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Die Karl-Böhm-Straße in Baldham, hier mit Blick auf das Ortszentrum am Bahnhof, ist die längste Straße im Gemeindegebiet und wohl auch jene mit dem bekanntesten Namensgeber.
Die Karl-Böhm-Straße in Baldham, hier mit Blick auf das Ortszentrum am Bahnhof, ist die längste Straße im Gemeindegebiet und wohl auch jene mit dem bekanntesten Namensgeber. Peter Hinz-Rosin

Das Gemeindearchiv hat untersucht, woher die Vaterstettener Straßen ihre Namen haben – und daraus auch eine Anregung an die Politik formuliert.

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

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Warum heißen die Straßen in der Großgemeinde so, wie sie es eben tun? Mit der Frage hat sich das Vaterstettener Archiv nun beschäftigt, herausgekommen ist ein umfangreiches Kompendium. Umfangreich zum einen darum, weil Archivarin Ulrike Flitner immerhin 297 Straßennamen aufgeführt hat, so wurden neben den Verkehrswegen in Wohn- und Gewerbegebieten auch die Ortsverbindungsstraßen aufgenommen. Zum anderen sind in der Aufstellung auch zahlreiche Kurzporträts derjeniger Namensgeber enthalten, die einen Bezug zu Vaterstetten haben.

Der sicher bekannteste gibt der längsten Straße im Gemeindegebiet ihren Namen: Karl Böhm. Seine Straße in Baldham hieß bis vor 31 Jahren noch Bahnhofstraße, wurde dann aber wegen Verwechslungsgefahr mit der gleichnamigen Straße am Vaterstettener Bahnhof umbenannt. Zumindest Musikinteressierte dürften den 1894 in Graz geborenen und 1981 in Salzburg gestorbenen Dirigenten kennen – und wissen, dass er rund zwei Jahrzehnte in Baldham gelebt hat.

Der Physiker Ernst Mach lebte drei Jahre in der Gemeinde Vaterstetten

Sehr viel kürzer als der Dirigent Böhm lebte Ernst Mach in der heutigen Großgemeinde, sehr viel kürzer als dessen Straße ist auch jene mit dem Namen Machs. Der bekannte Physiker, nach welchem die noch heute verwendete Maßeinheit für Schallgeschwindigkeit benannt ist, verbrachte in Vaterstetten die letzten drei Lebensjahre, 1916 ist er dort einen Tag nach seinem 78. Geburtstag gestorben. Die nach ihm benannte Straße verläuft im Norden jenes Grundstücks, auf welchem die sogenannte Mach-Villa stand – heute ist diese größtenteils eine Rekonstruktion des 1989 fast völlig abgebrannten Gebäudes.

Einige andere Namensgeber dürften als Person wohl vielen unbekannt sein – vieles von dem, was sie geschaffen haben, ist im Leben der Gemeinde indes immer noch präsent. Wie beispielsweise die Gabriele-Boll-Straße, der jüngste Neuzugang. Zumal es die Straße noch gar nicht gibt, aber an dieser soll einmal das neue Kinderhaus St. Anna liegen. Dieses wiederum befindet sich auf einem Grundstück, das die Gemeinde vom Orden Sankt Anna pachten konnte. Diesem gehörte auch Gabriele Boll an, und in dessen Auftrag gründete und betrieb sie das Heim Maria Linden. Dafür wurde sie Ehrenbürgerin Vaterstettens – als eine von insgesamt nur drei Personen.

Genau wie Franz Hollweck, der von 1947 bis 1972 Bürgermeister der Gemeinde war, als diese noch Parsdorf hieß. Passenderweise liegt seine Straße in diesem Ortsteil – allerdings ist es ein eher kurzes Stück zwischen Kreisel am südlichen Ortseingang und dem Friedhof. Dabei ist Hollweck nichts weniger als der Erfinder der Großgemeinde, wie man sie heute kennt, schreibt Flitner: „In seiner Zeit wurde ein wesentlicher Teil der Infrastruktur der Gemeinde geschaffen.“

Auch die Gründer der Nachbarschaftshilfe haben eine Straße bekommen

Ein wichtiger Teil sozialer Infrastruktur Vaterstettens geht auf die Arbeit von Adolf Lehne und Gerda Penzel zurück – die beiden Namen sind untrennbar mit der Nachbarschaftshilfe verknüpft. Der allererste Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins hat seine Straße lediglich ein paar Schritte von der Zentrale in der Brunnenstraße entfernt – den Namen der langjährigen Einsatzleiterin hingegen findet man am anderen Ende der Kerngemeinde, im Wohngebiet zwischen Baldhamer- und Johann-Sebastian-Bach-Straße.

Gerda Penzel war lange Einsatzleiterin der Vaterstettener Nachbarschaftshilfe. Auch nach ihr ist eine Straße benannt.
Gerda Penzel war lange Einsatzleiterin der Vaterstettener Nachbarschaftshilfe. Auch nach ihr ist eine Straße benannt. Nachbarschaftshilfe/OH

In direkter Nachbarschaft findet man den Namen von Ludwig Plötz, langjähriger Zweiter Bürgermeister, „Gönner und Förderer vieler Ortsvereine“ sowie Gegner der Nazis: Laut Flitner war Plötz Polizist in München und weigerte sich, der NSDAP beizutreten, daraufhin wurde er suspendiert.

Knapp 350 Meter Luftlinie entfernt hat Hans Luft seinen Weg, der führt an der Grund-und-Mittelschule vorbei – benannt nach Karlheinz Böhm, dem Sohn des Namenspatrons von Vaterstettens längster Straße – und quer durch den Sportpark. Dass dieser heute existiert, liegt an einem Grundstückstausch, den Hans Luft mit der Gemeinde abgeschlossen hatte.

Gleich in der Nähe von Penzel und Luft hat ein anderer Förderer des Sozialen, Kulturellen und des Sportlichen in Vaterstetten seinen Platz auf dem Straßenschild: Philipp Maas, eigentlich Lehrer, aber auch langjähriger Zweiter Bürgermeister sowie Mitbegründer der Nachbarschaftshilfe, der Musikschule, der Volkshochschule und des TSV Vaterstetten – vor dessen Turnhalle der Philipp-Maas-Weg verläuft.

Auch zwei frühere Wirte der Baldhamer Bahnhofsrestauration gibt es als Straße

Um das Kulinarische haben sich zwei weitere Straßenpatrone verdient gemacht: Andreas Herz und Max Loidl. Ersterer gründete im Jahr 1901 die Bahnhofswirtschaft in Baldham, die vor allem dank der vielen Ausflügler aus München bald prosperierte. Er hatte nicht allzu lange etwas davon, Herz starb 1921 im Alter von gerade einmal 50 Jahren beim Sprung aus einem fahrenden Zug. So passend wie makaber, dass der erste Baldhamer Bahnhofswirt knapp 500 Meter von seiner einstigen Wirkungsstätte und direkt neben der Bahnstrecke, die ihn das Leben kostete, eine Straße bekommen hat.

Gleich nebenan und ein kleines Stück näher an der einstigen Bahnhofsrestauration findet sich ein Nachfolger von Herz: Max Loidl, der die Wirtschaft fast drei Jahrzehnte lang bis 1964 führte. Dort trafen sich nach dem Krieg gerne die Filmleute, die in dem zum Studio umgenutzten Thorak-Atelier arbeiteten, schreibt Flitner. Zudem war die Wirtschaft auch Versammlungsort vieler Vereine. Loidl selbst war Gründungsvorsitzender des SC Baldham und zwischen 1950 und 1952 Bürgermeister von Zorneding – denn bis zur Gebietsreform 1978 stand seine Wirtschaft auf Zornedinger Flur. Einer seiner Nachkommen wurde später dann auch Bürgermeister von Vaterstetten: Der heutige Landrat Robert Niedergesäß ist der Enkel von Loidl.

Auch der historisch nur schwer greifbare Gründer Parsdorfs hat eine Straße bekommen

Einige weitere Persönlichkeiten mit Vaterstetten-Bezug finden sich noch auf den Straßenschildern, angefangen von Paro, dem historisch nur schwer greifbaren Gründer von Parsdorf, der – geht es nach dem von Flitner zitierten „Historischen Ortsnamenbuch von Bayern“ – ins frühe zwölfte Jahrhundert datiert. Oder Rose Breitenbach, die der Gemeinde 19 000 Quadratmeter Land hinterließ, sowie deren Vater Heinrich Laberger. Der langjährige Pfarrer der Petrikirche, Oskar Rohrbach, hat ebenso eine Straße bekommen wie sein katholischer Amtskollege Anton Kastner, der langjährige Seelsorger von Maria Linden.

Der überwiegende Teil der Vaterstettener Straßen indes hat keinerlei Bezug zur Gemeinde und ihrer Geschichte: „Die Namensgebung der Straßen in der Gemeinde Vaterstetten zeichnet sich vor allem durch Fauna und Flora sowie Komponisten und Berge aus“, schreibt Flitner. „Dies ist bedauerlich, denn durch die Nennung einer lokalen Besonderheit würde sie im Gedächtnis der Bürger bleiben und ein besonderes Merkmal Vaterstettens werden.“ Daher ist das Kompendium der Straßennamen auch ein Appell der Archivarin an die Politik: „Am Ende kann ich den Verantwortlichen für die Straßenbenennungen nur mehr Mut und Fantasie wünschen.“

Das gesamte Verzeichnis der Vaterstettener Straßennamen findet man auf der Website der Gemeinde.

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