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Musikschule Vaterstetten:Session in der Taverne

Unter dem Motto "Sirtaki & Co." gelingt der Musikschule Vaterstetten ein appetitanregendes Livestream-Konzert.

Von Ulrich Pfaffenberger, Vaterstetten

VHS Sirtaki Stream Konzert

Drei Urgesteine der Vaterstettener Musikschule leisten Unterstützung in Corona-Zeiten: Jimi Kelz, Manolis Kyritsis, und Johannes Buck (von links) geben ein Livestream-Konzert mit populärer griechischer Musik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Im Konzertsaal verpönt, am heimischen Bildschirm eine Selbstverständlichkeit: Man entdeckt etwas Mitreißendes, Spannendes und möchte gleich den einen oder anderen lieben Menschen daran teilhaben lassen. Also greift man zum Handy und sendet eine Botschaft: "Chairete, Barbarulla! Geh' doch mal auf youtu.be/hGE0_UPqq7Q. Jetzt!" Dann geschieht, was eben nur online möglich ist, aber nicht im analogen Leben: Egal, wo dieser Mitmensch zuhause ist, er kann sofort die Tür zum Konzertsaal öffnen. Der Zähler der aktuellen Besucher unten am Bildrand schnellt um eins nach oben. Sekunden später schon die Rückmeldung: "Wunderbar!"

So einfach geht das, wenn man einer ausgewiesenen Griechenland-Freundin eine Freude machen will und gerade einem Livestream-Konzert "Sirtaki & Co." aus der Musikschule Vaterstetten folgt. Dort hatte am Montagabend das Trio Manolis und Freunde den Konzertsaal in eine Taverne verwandelt, die Musiker mittendrin, das Publikum zwangsweise auf Distanz, aber dank der - diesmal zurecht so betitelten - sozialen Medien dann doch nicht gar so weit von ihnen entfernt.

Was Jimi Kelz am E-Bass, Manolis Kyritsis an der Bouzouki und Johannes Buck an der Gitarre in der knappen Stunde hören ließen, war eine Rembetiko-Session, die in mehrfacher Hinsicht das Prädikat "vom Feinsten" verdient. Schon deshalb, weil da 117 Erfahrung als Musiklehrer vor Kamera und Mikrofon saßen, die ein solches Konzert vermutlich jederzeit formvollendet präsentieren können, selbst wenn man sie nachts um drei auf einer griechischen Insel aussetzt und sagt: "Spielt!" Wobei ihre anfänglich erkennbare Zurückhaltung den Auftritt nur umso menschlicher wirken ließ: Wie soll da auch inspirierende Stimmung aufkommen, wenn man ganz allein im Raum ist? Doch dann entfalteten jene Melodien ihre Wirkung, mit denen das Trio - vom Feinsten eben - den großen Meistern der "Laïki Mousiki" ihre Referenz erwiesen: Vasilis Tsitsanis, Giorgos Mitsakis oder Marcos Vamvakaris oder Manos Katrakis. Ihre populären Melodien sind hierzulande nur Kennern oder regelmäßigen Griechenland-Besuchern vertraut, in ihrer Heimat genießen sie das Ansehen eines Count Basie, Charlie Parker, Muddy Waters oder John Lee Hooker.

Warum hier ausgerechnet diese Musiker zum Vergleich genannt sind? Weil es bei der Innerlichkeit des griechischen Rembetiko, seiner Melancholie und Nonchalance, seiner Poesie und seinen Klangspielen so viele Anknüpfungspunkte zum Blues gibt, dass man meinen könnte, Clarksdale und Kalamata, Piräus und Memphis, sie lägen alle im gleichen Landstrich. Wobei es genügend Unterschiede gibt, die den jeweiligen Charakter prägen. Bei der Schnelligkeit und ihrem Temperament sind die griechischen Melodien ihren amerikanischen Verwandten um Meilen voraus. Wie sonst ließen sich 15 Stücke in einem Set unterbringen, ohne dass es sich gehetzt oder getrieben anhört?

Auch wenn am Ende des Konzerts die heimliche Hymne Griechenlands, der Sirtaki aus dem Film "Alexis Zorbas", nicht fehlen durfte: Die Auswahl der Stücke und die klug gewählte Abfolge im Programm machten den Montagabend zu einer Lehrstunde über die Charakteristik populärer griechischer Musik. Die markante Bouzouki prägt zwar die Klangfarbe der Melodien, lässt aber so viel Spielraum und Gestaltungsfreiheit für die anderen Instrumente, dass daraus eine bemerkenswerte Vielfalt entsteht. Diese in unmittelbarem Zusammenhang zu hören und zu unterscheiden, war ein besonders großes Vergnügen bei diesem Konzert, das meisterliche Spiel der drei Musiker das andere. Mit Stücken wie dem "Tanz der braven Männer" oder "Lass uns zusammen spazieren gehen" haben sie Standards gesetzt.

Dass diese Wirkung ungeschmälert beim Publikum - zu Spitzenphasen um die 40 angemeldete Zuhörer - ankam, ist einer vorzüglichen Studio- und Übertragungstechnik zu verdanken. "Maxi, Simon und Vera" haben hier im Hintergrund eine 1A-Leistung geliefert. Wenn man diese Qualität in der Musikschule lernt, verheißt das Gutes für die Zukunft.

Was die Atmosphäre des Konzerts angeht: In einem Punkt irrte Vaterstettens Musikschul-Chef Peter Kölmel in seinem emotionalen Schlusswort. Da drückte er doch vor dem schulisch-nüchternen Hintergrund des Raumes und beim Blick in die Kamera glatt sein Bedauern darüber aus, dass es diesmal nach dem Konzert leider nicht "kulinarisch weitergeht". Seine Vermutung mag damit begründet gewesen sein, dass die Übertragung im Einbahnverfahren erfolgte. Sonst hätte er wohl einen Blick auf den einen oder anderen Zuschauertisch mit Tsatsiki und Taramas, mit Bifteki und Stifado, mit Moussaka und Kotopoulo lemonato werfen können, hätte das Anstoßen der Gläser mit Makedonikos vernommen und die Giammas-Rufe zum Ouzo. Denn diese musikalische Darbietung hat ganz eindeutig Appetit auf mehr gemacht.

© SZ vom 25.11.2020
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