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Gesellschaftskritisches Schultheater:Pjöngjang in Vaterstetten

Goldene Zeiten - Theater Gym VAT

Das Oberstufentheater zeigte sein eigens geschriebenes Stück "Eine goldene Zukunft". Darin wurde die gesamte Schule in einen Ort ganz nach dem Geschmack Kim Jong-uns verwandelt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Am Humboldt-Gymnasium haben sie ihren Orwell gelesen: Das Stück "Eine goldene Zukunft" verwandelt die Schule in eine finstere Dystopie jenseits der Freiheit. Doch wie so viele Gesellschaftsexperimente endet auch dieses in der Anomie

Von Dorian Baganz

Wer hat in seinem Bekanntenkreis nicht schon mal von jenen Katastrophentouristen gehört, die eine Reise nach Nordkorea unternehmen - natürlich nur, um "Land und Leute" kennenzulernen. Anschließend erzählen sie von der Repression, der Unterdrückung und dem marionettenhaften Verhalten der dortigen Bevölkerung. Wer Derartiges gerne beobachtet, musste nun gar nicht erst ein Flugzeug besteigen und 8000 Kilometer nach Pjöngjang jetten; ein Besuch des Humboldt-Gymnasiums Vaterstetten genügte! Denn das Oberstufentheater zeigte sein eigens geschriebenes Stück "Eine goldene Zukunft". Darin wurde die gesamte Schule in einen Ort ganz nach dem Geschmack Kim Jong-uns verwandelt.

Stille. Die Einstiegsszene findet in der Aula statt, der Blick fällt auf weiß bekitteltes Personal mit düsteren Mienen. Plötzlich öffnet sich lautstark die Tür, es sind die ersten "Schüler", die das Gebäude betreten, noch ist es vor Unterrichtsbeginn und die Zuschauer - so findet man schnell heraus - stecken in der passiven Rolle "interessierter Eltern", die darüber nachdenken, die eigenen Kinder auf das Gymnasium zu schicken.

Goldene Zeiten - Theater Gym VAT

Die Wunderpille "goldene Zukunft" verspricht erhöhte Lernbereitschaft und Neugierde.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Jeder der Jugendlichen muss eine Art Wunderpille namens "goldene Zukunft" schlucken, welche Denkfähigkeit, Neugierde und Lernbereitschaft erhöhe, so wird es der versammelten "Elternschaft" von einem brillant gespielten "Rektor" versichert. Das Humboldt-Gymnasium sei die erste Schule weltweit, die Zugriff auf dieses Medikament habe, welches natürlich "vollkommen ungefährlich" sei. "Wir wollen Disziplin statt Pubertät!", ruft er in den Saal. Die in einer Phalanx aufgestellten Schüler stampfen im Gleichschritt auf den Boden. Das sei "der erste Schritt in ein neues Zeitalter des Bildungswesens", versichert der Vertreter eines fiktiven Unternehmens "Golden Future Pharmarcies", der sich per Videobotschaft an die Alibi-Eltern wendet.

Dann wird's richtig interaktiv. Es folgt ein Spaziergang durch das Gebäude, hinein in die Sporthalle, wo die "stellvertretende Schulleiterin" darum bittet, auf der Tribüne Platz zu nehmen. Manchmal verhaspelt sich die adoleszente Schauspielerin, doch integriert sie die Versprecher spontan gekonnt in ihr Spiel: "Sie müssen entschuldigen, heute ist ein großer Tag für unsere Schule!"

Licht aus. Auf einem beleuchteten Spielfeld führen die Schüler unter der Ägide einer "Sportwissenschaftlerin" eine Art Synchrontanz auf. Dass eine der beiden Mannschaften dabei besser abschneidet als die andere, ist für den Zuschauer nicht erkennbar. Doch "Team B" habe seine "muskelaktive Schlaganspannung" nicht ausreichend eingesetzt, so die Wissenschaftlerin. "Team A: Freut euch!", fordert sie von den Jugendlichen mit strenger Stimme. Wie auf Knopfdruck jubelt die Mannschaft aus vollem Halse. Pjöngjang lässt grüßen.

An dieser Stelle wird die totale Kontrolle deutlich, die die fiktive Leitungsebene der Schule über ihre Zöglinge ausübt. Ihr Motto lautet: "Einheit statt Vielfalt!" Und diese Einheit erreicht sie nur durch das Ausmerzen jeglichen freien Willens - außer ihres eigenen, versteht sich. Ein wenig erinnert das Schauspiel an die Kommunismus/Sozialismus-Kritik des englischen Schriftstellers George Orwell, der in seiner dystopischen Fabel "Farm der Tiere" den berühmten Topos prägte: "Alle sind gleich, manche sind gleicher." In diesem Fall sind es die Lehrer, die ein bisschen "gleicher" sind.

Goldene Zeiten - Theater Gym VAT

Das Ergebnis der "goldenen Zukunft" sind Leistungsdruck und Gleichschaltung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Als nächstes geht es in den Physikraum. "Saufen, Rauchen, Völlern und Ficken können sich negativ auf den Lebenslauf auswirken", sagt eine der Schülerinnen im monotonem Sprech. Die Pille "goldene Zukunft", so erfährt man, unterwirft alle menschlichen Eigenschaften dem Diktat der Leistungssteigerung. Gepaart wird sich nur mit Gleichrangigen. Intoleranz ist geduldet - jedoch nur gegenüber Deserteuren.

Wer sich der Gleichschaltung nicht - oder sagen wir: nur zögerlich - unterwirft, sieht sich mit der disziplinarischen Sanktionsmaschinerie der Schule konfrontiert. Als sich einer der Schüler nicht auf Anhieb meldet, nachdem ihn die Lehrerin dazu aufgefordert hatte, soll er spontan die "Halbwertszeit des Poloniums" aus dem Ärmel schütteln - und liegt nur um eine Kommastelle daneben! Trotzdem brummt ihm die Paukerin das zehnmalige Abschreiben irgendeiner Tabelle auf.

"Als Lehrer wünscht man sich immer den braven, disziplinierten Schüler", sagt Susanne Asam im Anschluss an die Aufführung, "aber das stößt natürlich an Grenzen". Als Leiterin des Theaterkurses habe sie ihren Orwell gelesen, klar, das autoritäre Moment des Stückes sei dadurch sicherlich beeinflusst worden - in Zusammenarbeit mit den Elf- und Zwölftklässlern. Doch auch die konsumkritische Ebene dürfe nicht unterschätzt werden. Wenn zum Beispiel die Phalanx in gruseliger Mehrstimmigkeit, die an kleine Mädchen in Horrorfilmen erinnert, sagt: "Geld ist der einzige akzeptierte Wert!" Oder: "Ein guter Job und eine Doppelhaushälfte sind das höchste Ziel, das es zu erreichen gilt!"

Doch irgendwann gerät alles außer Kontrolle. Revolution! Auf Leinwänden sind anomische Zustände zu sehen: Lehrer verschanzen sich, Jugendliche hasten durch die Flure. "Wir müssen Sie nun auffordern, das Gebäude zu verlassen", schallt es aus den Lautsprechern. Auf dem Weg nach draußen blicken grimmig dreinblickende Schüler in schwarzen Kapuzenpullovern auf das Publikum herab. Sie summen dabei eine berühmte Melodie von Pink Floyd: "We don't need no education..."

© SZ vom 23.01.2020

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