Unterhaltung mit Niveau Abgetaucht in die Tiefen des März

"Cave senatoris ubique - C.S.U.": Schauspieler Alexander Liegl beklagt als Julius Cäsar die Diskreditierung seiner Lebensleistung.

(Foto: Christian Endt)

Cäsar und Lili Marleen, Schwitter und Cage, Irrwitz und Geistreiches lassen den "Salon" im Ebersberger Alten Kino zittern und beben

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Freitagabend. Ein schräges Quartett hetzt über die Dächer von Ebersberg. Ein Banjo und Bass zupfender Gentlemen im Bluesrocker-Style. Eine edle Dame russisch angehauchten Akzents. Ein Komödiant, der sich mal in Uniformjacke zeigt, mal im weißen Hemd mit schwarzem Binder. Eine Gestalt im Hintergrund, die fingerfertig elektronisch anmutenden Apparaturen Geräusche entlockt. Ein Lied liegt in der Luft, dem der Ohrwurm "Zu Asche, zu Staub" einer unlängst gelaufenen Fernsehserie Pate stand. Schüsse fallen. Die Killer Pippo, Poppi und Peppi haben zugeschlagen. Die Flucht geht weiter: Dächer, Marienplatz, Hafen. Jawohl, Hafen. Unter dem kieloben an Land aufgebockten Kutter "Waldi 2" finden die Flüchtenden Schutz vor Schiefmaul-Atze und Co. Doch wie lange?

Es war wieder "Salon"-Zeit im Alten Kino. Gespannt folgten Schauer und Lauscher dem Dramulett, das Andrea Kilian, Max Bauer, Jeremy Teigan und Alex Liegl auf die Bühne brachten. Sie amüsierten sich, sie fieberten mit, nahmen den Rhythmus auf, ließen ihre Fantasie fliegen und ihre Gedanken sich winden mit den krummen Touren, die das skurril-absurde Stück nahm im Funkeln des Kronleuchters und im tiefen Rot und Blau des Bühnenlichts. Als wäre der sagenhafte Dickie Dick Dickens wiedererstanden, flossen Vernunft und Irrwitz ineinander, fügten sich Splitter aus Satire und Parodie zu einem abgründig-schillernden Panoptikum. Eine kräftige Dosis 20er-Jahre-Duft schwängerte die Atmosphäre über den dicht besetzten Tischen, an denen frohgemut gespeist und getrunken wurde, aber nicht mehr geraucht; dieser Zug des Atmosphärischen ist wohl ein für alle Mal abgefahren, obgleich sich manche imaginäre Zigarettenspitze ins Bühnenbild verirrte, so mondän, abgeklärt und bourgeois gab sich die Gesellschaft. Diese inzwischen vierte Auflage des Salons, so war unter Stammgästen zu vernehmen, dürfe als Steigerung des Niveaus bewertet werden. Weniger Klamauk, mehr Stil. Sie verstehen?

Anders als bei einem Klavierabend oder bei einer Rezitierstunde lebt die "Salon" genannte Zusammenkunft eines angeregten Publikums vom Miteinander, vom Gespräch, von der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Angebot. Allein schon dieses interaktive Element verspricht Amüsement und Unterhaltung. Aber eben mit Niveau. Die vier Gastgeber haben die Herausforderung angenommen und, dem Datum gemäß, den "März" als roten Faden durchs Programm gewoben. Welche Erstaunlichkeiten sie dabei zutage förderten, darf vermuten lassen, dass sie beim Sammeln, Sortieren und Dramatisieren ihrer Fundsachen mindestens genauso viel Freude hatten wie ihr Publikum beim Genuss der Ergebnisse. Man möchte nur zu gern wissen, was dem Augenblick voranging, da dieser von Liegl so unverschämt lässig in die Szene gestanzte Julius Cäsar, der von der Bühne herab die Diskreditierung seiner Lebensleistung als "nuntii falsi" (na?) und die mit Heimtücke gepaarte Dreistigkeit der römischen Berufspolitiker beklagt, bis ihm, dem Gemeuchelten, die universelle Warnung entfleucht, sich allüberall vor den Senatoren zu hüten: "Cave senatoris ubique - C.S.U."

Kalauer und Schenkelklopfer, wie beim Nachruf auf das ach so liederliche Leben eines Frank Wedekind, sie gehören genauso auf die Zutatenliste wie der hinreißende Vortrag des Evergreens "Lili Marleen", aber eben nicht in der millionenfach dahinmarschierten Version des Soldatensenders Belgrad, sondern als Chanson aus der Feder von Rudolf Zink, wie ihn Lale Andersen schon, flüchtig und unbeachtet, im Müncher "Simpl" gesungen hatte, bevor er zum Hit wurde. Zum Verlieben anrührend, wie Alexandra Kilian das Herz des Liedes wieder zum Schlagen bringt, feinsinnig dahingetragen von Teigan und Bauer. Wenig später sollte ihnen mit Rebeka Del Rios "Llorando" ein ähnliches Glanzstück gelingen, das den Puls der Zuhörer in vorübergehenden Stillstand versetzte. Nahtlos ging dies über in Staunen über literarische Hochkunst wie die Transformation eines O-Tons aus John Cages "Lecture on Nothing", ein vom Sonett zum Rap sich wandelndes Poem aus den Namen der Kriegsgötter in den Kulturen dieser Welt oder die Illustration Kurt Schwitters' Gedanken über "Die Bedeutung des Märzgedankens für die Welt" mit einem Sockentheater.

Überhaupt war das leidenschaftliche Ausreizen des Skurrilen und Absurden zu den vielen Facetten des März die Konstante des Abends: Krieg und Revolution, Frühling und Liebe, Kapitalismuskritik und Heldenverehrung - wenn einem die Geschichte so viele Geschichten liefert, wäre es verwerflich, die Gelegenheit zu verschenken, darin zu wühlen. Kunstvoll sezierter Wortwitz, bluttriefende Klänge aus dem E-Bass, blitzschnelles Changieren zwischen Spaß und Ernst: Das Quartett auf der Bühne spielte sich in einen blitzsauberen Rausch hinein, der auch den nüchternsten Betrachter nicht unberührt ließ. Bebender Applaus von allen für alle, auch die Gewinner des obligatorischen Quiz' aus der ersten Pause, in dem Peggy March und zwei Kilo Leber eine Schlüsselrolle spielten.