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Kunsthandwerk in Weißenfeld:Ein Hauch von Weihnachtsmarkt

Die beiden Vaterstettener Glasbläser Nina und Stephen Thorp bieten Vielfalt im Advent: Sie haben sieben Kolleginnen und Kollegen aus dem Kunsthandwerk eingeladen, gemeinsam in ihrem Atelier in Weißenfeld auszustellen.

Von Anja Blum

Lichtermeer und Glühweinduft, schlendern, staunen und ratschen, Preziosen für den eigenen Weihnachtsbaum oder außergewöhnliche Geschenke finden: Auch der Advent wird zu einer Zeit des Verzichts werden, denn die Zeichen stehen schlecht für Christkindlmärkte und Co. Das ist freilich für viele Menschen traurig - für manche aber sogar existenziell bedrohlich. Für das Kunsthandwerk nämlich. Keine Märkte, kein Umsatz. So einfach ist das. Die beiden Vaterstettener Glasbläser Nina und Stephen Thorp zum Beispiel werden die Adventszeit heuer das erste Mal seit 27 Jahren in ihrer Werkstatt in Weißenfeld verbringen. Da die beiden Weihnachtsmärkte in Schwabing und Regensburg, wo sie traditionell ausstellen, abgesagt wurden, gehen die Thorps nun neue Wege: Sie haben Kunsthandwerkerfreunde eingeladen, gemeinsam bei ihnen auszustellen.

Seit 1993 ist das Ehepaar mit seiner Glasbläserei in Weißenfeld ansässig und produziert dort in aufwendiger Handarbeit Glaskunst - Verkauf vor Ort inklusive. "Diese Möglichkeit war noch nie so wichtig wie im Coronajahr 2020", sagt Stephen Thorp. Normalerweise laden die beiden Glasbläser im Sommer stets ins offene Atelier ein, dann ist die idyllisch gelegene Werkstatt am Ortsrand von Weißenfeld beliebtes Ausflugsziel. 2020 wäre die Veranstaltung unter dem Motto "Augenweide" gestanden, doch auch sie musste wegen der Corona-Krise abgesagt werden. Möglich war nur ein Werkstattdirektverkauf für einzelne Kunden nach Anmeldung.

Die seltene Kunst des Glasmachens beherrschen Nina und Stephen Thorp aus Vaterstetten. Da sie heuer nicht auf Weihnachtsmärkten ausstellen können, verwandeln sie ihr Atelier nun in eine Galerie.

(Foto: Christian Endt)

Trotzdem lassen sich Nina und Stephen Thorp nicht entmutigen: "Da unsere Glasöfen im Advent nicht brennen werden, nutzen wir den Werkstattbereich nun als erweiterte Ausstellungsfläche", erklären sie. "Und um unseren Besuchern echte Vielfalt bieten zu können, haben wir Kunsthandwerkerfreunde eingeladen, bei uns auszustellen. Sie alle sind, wie wir auch, seit Jahren in München auf dem Schwabinger Weihnachtsmarkt - nur eben 2020 nicht." Also zeigen die Thorps nun nicht nur ihre Glaskunst, sondern darüber hinaus die Arbeiten von sieben Kollegen aus ganz Deutschland, von Bremen bis Mittenwald. Von Mittwoch, 25. November, an bis Mittwoch, 23. Dezember, kann man in Weißenfeld Kunsthandwerk aus den Bereichen Papier, Bronze, Keramik, Leder, Stein und Holz bewundern und natürlich auch kaufen. Die Ankündigung verspricht "verschiedene Gewerke und Materialien, gehobenes Design und einzigartiges Kunsthandwerk made in Germany". Es gebe exklusive Geschenke für jeden Geldbeutel - und sogar die Geldbeutel selbst. So wollen die Veranstalter eine "Oase im Advent" bieten, einen ruhigen Ort weit weg vom Tumult der Einkaufsstraßen und Shoppingmalls. Geöffnet ist die Ausstellung mittwochs bis samstags von 10 bis 17 Uhr, außerdem kann man jederzeit persönlich einen Termin vereinbaren. Die Schutz- und Hygienemaßnahmen werden stets eingehalten.

Unter dem Titel "Freeform Glaskunst" bieten Nina und Stephen Thorp ihre filigranen Geschenkartikel: Schmuck, Gartenvögel, Briefbeschwerer, dekorative Gefäße, Licht- und Kunstobjekte in bezaubernden Farben und Formen. "Für die Techniken der manuellen Hohl- und Flachglasfertigung sind komplexes Wissen und ein fundierter Erfahrungsschatz nötig. Die basale Handfertigkeit eines Glasmachers setzt eine mehrere Jahre dauernde ständige Übung und Erprobung voraus", erklärt Stephen Thorp. In Deutschland gebe es nur noch rund 500 Träger dieses Wissens um das Glasmachen, das zum Immateriellen Kulturerbe gehört.

Kunst in Ton Jutta Körner

In Nina und Stephen Thorps Atelier sind auch schwungvolle Tonfiguren von Jutta Körner ausgestellt.

(Foto: Thomas Giessner/oh)

Die Leidenschaft für den Werkstoff Papier, die Freude am fachlichen Austausch und am gemeinsamen Auftreten war ausschlaggebend für das Entstehen der Gruppe "Papier Hoch Drei". Dahinter verbergen sich Ulrike Bräuninger, Brigitte Nebel und Wiebke Steinwedel. "Jede von ihnen hat ihren eigenen Stil. Aber gemeinsam ergänzen sie sich perfekt", heißt es in der Ankündigung. Somit böte die Gruppe die ganze Bandbreite buchbinderischer Techniken: Fotoalben, Leporellos, Ordnerrücken, Schmuckschachteln, Skizzenbücher, Sammelmappen, Stimmungslichter und vieles mehr. Miniaturen aus Bronze, die auf Stein montiert sind, bringt Jens Höpke mit nach Weißenfeld. Er formt seine Objekte bei 820 Grad aus einer speziellen Schmiedebronze aus einem Stück. "Meist passt der Künstler die etwa drei Zentimeter großen Figuren der Form des Steines an, andersherum findet er aber auch immer einen Stein zu einer geformten Stimmung."

Kunst in Ton ist die Passion von Jutta Körner. In ihren Arbeiten steht ganz klar die Form im Vordergrund. "Um die Kraft ihres Materials umzusetzen, sucht die Künstlerin nach ebenso kraftvollen Szenen und stößt dabei immer wieder auf zwei Themen: den Stier und den Tango, beides Ausdruck von kraftvoller und zugleich beherrschter Bewegung." In ihren Objekten und Kleinskulpturen bringe Körner Form und Farbe in Einklang. Mit Leder hingegen arbeitet Pascal Graf: Aus hochwertigem vegetabil gegerbtem Rindsleder, Leinenzwirn und Bienenwachs entstehen mit Liebe zum Detail formschöne und klare Accessoires wie Portemonnaies, Cardholders und Schlüsselanhänger - von Hand genäht und langlebig. Für die Entwicklung und Herstellung der Produkte arbeitet der Künstler in einer Kombination aus hochmoderner Lasertechnologie sowie ursprünglichem Handwerk. Das Konzept "One-Piece-Origamifaltung", auf dem alle Produkte basieren, wurde bereits in die Selection des Green Product Award aufgenommen. Hölzer, Stein, Bronze: Stefanie von Quast hat von Kindesbeinen an gemalt und modelliert. Das führte erst zur Ausbildung in Malerei und Grafik, später kam die Bildhauerei hinzu. Jetzt nutzte die Künstlerin die unterschiedlichsten Techniken und Materialien als Herausforderung. In Weißenfeld zeigt sie kleinere Stein-Bronze-Plastiken sowie Familien und Liebespaare aus edlen Hölzern.

Neben filigranen Glasobjekten gibt es in Nina und Stephen Thorps zur Galerie verwandeltem Atelier unter anderem Familien aus edlen Hölzern von Stefanie von Quast zu sehen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ausstellung bei "Freeform Glaskunst", Am Mitterfeld 35, 85622 Weißenfeld, Öffnungszeiten: mittwochs bis samstags von 10 bis 17 Uhr.

© SZ vom 24.11.2020
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