn sei wichtig, dass die Gemeinde mit dem TSV im Gespräch bleibe und nach Lösungen suche. "Die Sympathie für den Verein, der ja viel für unsere Gemeinde tut, ist groß, aber es muss sich auch umsetzen lassen", sagt Reitsberger. Im Bezug auf die Petition der Eltern müsse daher auch über die Frage gesprochen werden, inwiefern die Gemeinde dafür zuständig sei, den Schwimmunterricht der Kinder zu finanzieren oder ob die Eltern hier nicht in der Pflicht wären. Zur Not könnten sie auch zu privaten Schwimmschulen wechseln - eine davon gibt es auch in Vaterstetten - oder sich in anderen Gemeinden umschauen. Das wiederum hält Spöttl für unrealistisch, sind auch die Bäder der anderen Gemeinden heillos überfüllt.

Vaterstettens Wirtschaftsförderer Georg Kast hat dafür wenig Verständnis: "Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass der TSV nicht die ganze Gemeinde ist." Es gebe eine fünfstellige Anzahl an Besuchern pro Jahr und die müsse man auch berücksichtigen. Bis zum Nachmittag sei das Schwimmbad ohnehin für Schulen reserviert. Dass ein größerer Anteil zahlender Gäste der Gemeinde einen finanziellen Vorteil bringe, spiele keine Rolle. Entscheidend sei, dass man anderen Bürgern, die nicht im Verein sind, zukünftig mehr Möglichkeiten bieten wolle, schwimmen zu gehen: "Immerhin haben sie das Schwimmbad mit ihren Steuergeldern selbst bezahlt", sagt Kast. Bisher habe der TSV mehr Schwimmstunden zur Verfügung gehabt als die Öffentlichkeit. Außerdem berücksichtige der Verein nicht, dass er mit einer zusätzlichen Bahn im neuen Schwimmbad nun mehr Platz habe und dadurch die reduzierten Belegzeiten zumindest teilweise kompensiert würden, so Kast.

Die Sprecherin der Elterninitiative sieht das anders: "Ich kenne keine Familie, die zum Schwimmen in unser Bad fährt. Alle fahren nach Ismaning oder Ottobrunn, und wir auch." Das neue Schwimmbad sei mit einem Becken genauso unattraktiv für Familien wie das alte. Für sie steht fest: "Ich glaube, dass 150 Kinder und mehr als 300 auf den Wartelisten schwerer wiegen als die öffentliche Nutzung."

© SZ vom 21.02.2020

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