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Vaterstetten:Dialog und Aufklärung

Senioren Union Vaterstetten

Dinah Elisa Khwais referiert auf Einladung von Volker Pietzner von der Senioren-Union in Vaterstetten über den IS-Terror.

(Foto: Weinberg)

Die Senioren-Union informiert sich über Fluchtursachen und den IS und debattiert über die aktuelle Situation

"Sie werden merken, dass mein Name nicht ganz deutsch klingt", beginnt Dinah Elisa Khwais ihren Vortrag bei der Senioren-Union Vaterstetten-Parsdorf. Ihr Vater ist in Jerusalem geboren, ihre Mutter kommt aus Österreich. "Ich fühle mich aber wie eine Münchnerin, eine Bayerin und eine Europäerin", erklärt Khwais weiter und erntet Beifall im voll besetzten Veranstaltungsraum des Alten Hofes in Vaterstetten, wo es beim Stammtisch der Senioren-Union um ein internationales Thema geht.

Der Vorsitzende Volker Pietzner hat die junge Politikwissenschaftlerin eingeladen, sie referiert über die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) als eine Bedrohung für die globale Weltordnung. "Es ist ein Thema, das uns seit Jahren bewegt", erläutert Pietzner, "nicht nur wegen der Gräueltaten im Irak und Syrien, sondern auch wegen der Massenflucht, die vor allem Deutschland betrifft." Ein Viertel der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge stamme aus Syrien. Deshalb sei es umso wichtiger, die Bürger über Fluchtursachen aufzuklären.

Die Gründung des IS hat im Irak stattgefunden. Unter der Diktatur von Saddam Hussein wurden Schiiten und Kurden unterdrückt, die Minderheit, also die Sunniten, waren an der Macht. Nachdem die USA im Zuge des Irak-Krieges 2003 das Verbot der sunnitischen Baath-Partei im Irak ausgerufen haben, verloren fast alle Sunniten ihren Job, erklärt Khwais. Danach wurde die irakische Armee aufgelöst, auch die Soldaten hatten keine Arbeit mehr. "Aus einer jahrelangen Diktatur sollte urplötzlich eine Demokratie werden", erklärt Khwais. Das habe nicht funktioniert. 2006 kam mit Nuri al-Maliki ein schiitischer Politiker an die Macht, schon seit 2005 seien Sunniten systematisch von allem Ämtern abgehalten worden, so Khwais. Die kurdische Bevölkerung habe sich durch eigene Autonomie-Gebiete abgesichert. Innerhalb der sunnitischen Bewegung gegen die von der Nato eingesetzte schiitische Regierung radikalisierten sich vor allem junge Männer, die sich später zum Islamischen Staat zusammenschlossen. "Terrororganisationen sind dort erfolgreich, wo politische Instabilität herrscht", so Khwais.

Auch in Syrien regiere mit dem alawitischen Assad eine Minderheit die Mehrheit der Sunniten in Syrien, erklärt Khwais. So habe sich jahrelang eine Unzufriedenheit aufgebaut, die nach dem Arabischen Frühling in einen Bürgerkrieg gipfelte. Die internationale Gemeinschaft sei nicht eingeschritten - "ein riesiger Fehler", findet Khwais. Große Teile von Syrien hat der IS schon eingenommen. In Damaskus bekämpfen sich das Assad-Regime und Rebellengruppen. "Der IS wartet vor den Toren der Stadt, bis es einen Sieger gibt, um dann einzugreifen", erklärt Khwais.

Auch wenn die Flüchtlingsfrage an diesem Abend nicht das Thema sein sollte, sie beschäftigt die Senioren-Union merklich. Die Aussage eines Zuhörers, dass der Islam zu Deutschland gehört, trifft nicht gänzlich auf Zustimmung unter den Anwesenden, auch durch Zwischenrufe geben einige Mitglieder der Senioren-Union ihrer Meinung Gehör. "Es dauert nicht mehr lange, bis es hier auch einen Bürgerkrieg gibt", sagt einer. "Wir werden nicht gefragt", ruft ein anderer. "Syrien ist nicht Kosovo", beschwichtigt Khwais die Anwesenden, "und der Irak ist nicht Albanien". Dass die Behörden bei möglicherweise gefälschten Pässen nicht richtig geschult seien, bereitet einem Mitglied der Senioren-Union Sorge. Volker Pietzner sieht die USA in der Pflicht, die Flüchtlinge aufzunehmen, "sie haben das angeleiert und die Folgen müssen wir tragen". Khwais kann das negieren, schon nach dem Zweiten Weltkrieg seien von europäischen Ländern willkürlich Grenzen im Nahen Osten gezogen worden, ohne Rücksicht auf dort lebende Ethnien.

"Die Flüchtlingsfrage ist natürlich sehr emotional", sagt die Politikwissenschaftlerin. Doch es komme auf das Hintergrundwissen an, man müsse differenzieren, woher die Flüchtlinge kämen und verstehen, was in den Herkunftsländern vorgeht. "Erst der Dialog führt zu Aufklärung bei den Bürgern", fasst Dinah Elisa Khwais zusammen.

© SZ vom 06.10.2015
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