Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten:Morden unter Königinnen

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Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten: Tatort Hotelzimmer: Geschah hier ein Mord? Regisseur Rudi Gaul gibt den Kommissaren Batic und Leitmayr letzte Anweisungen für eine Szene des neuesten Münchner Tatorts

Tatort Hotelzimmer: Geschah hier ein Mord? Regisseur Rudi Gaul gibt den Kommissaren Batic und Leitmayr letzte Anweisungen für eine Szene des neuesten Münchner Tatorts

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sexismus in der heilen Welt der Produktköniginnen, emotionale Demütigungen und eine brachiale Mordwaffe: Derzeit wird in Neufarn ein Tatort gedreht, der keine Abstecher in Abgründe scheut.

Von Franziska Langhammer, Vaterstetten

Der Nemek, der ist wieder an allem Schuld. Der hat die ganze Szene versaut, und jetzt muss nochmal gedreht werden. Der Nemek, mit k am Schluss, wer denn sonst? Da ist sich sein Schauspieler-Kollege, der Udo Wachtveitl, ganz sicher. Groß und sehr präsent steht er plötzlich in der Tür zum Hotelzimmer, in dem gerade eine der letzten Szenen zum Tatort "Königinnen" gedreht wird. "Hat's denn wieder nicht geklappt?", ruft er, gedämpft empört. Tatsächlich ist es aber ein Fleck an der Wand, der kaschiert werden muss, oder auch das ganze Arrangement aus schwarz-weiß kariertem Sessel und roter Stehlampe, das den Regisseur Rudi Gaul unzufrieden lässt. "Ich weiß nicht, das ist nicht wirklich überzeugend", murmelt dieser mit einem Blick auf den kleinen Monitor, der im Flur positioniert wurde. Gaul springt noch einmal auf und läuft in den Raum, in dem mutmaßlich ein Mord stattgefunden hat - und der hier kurz vor der Aufklärung steht.

Wer der Täter ist - oder die Täterin? - das wollen der Nemek, mit bürgerlichem Namen Miroslav Nemec, und sein altgedienter Kollege Udo Wachtveitl natürlich nicht verraten. Als Kommissare Batic und Leitmayr sind sie seit Ende September in Neufarn im Gutsgasthof Stangl am Ermitteln. Umgekommen ist der Präsident des Bavariabundes, gespielt von Wolfgang Fierek - und das auf eine sehr brachiale Art und Weise: durch ein Bolzenschussgerät, das normalerweise der Tötung von Bullen dient. Im Dunstkreis des Opfers werden auch vier junge Frauen zu Verdächtigen, allesamt für ein Jahr lang Trägerinnen eines Titels: die Zwiebelkönigin, die Weißwurstkönigin, die Spargelkönigin und die Honigkönigin.

Der Blick geht hinter die Heile-Welt-Fassade der sogenannten Produktköniginnen

"Humorvoll, satirisch, märchenhaft", beschreibt Regisseur Rudi Gaul die Umsetzung der Geschichte, für die die Münchner Produktionsfirma Odeon Fiction verantwortlich ist. Gaul erlaubt sich darin einen Blick hinter die Heile-Welt-Fassade der so genannten Produktköniginnen: junge Mädchen, die für ein Jahr lang mit einem Krönchen auf dem Kopf in ihrer Region für ein bestimmtes Produkt werben. Eine Welt, in der neben Liebe zur Tradition und Stolz auf die bayerische Herkunft auch sexuelle Übergriffe und Sexismus vorherrschen. Das Drehbuch zu "Königinnen" hat Robert Löhr geschrieben, bereits sein zweiter Münchner Tatort. Besonders die Gegenwelt zu den strahlenden Auftritten der jungen Mädchen und das Spannungsfeld, in dem sie wandeln, habe ihn am Drehbuch fasziniert, so Gaul.

Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten: Hochglanzauftritte versus Sexismus: Am Drehbuch von "Königinnen" haben Regisseur Rudi Gaul, hier mit Schauspieler Miroslav Nemec, besonders die Schattenseiten des Produktköniginnen-Geschäfts interessiert

Hochglanzauftritte versus Sexismus: Am Drehbuch von "Königinnen" haben Regisseur Rudi Gaul, hier mit Schauspieler Miroslav Nemec, besonders die Schattenseiten des Produktköniginnen-Geschäfts interessiert

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beim Dreh sei es ihm wichtig gewesen, erzählt Regisseur Gaul, die Träume der jungen Frauen auch fernab dieser Schattenseiten ernst zu nehmen, sich nicht lustig zu machen über den Wunsch, ein Jahr lang Königin zu sein. "Wir wollten die Welt nicht so zeigen, wie wir sie gern hätten, sondern wie sie ist", erklärt Produzentin Claudia Schneider. Im Vorhinein habe es viele Diskussionen im Team über diese Thematik gegeben, immer wieder sei die Frage aufgekommen: "Hast du sowas auch schon mal erlebt?"

Auch die Figuren der beiden Kommissare haben sich durch #MeToo verändert

Auch die Figuren der Kommissare hätten sich im Zuge von #MeToo verändert, so Schauspieler Miroslav Nemec, der den Ermittler Ivo Batic verkörpert. "Batic und Leitmayr beobachten die Veränderung in der Gesellschaft aufmerksam und können sich selbst nicht frei machen von ihr", sagt er. In ihren Ermittlungen würden sie in fremde Milieus eintauchen; nicht aus Eigennutz oder um sich selbst zu profilieren, sondern um sich einzudenken in das Rätsel, das ein jeder Fall aufgibt.

Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten: Halten es schon länger miteinander aus als so manche Ehepaare: Seit 31 Jahren ermitteln Udo Wachtveitl als Franz und Miroslav Nemec als Ivo

Halten es schon länger miteinander aus als so manche Ehepaare: Seit 31 Jahren ermitteln Udo Wachtveitl als Franz und Miroslav Nemec als Ivo

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

In den heimeligen Fluren des Gutsgasthofs Stangl stehen Scheinwerfer, große Taschen mit Schminkutensilien und Biertische mit großen Kaffeekannen darauf, Menschen mit Maske vor Mund und Nase sitzen auf Klappstühlen und warten. Der Ort Neufarn selbst spielt zwar keine große Rolle in diesem Tatort, doch sei es deutlich angenehmer, im Gutsgasthof zu drehen als in Münchner U-Bahn-Schächten, sagt Udo Wachtveitl. Er hat sich in der Mittagspause noch einmal kurz hingelegt und ist nun wach wie ein Schießhund. Doch auch während er selbst beim Gespräch mit der SZ gern den Interviewer mimt, beantwortet er nebenbei noch ein paar Fragen zum aktuellen Dreh. Sein Kollege Nemec sitzt neben ihm, nimmt seelenruhig die Hakeleien von der Seite entgegen und erklärt ungefragt und bestimmt nicht zum ersten Mal, wie man seinen Namen falsch und richtig aussprechen kann. Nemek, so viel sei verraten, ist falsch.

Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten: Für gute Laune und Heiterkeit am Set sorgt Udo Wachtveitl alias Franz Leitmayr, hier in einer Drehpause kurz vor Auflösung des Falls.

Für gute Laune und Heiterkeit am Set sorgt Udo Wachtveitl alias Franz Leitmayr, hier in einer Drehpause kurz vor Auflösung des Falls.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei den Dreharbeiten wird nicht gerade gespart - im Gegenteil

"Wollten Sie schon immer Journalistin werden?", fragt Wachtveitl, dem eine gewisse Lust auf verbale Schlagabtausche nicht abzusprechen ist, und als man die Frage zurückgibt, wie er denn hier gelandet sei, antwortet er: "Man hat mich heute früh abgeholt, gezwungen mitzukommen, und nun bin ich hier." In einem ernsten Moment wendet er sich lobend an die Produktion: Zwar sei man natürlich im Öffentlich-Rechtlichen immer angehalten zu sparen, doch zeichne sich dieser Dreh unter anderem durch seine Üppigkeit aus. Bei einem Nacht-Dreh etwa seien 75 Statisten anwesend gewesen - "Man kann so ein rauschendes Fest nicht mit zehn Komparsen inszenieren."

Im nächsten Moment hört man von weiter hinten im Flur ein "Und - bitte!" Es wird weiter gedreht. Wachtveitl erhebt die Stimme und poltert in Richtung Dreh: "Moment, Moment, ich geb' hier ein Interview - ihr seid ja wohl verrückt geworden?" Hier am Set kennt man den Wachtveitl, es wird gekichert, es wird gegrinst, und als wäre nichts gewesen, wendet sich Wachtveitl wieder dem Gespräch zu und erzählt weiter. Früher habe die Ausstattung und das Ambiente nur für das deutsche Publikum reichen müssen. Das sei heute, im Angesicht der Streaming-Dienste, ganz anders, so Wachtveitl: "Da konkurrieren deutsche Produktionen mit Filmen für den Weltmarkt."

Die "Weißwurstkönigin" ist im wirklichen Leben Vegetarierin

Auch zwei der Produktköniginnen sind an diesem Nachmittag am Set. "Ich bin die Weißwurstkönigin Sina", stellt sich Bernadette Leopold vor. Sina, so erzählt die Schauspielerin, sei eine Metzgerstochter, in dessen Metzgerei Tradition groß geschrieben werde. Auch deswegen bewerbe sie sich um den Titel. Thematisch gesehen war die Rolle für sie Neuland. "Ich wusste, dass es Weinköniginnen gibt", sagt die Schauspielerin, "aber als ich mir in der Vorbereitung auf die Rolle auch Dokus darüber angeschaut habe, war ich schon überrascht, mit wie viel Herzblut die Frauen dabei sind." Im ersten Moment habe sie sich schon gefragt: Warum macht ihr da alle mit? Oft sei die Familie, die ebenfalls Teil dieser Tradition ist, wohl ein ausschlaggebender Grund. Ob ihr als Weißwurstkönigin die Weißwurst überhaupt schmecke? Bernadette Leopold beantwortet das mit einem Lachen: "Ich bin Vegetarierin."

Tatort-Dreharbeiten in Vaterstetten: Im echten Leben Vegetarierin, doch vor der Kamera überzeugte Weißwurst-Königin ist Schauspielerin Bernadette Leopold.

Im echten Leben Vegetarierin, doch vor der Kamera überzeugte Weißwurst-Königin ist Schauspielerin Bernadette Leopold.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Rolle der Zwiebelkönigin Annelie ist eine mit zwei Seiten, da sie auch angehende Polizistin ist, erzählt Schauspielerin Daria Vivien Wolf: "Annelie trägt eine große Verletzung in sich." Auch ihre Mutter, eine wunderschöne Frau, sei schon Zwiebelkönigin gewesen. Annelie selbst bewirbt sich nun schon zum dritten Mal um den Titel. Neben dieser Demütigung sei Annelie eine große Feministin, so Wolf: "Sie weiß, was schiefläuft." Die Herausforderung ihrer Rolle sei, diese junge, verletzte Seite mit der reifen, mutigen Frau in Einklang zu bringen.

Der Dreh von "Königinnen" ist nun schon der zweite Tatort-Dreh im Landkreis innerhalb weniger Monate, der geplante Ausstrahlungstermin ist in der zweiten Jahreshälfte 2023. Zum Schluss muss noch eine Frage gestellt werden: Wolle, Honig, oder ganz was anderes - für welches Produkt würde sich denn Udo Wachtveitl zum König wählen lassen? Der Schauspieler überlegt und sagt: "Für Fahrräder. Denn dann würde ich das ganze Jahr mit den tollsten Fahrrädern ausgestattet werden." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Das ist jetzt eine langweilige Antwort. Sagen wir Düsenjet."

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1998 ermitteln die berühmten Tatort-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr auf der Kreismülldeponie in Ebersberg. Das Opfer eines Verbrechens wird hier zwischen Müllbergen gefunden. 24 Jahre später ist der Drehort kaum wiederzuerkennen.

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