Vaterstetten:Ferngesteuerte Lkw entwickelt

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Weihnachtsaktion für Trucker

Ein Dankeschön fürs Durchhalten: Jede Menge weihnachtlichen Süßkram gibt es für die Fernfahrer am Truckstop in Vaterstetten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Einsamkeit, schlechte Arbeitsbedingungen, körperliche Beschwerden - die Arbeit von Truckern ist wahrlich nicht leicht. Die Firma Fernride hat womöglich eine Lösung parat.

Von Merlin Wassermann, Vaterstetten

Ach, wie lieblich-unschuldig war doch die Zeit, da man dachte, die Geschenke unter Weihnachtsbäumen kämen von Christkind und Nikolaus oder, als man schon etwas älter war, von den Eltern. Dabei sind selbst letztere nur das finale Glied einer weltumspannenden Lieferkette, deren wichtigste Mitglieder mit dem Weihnachtsmann meist nur gemein haben, dass sie unsichtbar bleiben. "Der Trucker ist der unbeliebteste Mensch auf dem Planeten", beschreibt Andreas Köllnberger die Situation.

Der stämmige Mann mit Rauschebart und Ohrring, der selbst zehn Jahre lang Lastwagen gefahren ist, hat an diesem kalten und verschneiten Abend eine Bommelmütze auf dem Kopf und verteilt Geschenke an Fernfahrer am Truckstop Vaterstetten West. Er ist dabei nicht alleine, organisiert wurde die ganze Aktion mit Stollen, (alkoholfreiem) Punsch und Plätzchen von der Münchner Firma Fernride. Hendrik Kramer, der CEO und Mitgründer des Start-Ups, möchte mit der Aktion auf den Fahrermangel und die schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche aufmerksam machen - und dabei seine Firma als mögliche Lösung ins Gespräch bringen.

Weihnachtsaktion für Trucker

Andreas Köllnberger, Europas erster Teleoperator, verteilt Geschenke an die Kollegen auf der Straße.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Fernsteuerung soll Probleme der Branche lösen

"Der Fahrermangel, den wir jetzt schon haben, wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch verschlimmern. Der Job ist einfach nicht attraktiv. Wir wollen den Fahrern hier eine Freude machen und etwas zurückgeben, bis wir die Logistik verbessern können", erklärt Kramer. Die Logistik der Zukunft stellt sich der 26-jährige Unternehmer, der bereits vor zehn Jahren seine erste Firma gründete, fahrerlos vor. "Schon jetzt haben wir Prototypen, die bei DB Schenker und VW eingesetzt werden, die ohne Fahrer im Cockpit auskommen."

Dort befinden sich stattdessen zwölf Kameras, ein Computer und sechs Sim-Karten für eine möglichst ununterbrochene Internetverbindung. Gesteuert werden die Transportmaschinen von sogenannten "Teleoperatoren", also über die Distanz, bequem vom Büro aus. Köllnberger ist der erste dieser neuen Art Fahrer Europas, vielleicht sogar der Welt. "Das ist total super! Ich bin ausgeschlafen und habe Zeit für die Familie, ich stehe voll hinter diesem Projekt", erzählt er begeistert.

"An Heiligabend sitzen die meisten in der Kabine und saufen sich die Hucke voll"

Der Teleoperator mit der Bommelmütze auf dem Kopf erinnert sich noch gut an die miserablen Arbeitsbedingungen auf der Straße, die er aus erster und zweiter Hand miterlebt hat. "Weil es zu wenige gibt, sind die Fahrer überarbeitet, die Bezahlung ist schlecht, man ist wochenlang weg von zu Hause." Viele Kollegen hätten zudem Probleme mit Depressionen oder mit den Bandscheiben. Wegen Corona dürften sie dort, wo sie übernachten oder ihre Waren abliefern, oft noch nicht einmal auf die Toilette gehen oder sich duschen. "Und an Heiligabend sitzen die meisten in der Kabine und saufen sich die Hucke voll", sagt Köllnberger.

Deswegen wolle er mit der Aktion nun am Vaterstettener Truckstop "den Fahrern ein Lächeln ins Gesicht zaubern." Die Sache war ursprünglich sogar seine Idee gewesen, denn Köllnberger war schon öfter ehrenamtlich an Weihnachten draußen, um bei ähnlichen Aktionen zu helfen. Die Trucker freuten sich dann immer, berichtet er. "Obwohl viele erst einmal denken, man wolle ihnen etwas verkaufen. Sie sind es nicht gewohnt, dass man etwas für sie tut." Auch an diesem Abend kommen die Geschenke gut an. "Schon nach einer knappen Stunde waren 50 Leute hier, und es kommen sicher noch Hunderte mehr", erzählt Kramer.

Weihnachtsaktion für Trucker

Das ganze Team von Fernride freut sich, dass die Aktion so gut ankommt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nötig wäre auch, "unser Konsumverhalten grundsätzlich zu überdenken"

Trotz ekligen Wetters ist die Stimmung also bei allen gut. Weihnachtslieder trällern erst aus kleinen, dann aus sehr großen Boxen, man lacht und unterhält sich mit den Fahrern, die für ein warmes Getränk gekommen sind. Einer von ihnen ist Otto Pásztor aus Ungarn. In gebrochenem Deutsch sagt er, er fände das "super schön. Ich bedanke mich", und strahlt dabei wie eine Christbaumkugel. Köllnberger achtet derweil penibel darauf, dass auch jeder Lkw, der die Raststätte verlassen will, angehalten wird, um ein paar Sachen in die Kabine zu reichen. Kramer findet, die Aktion sei ein voller Erfolg: "Das kommt so gut an, wir wollen das ab jetzt jedes Jahr machen."

Mit seiner Firma will er die Logistik revolutionieren, doch bis die ferngesteuerten Wagen flächendeckend auf die Straße kommen, wird es wohl noch eine Weile dauern. "Wir hoffen, dass wir das zwischen 2024 und 2025 schaffen", so der CEO. Trotzdem ist der Unternehmer nicht gegen mehr Schienenverkehr, im Gegenteil: "Alles, was hilft, Logistik nachhaltig und effizient zu gestalten, ist gut. Dazu gehört auch, unser Konsumverhalten grundsätzlich zu überdenken." Köllnberger pflichtet dem bei: "Auf der Straße werden Trucker nur als Verkehrshindernis gesehen, aber gleichzeitig kaufen alle immer mehr bei Amazon - das geht nicht."

Während der Vorweihnachtszeit - obendrein in einer Pandemie - ist es vermutlich ein frommer Wunsch, dass die Menschen mehr basteln und weniger bestellen, um überlastete Trucker zu schonen. Aber wenigstens hier wird diesen unsichtbaren Weihnachtsmännern ein kleines Dankeschön zuteil.

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