Mit "volo - die junge Redaktion" startet am Montag an der Mittelschule ein Projekt, bei dem unter anderem die Ebersberger SZ Kooperationspartner ist: Eine Woche lang bearbeiten die Schülerinnen und Schüler der zehnten Jahrgangsstufe das Thema "Mitbestimmung in Extremen". In drei Gruppen aufgeteilt nehmen sich die Jugendlichen des Themas anhand dreier unterschiedlicher medialer Formen an: eine szenische Talkshow, eine Radioshow und eine Zeitungsseite - die von den Schülerinnen und Schülern gestaltete Zeitungsseite wird am Freitag im Ebersberger Teil der SZ erscheinen. "Ich wollte das Projekt unbedingt an einer Mittelschule durchführen", sagt Jean-Francois Drožak, Leiter der Nürnberger Agentur "Kunstdünger - Die Agentur für Kulturdesign" und Initiator des Projekts. "Wir möchten Jugendliche, die auf den ersten Blick vielleicht nicht prädestiniert zu sein scheinen, später einmal in den Journalismus zu gehen, ermutigen und ihnen zeigen, dass auch sie das Zeug haben, einen solchen Berufsweg einzuschlagen."
Dass die Wahl auf die Vaterstettener Mittelschule gefallen ist, hat mit der Intention der Aktion zu tun, ein bisschen aber auch mit Zufall: Die Woche ist Teil eines bayernweiten Projekts, das der 46-jährige Drožak vor zweieinhalb Jahren gestartet hat - Vaterstetten ist die letzte Station. Träger des Ganzen ist die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit mit Sitz in München. In jedem der sieben bayerischen Bezirke wurde eine Schule für das Projekt ausgewählt. Die oberbayerische Kandidatin ist die Mittelschule in Vaterstetten. "Wir haben uns gewünscht, für das Projekt mit der Süddeutschen Zeitung zusammenzuarbeiten, und zwar ganz gezielt mit einer Lokalredaktion", so Drožak. Denn: "Ohne kommunale Berichterstattung gäbe es auf kommunaler Ebene keine Demokratie." Den Jugendlichen genau das zu zeigen, ist Ziel des Projekts. Über zufällige Kontakte gelangte Drožak an die Mittelschule in Vaterstetten.
Einer davon ist Britta Jörgens. Die Baldhamerin ist aufgrund ihres ehrenamtlichen Engagements für Geflüchtete mit den Schulen im Landkreis Ebersberg gut vernetzt. Sie war es, die den ersten Kontakt zur Mittelschule herstellte. Nach einigen Telefonaten mit Drožak, der in Nürnberg lebt, fragte er die 47-jährige Architektin, ob sie nicht Teil des Teams werden möchte, mit denen die Schülerinnen und Schüler Interviews führen. Jörgens sagte zu. "Ich finde das Projekt toll - und wenn ich etwas gut finde, dann kann ich da auch nicht Nein sagen."
Außer der Baldhamerin haben sich auch Pastoralreferent Norbert Trischler, der sich in einer WG bei Moosach für ehemalige Strafgefangene engagiert, Stefanie Rösele, Mitarbeiterin im Erdinger Frauenhaus, sowie der Poinger Rettungssanitäter, Jurastudent und Gemeinderat Omid Atai dazu bereit erklärt, bei dem Projekt als Interviewpartner für die Jugendlichen zur Verfügung zu stehen. Durch ihre unterschiedlichen Berufe und Engagements stellen die vier eine bunte Mischung höchst unterschiedlicher Gesprächspartner dar, und bieten so den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich dem Thema "Mitbestimmung in Extremen" aus verschiedensten Richtungen nähern zu können: Wie muss ein Raum architektonisch gestaltet sein, damit er zur Kommunikation zwischen zwei Menschen anregt? Dürfen Gefängnisinsassen wählen, und wie sieht es mit der Mitbestimmung innerhalb eines Gefängnisses aus? Kann man verlernen, seine Meinung zu äußern, und falls ja, unter welchen Umständen? Und wie viel Mitbestimmung hat eigentlich ein Bürger im Rettungswagen?
Für den 28-jährigen Atai ist es nicht die erste Zusammenarbeit mit Drožak. So war er bereits im Sommer 2018 beim Projekt "Wertewapperl" mit dabei, für das Lernende aus einer siebten Klasse der Poinger Realschule eine Zeitungsseite in der Ebersberger SZ gestaltet haben, damals ging es um das Thema Flucht. Mit einigen jener Jugendlicher steht Atai bis heute in Kontakt, wie er sagt. Er freut sich auf das Projekt - und nimmt auch für sich selber etwas daraus mit. "Man bekommt durch eine solche Arbeit immer einen guten Spot auf die aktuelle Jugend", sagt er. "Und es ist ein außerschulisches Bildungsangebot, dass unsere Kids voranbringt." Das wichtigste bleibe für ihn aber, dass alle Beteiligten Freude an dem Projekt haben.
Freude, dass die Projektwoche mit einem strengen Hygienekonzept trotz Corona nun stattfinden kann, spürt auch Catherine Aicher, Schulleiterin der Grund- und Mittelschule in Vaterstetten. Gerade zu dieser Zeit, in der so viele geplante Schulveranstaltungen Corona-bedingt nicht stattfinden können, freue es sie umso mehr, dass dieses Projekt in der zehnten Jahrgangsstufe möglich ist. Erst seit wenigen Wochen haben die Abschlussklassen ja wieder Präsenzunterricht, eine Voraussetzung für das Zustandekommen des Projekts. Schule sei auch dazu da, den Jugendlichen die Gelegenheit zu bieten, "einmal über den Tellerrand zu schauen, Dinge wahrzunehmen und zu erleben, die nichts mit einer reinen Prüfungsvorbereitung zu tun haben", sagt die Rektorin.
Nach einer Einführung haben die Jugendlichen der Zeitungsgruppe drei Tage Zeit, Interviews mit den vier Protagonisten vorzubereiten, diese zu führen und die Texte zu schreiben - am Freitag werden die Ergebnisse als SZ-Sonderseite veröffentlicht. Die beiden anderen Gruppen werden in dem Zeitraum eine Radioshow in Zusammenarbeit mit der evangelischen Funkagentur vorbereiten und eine szenische Talkshow unter Leitung von Drožak zusammenstellen.
