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Ungewöhnliches Konzert in Pfaffing:Im Polkatakt durch Zeit und Land

"Jodelfisch" zeigt im Gemeindesaal, wie variantenreich und erfrischend Volkslied und Volksmusik sein können

Wir wissen nicht viel über den Ort Säkkijärvi in Finnland. Nur dass seine Bewohner gern tanzen, davon ist man nach wenigen Takten der "Säkkijärven Polka" überzeugt. Am Samstagabend erklang sie im Gemeindesaal von Pfaffing, intoniert vom Trio Jodelfisch, und es hätte keinen gewundert, wenn sich spontan Paare zum Tanz erhoben hätte. So munter sprudelte die Melodie durch den Raum, dass sich darin nicht nur Jodelfische gern tummeln. Mit der genauso ungewöhnlichen wie frischen Kombination aus Harfe, Ziach und Trompete vollführte das kleine Ensemble genau die flotten Wendungen, die aus einer volkstanztauglichen Polka ein fantasievolles Abenteuer machen.

Dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durchs Konzert. Eine Melodie aufgreifen, sie mit Lust an der Variation verwandeln und - wirken lassen. Der Bandname "Jodelfisch" gibt einen Hinweis darauf, wie das Trio, das andernorts auch mal als Quartett auftritt, seine Musik verstanden haben will: So viel Freude soll dabei frei werden, dass sich der Juchzer danach von selbst löst. Denn auf die Interpretation alpiner Melodien allein wollen sich Sabrina Walter (Hackbrett, Harfe, Gesang), Sandra Hollstein (Akkordeon, Gesang) und Gurdan Thomas (Tuba, Kornett, Ukulele, Gesang) nicht einlassen. Im Gegenteil: Gleich zu Beginn ihres Auftritts machen sie mit dem alten plattdeutschen Lied "Dat du min Leevsten büst" klar, wie sie ihre musikalischen Reisen zwischen Wassern und Bergen verstehen: als Kür, nicht als Pflicht.

Immer wieder tauchen im Lauf des Abends Lieder auf, deren Ursprünge viele hundert Jahre zurückliegen, von denen manche unmittelbar an die Tradition der Bänkelsänger anknüpfen. Wobei es den Jodelfischen weniger ums Erzählen geht, denn ums Unterhalten. Alle drei verfügen über klare, fein gegeneinander ausbalancierte Singstimmen, und so erfreuen sich die Zuhörer immer wieder an formvollendet polyphonem "Dreig'sang", ohne dass dafür Sennerinnen auf der Alm oder Jager am Berg einen Auftritt brauchen. Von großem Können und Improvisationskunst getragen wachsen da einem Medley von Vogel-Liedern prächtige Flügel: Was mit "Wenn ich Vöglein wär'" beginnt und zum Himmel schwebt, daraus wird zum Abschied zur Melodie von "Er wird scho glei dumpa" ein "Heihei, hehei, fliag zu liabs Vogei". Auch, wie die Drei aus "An der Saale hellem Strande" alles Schwelgerische und Behäbige herausnehmen, dafür aber den strahlenden Kern des Lieds neu aufpolieren und facettenreich blitzen lassen, ist große Kunst. Bei einem anderen, einem Liebeslied, geben sich die beiden Sängerinnen ganz der emotionalen Kraft einer schönen, alten Sprache und eleganten Poesie hin -"Wär' ich die Sonne, wär' ich die Mond, ich blieb' auch, wo die Liebe wohnt" könnte der Feder eines Hoffmann von Fallersleben oder Walther von Vogelweide entflossen sein - während der Trompeter mit kecken Einwürfen hörbar macht, wie Text und Melodie in unserer Gegenwart zwar ramponiert ankommen, aber sich immer noch bemerkbar machen können.

Unverkrampft reiht sich der Stil des Trios in den Brauch des Jodelgesangs auf der Hütte ein, wo sich Musikanten und Sänger einander alte Lieder und neue Ideen zusingen und zuspielen, von Strophe zu Strophe einen Halbton höher im heiteren Wettstreit. Nur dass die Jodelfische Volkslieder und Melodien aus den verschiedensten Teilen Europas ins Haus holen und ihnen einen neuen Anstrich geben. Viel Skandinavisches ist dabei, aber auch Osteuropa ist gut vertreten oder der britische Kulturkreis, sowie das eine oder andere Kleinod aus der Sammlung des berühmten Volksmusikforschers Felix Hörburger. Mit zielsicherem Wechsel zwischen Instrumenten und Temperamenten gelingt es dem Trio damit gleichermaßen, Kenner zu beeindrucken wie Opfer der Pseudo-Volksmusik wiederzubeleben. Als wirksamste Zutat erweisen sich dabei die Anleihen dort, wo gemeinhin "mittelalterliche" höfische Musik verortet wird. Gerade die Harfe fördert, sorgsam von Sabrina Walter geführt, diesen Eindruck - um nur einige Takte später, wenn Sandra Hollstein ihrer Ziehharmonika kunstvoll Klarinettenklänge entlockt, der Zeitsprung ins mozartsche Wien gelingt. Kein Zweifel, alle drei auf der Bühne sind in der Literatur und den Stilformen so gut zuhause, dass die den Bach in der Volksmusik erkennen und die Volksmusik im Bach. Ihr Publikum im vollbesetzten Pfaffinger Saal haben die Jodelfische damit zu stürmischem Applaus getrieben - um es abschließend, in der Zugabe, mit einem gemeinsam gesungenen "Ade zur guten Nacht" mit heiterem Herzen auf den Heimweg zu bringen.