Uraufführung in Zorneding:Schöpfer der Stille

Der Baldhamer Komponist Enjott Schneider hat für den Ebersberger Pianisten Oliver Triendl ein Gedicht Pablo Nerudas vertont.

Von Alexandra Leuthner

Wir werden jetzt bis zwölf zählen, und alle ganz still sein. Lasst uns einmal nur in keiner Sprache sprechen, eine Sekunde nur völlig ruhig, nicht ständig in Bewegung sein (...) Was ich will, ist keineswegs endgültiges Nichtstun. Das Leben besteht nur aus dem, was man tut, und mit dem Tod will ich nichts zu schaffen haben (...) Wenn wir bei all der Bewegung in unseren Leben nicht einmütig sein konnten, kann vielleicht, einmal nichts zu tun, vielleicht eine große Stille diese Traurigkeit durchbrechen, diesen Zustand, in dem wir uns nie verstehen und uns mit dem Tod bedrohen, vielleicht vermag die Erde uns etwas zu lehren, wenn alles schon tot erscheint und letztlich doch alles lebendig war. / Ich zähle bis zwölf und du schweigst und ich gehe Pablo Neruda

"Callarse" heißt so viel wie "Still Sein", so lautet der Titel dieses frei übersetzten Gedichts von Pablo Neruda, und so lautet auch der Titel eines Musikstücks. Doch scheint nicht letzteres ein Widerspruch in sich zu sein? Erwartet der Musikliebhaber nicht gerade, etwas zu hören, wenn er in einem Konzertsaal Platz nimmt? Eine Frage, die dem in Baldham lebenden Komponisten Enjott Schneider höchstens ein innerliches Schmunzeln entlockt, wie er da am Tisch sitzt im Erdgeschoss seines "Komponierhäusls" in einer Nebenstraße in der Münchner Au. Von hier ist es nicht weit zum Maria-Hilf-Platz, auch nicht zum Gasthaus in der Au. Mitten in München, da wo die Stadt alt ist und authentisch, hat sich der Schöpfer von Sinfonien, Opern und Musiken für Erfolgsfilme wie "Schlafes Bruder", "Stalingrad", "Herbstmilch" oder "Das Mädchen Rosemarie" einen Ort der Stille geschaffen, mitten im Leben also. Mit der Ruhe kann es da doch nicht weit her sein, möchte man meinen. Doch schon wieder ein Irrtum.

Enjott Schneider Komponist Vaterstetten

So oft es geht, ist Enjott Schneider in der Natur, sucht dort nach der Stille, aus der, so glaubt er, aller Klang erwächst.

(Foto: privat)

Schallisoliert, Schutzklasse sechs, bietet dieses Häuschen Enjott Schneider seit den 90er Jahren schon einen fantastischen Rückzugsort für seine Arbeit. Eine verärgerte Amsel, die lauthals im kleinen Innenhof zetert, ist an diesem Freitagnachmittag das einzig laute Geräusch, das zu hören ist. Und es ist letztlich eines, das Schneider nicht als Lärm empfindet. Am Vormittag sei er noch draußen im Wald gewesen, von Baldham aus. So oft er kann und es sein Beruf zulässt, versuche er, in den Wald zu kommen und zu lauschen. "Einfach mal hinsetzen, es ist erstaunlich, was man dort alles hört." Natürlich könne Musik auch poltern, laut sein, "aber aller Klang kommt aus der Stille", erklärt er dann und geht zum Klavier hinüber, an dem er seine Stücke komponiert. Drückt ein "g" und ein "cis" und gibt beiden Zeit zu schwingen. "So ein Erlebnis, diese zwei Töne", sagt Schneider. Es ist klar, was er meint. Noch immer ist ihr Nachklang mit im Raum.

Mit der Stille beschäftige er sich schon lange, erklärt der Komponist, der in diesem Jahr 71 geworden ist. Weil es die Dinge sind, die nicht auffallen, die ihn bewegen und ihm wichtig sind, oder auch jene, die keine Lobby haben. So wie George Floyd, der Afroamerikaner, der am 25. Mai in Minneapolis von einem Polizisten getötet worden war, der ihm auf seinem Hals knieend die Luft abgedrückt hatte. Schneider hat ein spartanisch instrumentiertes Stück für Floyd geschrieben, das dessen letzte Worte "Please, please, I can't breathe" musikalisch untermalt. So ist es aber auch die Natur, im Großen wie im Kleinen, für die er musikalische Lobbyarbeit betreibt. Für Insekten wie Ameisen oder Milben, jene Kleinstlebewesen, die uns meist nur auffallen, wenn sie in unseren menschlichen Lebensraum eingedrungen sind. Für sie hat er mehrere "Silent Preludes" geschrieben, für "Orgel und Sounddesign". Schneider verweist auf die Schöpfungsgeschichte. "Am dritten Tag schuf der Herr das Gewimmel", zitiert er sinngemäß, eine tiefe und dominante Spiritualität sei es, die ihn fasziniere. Aus der Kirche aber ist er schon lange ausgetreten, viel zu eng sei ihm die vornehmlich politisch agierende Amtskirche, die Einteilung in katholisch oder evangelisch, nicht zu reden vom Missbrauchsskandal - obwohl Schneider als Professor für Kompositionslehre und kirchenmusikalische Komposition an der Münchner Musikhochschule 1979 seine Karriere begann. 16 Orgelsinfonien zählen zu seinen Werken, Oratorisches, Orgelkonzerte. Acht Opern hat er geschrieben, darunter "Das Salome Prinzip", "Bahnwärter Thiel", zuletzt die in chinesischer Sprache komponierte Oper "Marco Polo" als Auftragswerk der chinesischen Regierung, aufgeführt in Guangzhou und Beijing. Er habe erfahren, in China, Japan oder auch in Südamerika, dass diese Gesellschaften der Kultur einen weitaus tieferen Respekt erwiesen, als es die Westeuropäer tun, erzählt Schneider, einen Respekt, der in die Tiefen der Gesellschaft reiche. Und man müsse sich nur die vergangenen eineinhalb Jahre ansehen, um zu erkennen, wie gering der Stellenwert der Kunst hierzulande für die Politik sei.

Enjott Schneider Komponist Vaterstetten

Mit Schneiders Vertonung des Gedichts "Callarse" hat er seiner Überzeugung Rechnung getragen.

(Foto: privat)

Schneider hat genug erfahren in seinem Künstlerleben, um zu wissen wovon er spricht. Ein Zufall und die Bekanntschaft mit zwei Maskenbildnerinnen brachten den Professor, der in Weil am Rhein geboren ist und seine erste Zeit an der Münchner Musikhochschule in einer WG verlebte, zum Film. "Es sind doch immer die Frauen, die hinter allem stehen", scherzt er. Immerhin hatte ihn ebenfalls ein Mädchen, eine Klassenkameradin, die Akkordeon spielen konnte, zum Musizieren gebracht. Vom Akkordeon führte ihn sein Weg über die Trompete, das Klavier und die Violine bis zur Orgel. "Ich habe schon früh gemerkt, dass mich Musik fasziniert", ein Klassenausflug in die Oper war es schließlich, der Schneiders Lebensweg die endgültige Wendung gab. Carl Maria von Webers "Freischütz" mit seinen romantischen Melodien, dem Ambiente zwischen Wald und Jägern, seiner Mystik hatten es ihm angetan, da habe er plötzlich gewusst, was er wolle, "Geschichten erzählen mit Musik." Viel später, als er sich schon einen Namen gemacht hatte im "internationalen Musik Jet-Set", habe er Ennio Morricone kennen gelernt, der ihm erzählte, dass es ihm just mit dem Freischütz ganz ähnlich ergangen sei. Der Rausch, mit Musik "Bilder im Kopf" zu erzeugen, und von jenen Dingen zu erzählen, die optisch im Film nicht dargestellt würden, jenen Dingen "die hinter der geschlossenen Tür" liegen, das habe ihn seither angetrieben - und tut es noch, auch wenn er sich im vergangenen Jahr aus dem ganz geschäftigen Treiben ein wenig zurückgezogen hat. Nach unzähligen Reisen zwischen New York und Peking, Paris oder Moskau, nach 130 CD-Veröffentlichungen, hat Schneider die Präsidentschaft des Deutschen Komponistenverbands, die er sieben Jahre lang inne hatte, im vergangenen Jahr ebenso beendet wie seine 17-jährige Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Gema. "Ich will mich nicht mehr mit der materiellen Welt auseinandersetzen" sagt Schneider.

Eine Wendung, die sich auch in dem Klavierquintett ausdrückt, das an diesem Sonntag beim Kulturverein Zorneding-Baldham uraufgeführt wird. Der chilenische Schriftsteller Pablo Neruda hat das Gedicht geschrieben, das dem Stück zugrunde liegt. Es sei eine "Einladung, vor allem durch die Rückkehr zur Natur wieder am wesentlichen Sein teilzunehmen", so Schneider über Nerudas Verse. Gespielt wird das Werk im Martinstadl vom Schumann Quartett und dem Ebersberger Pianisten Oliver Triendl. Ihm, dem künstlerischen Leiter des Kulturvereins, den er nicht etwa daheim kennengelernt hat, in Baldham, wo seine Frau jahrelang Grundschullehrerin war, sondern in Mainz, wo Triendl eine von Schneiders Kompositionen für den Schott-Verlag einspielte, hat Schneider die Gedichtvertonung gewidmet. Ein weiterer Zufall in Schneiders Leben also. "Ein Trugschluss ist es zu meinen, dass wir alles denken können" - sagt der Komponist über die Entstehung von Musik. Das passt aber manchmal auch auf die Wendungen des Schicksals.

"Schumann Quartett" und Oliver Triendl am Piano: Das Konzert am Sonntag, 1. August, im Martinstadl Zorneding wird zwei Mal aufgeführt, um 17 sowie um 19.30 Uhr. Ticketanfragen bitte richten an info@kulturverein-zorneding-baldham.de.

© SZ vom 31.07.2021
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