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Vaterstetten:Mit dem Zweiten sieht man besser

In Vaterstetten wird viel gebaut. Darüber, wie viel zu viel ist, gehen in der Gemeinde die Meinungen auseinander. Nun soll ein neues Entwicklungsprogramm erarbeitet werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Eine Arbeitsgruppe soll das Gemeindeentwicklungsprogramm auf den aktuellen Stand bringen. Darin enthaltene Planungen und Prognosen, zum Beispiel zur Einwohnerzahl, sind längst überholt

Einen Blick in die Zukunft haben die Vaterstettener vor einiger Zeit gewagt - und zwar ins Jahr 2025. Wie die Gemeinde dann aussehen könnte, wo was gebaut werden sollte und wie viele Einwohner zuziehen müssten, wo Supermärkte, Schulen, Kindergärten zu finden sind, all das wurde 2011 ins damals von allen Fraktionen verabschiedete Gemeindeentwicklungsprogramm (GEP) geschrieben. Nun, gewissermaßen auf halbem Weg, könnte das GEP eine Generalüberholung erfahren, im Bauausschuss kündigte Bürgermeister Georg Reitsberger (FW) eine Nachbesserung nach der Sommerpause an.

Dass es überhaupt ein solches Programm gibt, hat mit einem Bürgerentscheid im Jahr 2005 zu tun. Darin wurde eine vom damaligen Bürgermeister Robert Niedergesäß (CSU) favorisierte Planung für zwei große Neubaugebiete an den Ortsrändern von Vaterstetten und Baldham mit knapper Mehrheit abgewiesen. Bis zu 1700 Neubürger hätten dort binnen weniger Jahre zuziehen sollen, zu viele für manche Vaterstettener, eine Bürgerinitiative gegen das Neubauprojekt formierte sich. Nach dem Bürgerentscheid lud der Rathauschef zur Zukunftswerkstatt ein. Es nahmen Befürworter und Gegner der ursprünglichen Planung, Politiker, interessierte Bürger und Experten teil, 2007 stellten sie ihren Abschlussbericht vor. In den folgenden vier Jahren entwickelte eine interfraktionelle Arbeitsgruppe das GEP.

Eigentlich ging es nun um einen Zwischenbericht darüber, welche 2011 im GEP formulierten Planungen abgeschlossen, in Arbeit und noch auf der Warteliste sind. So konnte Bauamtsleiterin Brigitte Littke etwa bei den Wohngebieten Vaterstetten West und Nordwest sowie in Baldham Dorf und beim Parsdorfer Gewerbegebiet Vollzug melden, genau wie bei einem Wohngebiet in Purfing. Aktuell in der Planung stehen das Vaterstettener Ortszentrum, das Wohngebiet samt neuem Haus an der Dorfstraße beim Parsdorfer Weg sowie das neue Gewerbegebiet Vaterstetten Ost.

Aber auch einige Projekte, die nicht im GEP enthalten sind, stehen auf der Liste. Derzeit werden zahlreiche Bebauungspläne bearbeitet, einige davon, weil sie nach Gewährung zahlreicher Ausnahmen über die Jahrzehnte ungültig wurden. Darüber hinaus gibt es noch Anfragen von Grundstückseigentümern für die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens.

Es sei ja "sehr erfreulich, dass das Thema GEP behandelt wird", befand Herbert Uhl (FW). Gleichzeitig wiederholte er seine schon öfter geäußerte Kritik an der Umsetzung des Programms. Schließlich habe dieses auch ein Bevölkerungswachstum von lediglich vier bis sechs Prozent bis 2025 als Ziel genannt. "Das ist deutlich überschritten", so Uhl.

Tatsächlich wäre dies, ausgehend von der Einwohnerzahl im Jahr 2011 ein Zuwachs von insgesamt 900 bis 1400 Neubürgern gewesen - alleine ins Baugebiet Vaterstetten Nord und Nordost werden in den kommenden zwei Jahren etwa 1500 Leute einziehen. Durch die zahlreichen Nachverdichtungsprojekten der vergangenen Jahre dürfte das GEP-Ziel ohnehin längst erreicht sein.

Uhl schlug daher vor, man müsse "das GEP neu aushandeln" und regte eine die Gründung einer Arbeitsgruppe zu dem Thema an. "So weitermachen wie bisher, das halte ich für unseriös." Unterstützung kam von Manfred Schmidt (AfD/FBU), angesichts des Einwohnerzuwachses der vergangenen Jahre solle man bestimmte Vorhaben mit niedriger Priorität am besten ganz aus dem GEP streichen.

Dass das Programm einer Überarbeitung bedarf, meinte auch Stefan Ruoff (Grüne). Wie die Vorredner verwies er auf die Einwohnerentwicklung, die weit über dem Plan liege und schlug vor "etwas zurückhaltender zu sein bei neuen Planungen." Außerdem hätte er sich zu dem Thema eine Einschätzung der beiden größten Gemeinderatsfraktionen gewünscht, so Ruoff, aus den Reihen von CSU und SPD wollte sich allerdings niemand dazu äußern.

Dies übernahm stattdessen Bürgermeister Georg Reitsberger (FW): "Die Rahmenbedingungen haben sich gewaltig geändert, niemand hat mit einem solchen Wirtschaftswachstum gerechnet." Und eben auch nicht mit den Folgen für die Gemeinde, so Reitsberger, "wir müssen am GEP etwas nachbessern", eine Arbeitsgruppe zu gründen sei daher "eine gute Idee". Wie eine solche aussieht und welche Ziele in ein neues GEP geschrieben werden könnten, "das sollten sich die Fraktionen über die Ferien mal überlegen".

© SZ vom 03.08.2017
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