Süddeutsche Zeitung

Kulturkürzung in Vaterstetten:Weitergehen, es gibt nichts zu hören

Vaterstetten streicht seine "Rathauskonzerte" kräftig zusammen. Der Grund ist Corona - aber nicht nur

Von Wieland Bögel, Vaterstetten

Da waren es nur noch vier. So viele "Rathauskonzerte Vaterstetten" wird es voraussichtlich in der kommenden Saison geben, dies hat nun der zuständige Ausschuss des Gemeinderates beschlossen. Dass man den Umfang der Reihe um mehr als die Hälfte kürzt, sonst gibt es immer acht reguläre und zwei Sonderkonzerte, hat natürlich mit den Schwierigkeiten durch Corona zu tun. Allerdings, das wurde in der Sitzung deutlich, geht es auch darum, dass der Vaterstettener Gemeinderat künftig stärker Einfluss auf die Kulturpolitik nehmen können will.

Mehrere Gründe für das zusammengestrichene Programm führte Kay Rainer, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen, an. So fehle es an Räumen, die für Konzertveranstaltungen geeignet sind. Seit die Rathauskonzerte wegen Brandschutzmängeln nicht mehr an ihrem namensgebenden Ort stattfinden können, sind sie großteils in den Saal des Seniorenwohnheims umgezogen. Was verständlicherweise aus Infektionsschutzgründen aktuell nicht möglich ist. Man habe andere Räume geprüft, etwa die Turnhallen der Grundschulen, sagte Rainer, diese seien allerdings ungeeignet, weder Kapazität noch Akustik seien hier ausreichend.

Verfügbar und geeignet seien das Bürgerhaus Neukeferloh, wo es in der Vergangenheit bereits Rathauskonzerte gab, und das Kleine Theater in Haar. Auch die Reitsbergerhalle könnte man nutzen. Daraus ergeben sich dann die vier Konzerte, am 7. März sollen Miriam Contzen und Bernd Glemser im Kleinen Theater auftreten, ebenfalls dort am 25. April Ronald Brautigam, beide Veranstaltungen waren bereits für heuer geplant. Am 20. Juni sollen dann Pieter Wispelwey und Paolo Giacometti in Neukeferloh und am 7. Juli die Swinging Gs in der Reitsbergerhalle auftreten.

Dass es nicht mehr Veranstaltungen werden, liege auch am zu erwartenden Defizit. Da wegen Corona nur 100 Gäste zugelassen sind, könnte es auf bis zu 65 000 Euro steigen, so Rainer weiter, dies sei wegen zu erwartender finanzieller Schwierigkeiten 2021 "nicht darstellbar". Unerwähnt blieb, dass das aktuelle Haushaltsvolumen der Großgemeinde bei knapp 83 Millionen Euro liegt. Wegen der geringeren Gästezahlen werde man heuer außerdem keine Abokarten anbieten. Insgesamt rechne man mit Kosten für Honorare in Höhe von 18 500 und einem Defizit von 35 000 Euro.

Auch wenn es am Ende keine Gegenstimmen gab, hegen zumindest Teile des Gemeinderates gewisse Zweifel. Zweite Bürgermeisterin Maria Wirnitzer (SPD) sagte, es sei "traurig, dass die Rathauskonzerte mehr oder weniger eingestampft werden, es geht eine Ära zu Ende". Dies sehe er nicht so, entgegnete Bürgermeister Leonhard Spitzauer (CSU), aber es sei nun leider so, dass gerade viele Dinge ausfallen müssten. Die Gemeinde wolle "Kultur trotzdem möglich machen", aber "keine Infektionen bei gemeindlichen Veranstaltungen". "Wir stehen hinter dem Konzept Rathauskonzerte", sagte auch Albert Wirth (CSU) in Vertretung seiner Parteifreundin Christl Mitterer, die als Kulturreferentin des Gemeinderates das kritisierte Vorgehen offenbar maßgeblich erarbeitet hatte.

Wie es mit der Konzertreihe weitergeht, soll von November an Thema im neu gegründeten Kulturbeirat werden. Welche Maßstäbe man dort unter anderem anlegen will, deutete eine Anfrage an Rainer an, man möge doch bei künftigen Konzerten "untersuchen, wo die Gäste herkommen", etwa indem man die Postleitzahlen abfragt. Dies werde man auf jeden Fall tun, so Rainer, der gleich noch den Vorschlag machte, statt der traditionellen Kinderkonzerte von und mit Heinrich Klug von den Münchner Philharmonikern öfter mal die Musikschule auftreten zu lassen. Ganz grundsätzlich sollte man außerdem versuchen, bei gemeindlichen Veranstaltungen neues Publikum zu erschließen. Was seinem Chef dann offenbar etwas zu weit vorgeprescht war, Spitzauer bemühte sich zu versichern: "Wir beschließen heute nicht, die Marke Rathauskonzerte einzustellen, es geht darum, ein Krisenkonzept für 2021 zu haben."

Dann aber bitte eines, das professionell erarbeitet ist, wandte Kurt Schneeweis ein. Der Intendant der seit 42 Jahren veranstalteten Konzertreihe zeigte sich nicht nur über die Kürzungen verwundert, sondern auch über die ohne ihn vereinbarten Termine. Er habe ja nichts dagegen, wenn die Verwaltung "hinter meinem Rücken" Konzerte ansetze - aber die beteiligten Künstler hätten die Verantwortlichen vielleicht schon fragen sollen. Was er getan habe, mit dem Ergebnis, dass gleich zum ersten Konzert einer der beiden Musiker gar keine Zeit, weil bereits ein anderes Engagement habe. Man werde das prüfen, versicherte der Bürgermeister, vermutlich sei ein Fehler in der Vorlage schuld. Diese wurde danach ohne Gegenstimmen beschlossen.

Was das für die Rathauskonzerte bedeutet, beantwortet Schneeweis einen Tag später auf Nachfrage mit einem Wort: "Aus". Besonders, dass 2021 die Abos gestrichen werden, sei ein herber Schlag. Diese bildeten "den Publikumsstamm", den man in vielen Jahren aufgebaut habe. Gut möglich, dass die treuen Stammgäste 2022 nicht erneut ein Abo abschließen, sondern bis dahin längst zu anderen Veranstaltungsreihen - etwa des Kulturvereins Zorneding-Baldham - abgewandert seien.

Auf den geplanten Kulturbeirat setzt Schneeweis wenig Hoffnung. Er wolle ja nicht zu pessimistisch klingen, aber wenn Vertreter von Musikschule, VHS, verschiedener Vereine und Verbände ein gemeinsames Kulturprogramm auf die Beine stellen sollten, werde das "ein Gemischtwarenladen". Auch der dafür angedachte Titel - unter dem sich wohl auch die Reste der Rathauskonzerte wiederfinden sollen - stößt bei Schneeweis nicht auf Begeisterung. "Kulturraum? - Dabei haben wir in Vaterstetten doch gar keinen Raum für die Kultur".

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SZ vom 25.09.2020
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