Vorwürfe nach Polizeieinsatz:"Sie lag bewusstlos auf dem Boden"

Häusliche Gewalt

Symbolfoto.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Eine Familie aus Neufarn berichtet von einem regelrechten Überfall durch ein Team der Kripo Erding. Treffen mit einer Frau, die bis heute unter den Folgen leidet.

Von Korbinian Eisenberger, Vaterstetten

Annika R.* steht wieder an der Schwelle. Nur dass sie diesmal Jeans und Pullover trägt, an jenem Tag war es ein Nachthemd. Der Morgen des 2. Februar 2021, sagt sie, habe vieles für sie verändert. Die 48-Jährige erzählt, wie sie von Polizisten ins Innere ihres Hauses gedrängt worden sei, bis sie mit der Hüfte einen Stelltisch touchiert, das Gleichgewicht verloren habe und nach hinten gestürzt sei. Annika R. macht die Bewegung nach. Danach sei es um sie schwarz geworden. Für sie endete der Gang zur Tür in der Notaufnahme rechts der Isar. Sie trug Verletzungen davon, die ihr zehn Wochen später noch zu schaffen machen - physisch und psychisch: "Warum schlägt die Polizei mich in meinem Haus auf den Boden?"

Es sind schlimme Vorwürfe, die Familie R. gegen die Kriminalpolizei Erding erhebt. An diesem folgenreichen Dienstagmorgen sollen sieben Erdinger Beamte mit einem Durchsuchungsbeschluss in das Haus der Familie im Vaterstettener Ortsteil Neufarn eingedrungen und dabei übertrieben grob vorgegangen sein. Anlass hierfür waren Ermittlungen gegen Annika R.s Sohn Oliver R., den die Kripo des Rauschgifthandels verdächtigte. Bei der Durchsuchung fanden die Polizisten keine Hinweise, die ihren Verdacht bestätigten. Stattdessen hat die Familie nun ihrerseits Strafanzeige gegen die Beamten erstattet: Im Raum stehen mehrere Vorwürfe, darunter: gefährliche Körperverletzung, Nötigung, unterlassene Hilfeleistung und Behinderung von Hilfsmaßnahmen.

Annika R. und ihr Mann empfangen den Journalisten an einem sonnigen Frühlingstag. Das Paar wohnt am Ortsrand neben Feldern und kleinen Straßen. Im Garten, wo die Vögel zwitschern, sollen sich einige Wochen zuvor Szenen wie in einem TV-Krimi zugetragen haben. Der Erinnerung von Annika R. zufolge klingelte es gegen sechs Uhr morgens Sturm an der Tür. Im Nachthemd eilte sie die Treppe hinunter und öffnete. Sieben Personen in Zivil mit Strickmütze und FFP2-Maske standen vor der Tür.

Dass es sich um Polizei handle, sei ihr nicht klar gewesen. "Es hätte genauso gut eine Verbrecherbande sein können", sagt sie. Ihr Mann und ihr Sohn berichten, wie sie die Situation vom Flur aus wahrnahmen: Seine Frau sei vom vordersten Beamten vom Eingang weg gedrängt worden, ehe sie im Rückwärtsgang umgeschubst worden und zu Boden gestürzt sei. Statt ihr zu helfen, seien die Beamten über seine Frau hinweggestiegen. Dieter R.: "Sie lag mit einer Kopfverletzung bewusstlos auf dem Boden."

Der zweite Teil der Strafanzeige der Familie bezieht sich auf das, was dann geschah - zumindest in der Erinnerung von Dieter R. und seinem Stiefsohn. Es kam zum Wortgefecht, der Einsatzleiter habe Dieter R. aufgefordert, sich nicht von der Stelle zu bewegen. Zu diesem Zeitpunkt sei seine Frau noch immer reglos am Boden gelegen, so Dieter R. "Mir war es dann egal, ich habe mich der Anweisung des Polizisten widersetzt und bin zu meiner Frau gegangen", sagt er. Daraufhin habe er seine Frau ins Wohnzimmer geschleift und sie auf ein Kissen gebettet.

Die Kriminalpolizei hat den Auftrag, Straftäter zu überführen und festzunehmen. In der Schilderung der Familie R. kehren sich die Dinge um. So wie die Beamten und ihre Handlungen beschrieben werden, sehen sie selbst aus wie Täter. Übertreiben die Zeugen bei ihrer Erzählung? Oder übertrieben es die Beamten an besagtem Morgen?

Auf eine Nachfrage der SZ bei der zuständigen Pressestelle der Staatsanwaltschaft München II ist zu erfahren, dass sich die Behörde nicht zu dem Fall und den Vorwürfen äußern wolle, da es sich um ein laufendes Verfahren handle. So ist dieser Februarmorgen lediglich aus der Perspektive der Bewohner rekonstruierbar - und aus dem Durchsuchungsprotokoll der Polizei.

Der Kriminaloberkommissar berichtet dort von einem 88 Minuten langen Einsatz. Demnach habe sich Annika R. nach seiner Aufforderung geweigert, die Tür freizugeben, weswegen er sie aufgedrückt habe. R. sei nun rückwärts gegangen und dabei gestürzt. Einer der Beamten habe die Gestürzte umgehend betreut. Entscheidender Unterschied zur Darstellung der Familie: Den Angaben des Protokolls nach rutschte Annika R. ohne Einwirkung von anderen Personen auf dem Boden aus, der von den Schuhen der Beamten durchnässt gewesen sei.

In Dieter und Annika R.s Wahrnehmung war der Boden trocken. Es sei draußen zwar sehr kalt gewesen, aber mild und trocken. Dieter R. verweist auf den Wetterbericht und Webcams aus Vaterstetten, die blauen Himmel zeigten. In der Erinnerung von Oliver und Dieter R. stürzte Annika R. bevor einer der Polizisten den Boden an dieser Stelle betreten hatte.

Die R.s wenden sich an die Zeitung, weil sich ihr Leben seit dem Morgen des 2. Februar "massiv verändert" habe, wie es Annika R. es ausdrückt. Sie berichtet, dass sie kaum mehr vors Haus gehe. Wenn doch, schaue sie erst prüfend um die Ecke, ob jemand an der Eingangstür stehe. Annika R. ist seither in psychiatrischer Behandlung, posttraumatische Belastungsstörung lautet die Diagnose. Wenn sie sich im Bereich der Tür aufhalte, komme die Erinnerung hoch. Über allem, so Annika R., bleibe bei ihr eine Frage offen: Warum?

Annika R. hat die Diagnosen auf dem Küchentisch liegen. Bis heute leidet sie danach an Schwindel, einer Schleimbeutelentzündung, Störungen beim Gleichgewichtsempfinden und einer Hüftprellung. Die Diagnosen deuten darauf hin, dass Annika R.s Leiden auf die Vorfälle vom 2. Februar zurückzuführen sind. R. ist in neurologischer und orthopädischer Behandlung. Derzeit ist sie arbeitsunfähig und seit einem Vierteljahr krank geschrieben. Sorgen bereite ihr vor allem das Trauma. 21 Jahre hat sie in diesem ihrem Haus gewohnt. Seit diesem Morgen fühle es sich für sie anders an, sagt Annika R. an der Türschwelle. "Am liebsten würde ich das Haus verkaufen."

* alle Namen geändert

© SZ vom 15.05.2021/koei
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