32 Augenpaare schauen und hören aufmerksam zu, als sich Andrea Berroth, Christine Heizmann und Ralf Welter den Schülerinnen und Schülern vorstellen. „Ihr habt hier die Chance, zwei Tage etwas für euch selbst zu lernen“, sagt Berroth, die normalerweise als Business-Coach arbeitet. Heizmann leitet ein Team bei der Messe München, Welter ist Geschäftsführer eines Halbleiterherstellers. Doch an diesem Tag haben alle drei dieselbe Aufgabe: die Teilnehmenden des Projekts „Schüler im Chefsessel“ zu coachen. Dazu gehören ein Rhetorik-, ein Teamwork- und ein Persönlichkeitstraining. Denn es gilt herauszufinden: Wer hat das Zeug dazu, ein Unternehmen zu führen?
Doch was spornt die jungen Menschen an, bei dem Projekt am Humboldt-Gymnasium in Vaterstetten mitzumachen? Sie bekommen die Chance, einen Tag lang mit einer Führungskraft mitzulaufen und ihr über die Schulter schauen zu dürfen. In diesem Jahr ist die Konkurrenz besonders groß: 32 Zwölftklässlerinnen und Zwölftklässler kämpfen um 13 zu vergebende Chefsessel. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hatten sich nur 16 beworben.
Initiiert wurde das einzigartige Projekt „Schüler im Chefsessel“ 2006 von der damaligen Vorsitzenden des Elternbeirats Monika Föller. Seit vielen Jahren nun leiten es zwei Frauen gemeinsam: Lehrerin Daniela Peter und die Vorsitzende des Fördervereins Sabine Pillau. Sie begleiten den Bewerbungsprozess, organisieren Trainer und „Chefsessel“ und sorgen dafür, dass das alles geordnet abläuft. Das Ziel des Projekts ist, motivierte Schülerinnen und Schüler zu fördern. Sie sollen mehr Orientierung fürs Berufsleben erhalten, die eigenen Stärken und Schwächen erforschen und lernen, sicherer vor anderen zu reden und eine Gruppe anzuleiten.
Umgesetzt und geübt wird all das über zwei Tage hinweg in Kleingruppen, begleitet von Berroth, Heizmann und Welter. Die Trainer gestalten nicht nur die einzelnen Schulungen, sie achten auch auf die individuellen Interessen der Teilnehmenden, um sie später den passenden Führungskräften zuzuweisen. Denn die Bandbreite der teilnehmenden Unternehmen ist groß. Vom Chefarzt über die Unternehmensberaterin bis hin zum 3D-Druck von Airbus ist alles mit dabei. Auch die Dynamik und das Rollenverhalten in den Gruppen haben die Trainer im Blick. Denn am Ende geht es um die Frage: Wer kann und will in einem Team – egal ob im Unternehmen oder in der Schule – die Führung übernehmen? Diejenigen, die dabei am besten abschneiden, dürfen später Chefluft schnuppern.
Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt gewandelt. Während in den Anfangsjahren nur eine Handvoll besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit bekamen daran teilzunehmen, steht es nun allen Zwölftklässlern offen. Wer dabei sein mag, muss lediglich ein Motivationsschreiben und ein Bewerbungsvideo einschicken. Letzteres ist ein Novum, das allerdings nicht nur der Bewerbung dient, sondern auch eine Vorbereitung auf die Trainings. Denn dort geht es ja unter anderem um sicheres Auftreten – und dabei werden auch die Möglichkeiten moderner Technik genutzt: Aufnahmen der Reden der Teilnehmenden helfen diesen bei der Weiterentwicklung, da sie sich so selbst analysieren und einordnen können.
Die Trainer und Führungskräfte, die sich ehrenamtlich für das Projekt engagieren, stammen meist aus der Schulfamilie des Humboldt-Gymnasiums. Zum Beispiel Sven Breipohl, Personalchef bei Check24. Er war jahrelang im Persönlichkeitsworkshop als Trainer tätig, seit 2023 stellt Breipohl einen „Platz im Chefsessel“. Gleiches gilt für Frank Rethmann, Leiter des neuen 3D-Zentrums bei Airbus Helikopters, der dieses Jahr sogar zwei „Chefsessel“ zur Verfügung stellt. Inklusive Shuttleservice, denn Donauwörth liegt weit weg und ist öffentlich schwer zu erreichen. Also fährt Rethmann kurzerhand mit den Schülern im Auto zu seinem Arbeitsplatz.
Wie läuft so ein Tag im Chefsessel ab?
Der Tag im Chefsessel ist freilich eher ein Kennenlernen der Führungskräfte und ihrer Aufgaben. Rethmann beschreibt die Jugendlichen als „Schatten, der den ganzen Tag mitläuft“, einen überallhin begleitet. Dadurch aber ergäben sich besondere Einblicke. „Wir gehen gemeinsam in jedes Meeting rein, verschaffen uns einen Überblick über die Firma und die jeweiligen Funktionen“, erzählt Breipohl. Gerade wenn der Schüler einen bestimmten Bereich im Blick habe, der ihn besonders interessiere, werde ein Besuch ermöglicht. Schülerinnen und Schülern, die bald vor einer Karriereentscheidung stehen, zu coachen, sei auch eine Art, sich einzubringen und junge Menschen zu fördern, sagt Rethmann. Im Gegenzug sei er begeistert vom großen Interesse und der hohen Motivation der Schülerinnen und Schüler.
Oft sind es aber nicht nur die zwei Projekttage und der Firmenbesuch, die die Schüler in ihrer beruflichen Orientierung weiterbringen. Vor allem das daraus resultierende Netzwerk berge Potenzial, sagt Pillau. Gleiches berichtet auch Breipohl: „In drei bis vier Fällen konnten wir durch das Chefsessel-Projekt Praktikanten und Werkstudenten gewinnen. Ein Ehemaliger arbeitete sogar später fest angestellt bei uns im Unternehmen.“ So hat nicht nur die Schule einen Mehrwert durch das ehrenamtliche Engagement der Trainer und Chefs. Auch die Unternehmen profitieren in Zeiten des Fachkräftemangels von den Talenten, die sie durch das Projekt kennenlernen.
Bis Ende November werden alle 13 Teilnehmenden, die einen Chefsessel ergattern konnten, ihre Firmen besucht haben. Damit ist das diesjährige Projekt dann abgeschlossen – und die beiden Organisatorinnen, Peter und Pillau, beginnen sogleich mit der Planung fürs kommende Jahr.



