Besonders in jüngeren Jahren bekommt man gelegentlich zu hören, für manche Dinge noch zu klein zu sein – was dann meistens eine eher unfrohe Reaktion nach sich zieht. Nicht so nun in Vaterstetten, wo man sich zwar gerne Großgemeinde nennt, für manche Dinge aber dann eben doch zu klein ist – und sehr froh darüber. Die Rede ist von gut sieben Kilometern Straße, welche Vaterstetten Mitte kommenden Jahres hätte übernehmen müssen.
Hintergrund ist eine Vorschrift, die besagt, dass Städte und Gemeinden mit mehr als 25 000 Einwohnern für alle Kreis- und Staatsstraßen zuständig sind, die durch ihr Gebiet führen, Autobahnen und Bundesstraßen sind davon nicht betroffen. Für Vaterstetten hatte kürzlich eine demografische Vorausberechnung ergeben, dass die Großgemeinde inzwischen groß genug ist, einige übergeordnete Straßen zu übernehmen. Demnach lebten in der Großgemeinde zum Jahresende 2022 insgesamt 25 530 Personen, weshalb die Regierung von Oberbayern eben die Vorgabe umsetzte, wonach der Gemeinde die Staats- und Kreisstraßen überantwortet werden.
Für die Gemeinde hätte sich ein Aufwand von mehr als einer Vollzeitstelle ergeben
Ein Geschenk, über das man sich in Vaterstetten nicht besonders freute, schließlich gibt die Gemeinde ohnehin schon einiges Geld für Straßenunterhalt aus, im Schnitt sind es 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Dazu, wie teuer die elf Straßenabschnitte, für die derzeit Kreis und Freistaat verantwortlich sind, die Gemeinde gekommen wären, gibt es zwar keine Zahlen – die zusätzliche Arbeit für Verwaltung und Bauhof wurde aber bereits nach Bekanntwerden der geplanten Straßenübertragung mit insgesamt 44 Stunden pro Woche beziffert, was rein rechnerisch schon mehr als einer Vollzeitstelle entspricht.
Um so erfreuter zeigte sich in der jüngsten Sitzung des zuständigen Ausschusses Bürgermeister Leonhard Spitzauer (CSU): Die finale Version des Zensus habe ergeben, dass in Vaterstetten lediglich 24 250 Leute wohnen – also etwas zu wenige, als dass die Gemeinde die sieben Straßenkilometer übernehmen muss. Und das bleibt auch erst einmal so, denn bis zum nächsten Zensus, der voraussichtlich Anfang der 2030er-Jahre stattfindet, gilt der Wert aus dem aktuellen – und Vaterstetten damit eben als zu klein für große Straßen.
Der Grund dafür liegt laut Spitzauer übrigens in der durch die vielen Krisen der vergangenen Jahre abgeschwächten Baukonjunktur: Es seien dadurch weniger Häuser und Wohnungen fertiggestellt worden als geplant – und so sei die Bevölkerungszahl, welche die Statistiker unter anderem aufgrund der Baugenehmigungen vorausberechnet hatten, eben nicht eingetreten.
Ob das gelte, auch wenn das gemeindliche Einwohnermeldeamt ganz andere Zahlen habe, wollte Grünen-Gemeinderat David Göhler wissen. Diese gebe es längst, so der Bürgermeister, demnach hat Vaterstetten aktuell nicht nur die 25 000er-, sondern auch die 26 000er-Marke geknackt. Dies sei aber unerheblich: „Unsere Meldedaten sind keine offizielle Zählung.“
Beim Ebersberger Landratsamt, wo man nun auf knapp sechseinhalb Kilometer Straße sitzen bleibt, bestätigt man die Aussagen aus Vaterstetten. Demnach gilt für die Frage, wer für welche Ortsdurchfahrten zuständig ist, ausschließlich der Wert des aktuellen Zensus, sagt Pressesprecherin Laura Tendel. Auch die vom Statistischen Landesamt regelmäßig veröffentlichten Bevölkerungszahlen gelten nicht als Grundlage für Straßenzuständigkeiten. Und da der Bundes-Zensus eben nur einmal im Jahrzehnt abgehalten wird, bleibt Vaterstetten für die nächsten Jahre eben offiziell eine Kleingemeinde, die sich nicht um die großen Straßen kümmern muss.

