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Ungeklärter Vermisstenfall:Zermürbende Ungewissheit

Seit drei Jahren fehlt von Lydia Achatz aus Ebersberg jede Spur - nur die Hoffnung bleibt der Familie

"Eine Mutter", sagt Katharina Achatz, "die spürt doch, ob ihre Tochter noch lebt oder ob sie eine arme Seele ist."

Es ist der 20. August 2009, 21.30 Uhr, als Lydia Achatz ihr Elternhaus in Haselbach bei Ebersberg verlässt, um im angrenzenden Wald spazieren zu gehen. Waldarbeiter begegnen der 37-Jährigen am nächsten Morgen in der Nähe des Gasthauses Hubertus mitten im Ebersberger Forst, danach verliert sich ihre Spur. In jenem August begann für die Familie eine zermürbende bis heute andauernde Ungewissheit. Auch drei Jahre nach dem Verschwinden der jungen Frau gibt es keine neuen Erkenntnisse.

Die Angst war immer da, dass sie wegläuft", sagt Katharina Achatz leise. Lydia hatte eine Psychose, am Tag ihres Verschwindens hatte die Polizei sie am frühen Abend heimgebracht, als sie zu Fuß nach München gehen wollte, wo sie als Erzieherin arbeitete. "Dann war aber alles wieder ganz normal", erinnert sich die Mutter. Die Tochter half noch im Garten mit, erntete die kleinen Gurken. Dann ging sie in ihr Zimmer im ersten Stock. "Ich dachte, sie wird müde sein, sie war doch schon so lange gelaufen. Aber die Krankheit kannte keine Müdigkeit." Barfuss verschwand Lydia Achatz im Wald,

Umfangreiche Fahndungsmaßnahmen wie der Einsatz von Wärmebildkameras oder eine Suchaktion der Bereitschaftspolizei führten zu keinen Hinweisen auf den Verbleib der jungen Frau. "Sie haben alles getan, ich bin sehr zufrieden mit ihrer Arbeit." Zwei Wochen später beobachtete Katharina Achatz 50 Polizisten aus Bamberg, die mit ihren Hunden ausgerückt waren. "Die wollten sie tot finden. Aber Lydia lebt, sie ist irgendwo eingestiegen, arbeitet vielleicht im Ausland als Au-pair." Und doch gibt es seit drei Jahren kein Lebenszeichen, keinen Anruf und keine Postkarte von ihr.

In Lydia Achatz' Elternhaus jedoch sieht es so aus, als ob sie jeden Moment wiederkommt. Ihr blauer Polo steht noch immer vor der Haustür, in ihrem kleinen, zehn Quadratmeter großen Zimmer mit dem Fenster zum Wald hat die Mutter nichts verändert. Nur im Flur gibt es keine Flucht vor der zermürbenden Ungewissheit. Vor der Muttergottes auf der Holztreppe ist in einer Plastikfolie der Fahndungsaufruf mit dem Titel "Vermisst" platziert. "Ich bin sehr gläubig und bete jeden Tag für sie", sagt die Mutter. Drei Jahre schon.

Ein Jahr nach Lydia Achatz' Verschwinden hatten Katharina Achatz und ihre drei Söhne eine Belohnung von 1000 Euro ausgelobt, falls Lydia lebend gefunden wird. Es gab Hinweise, aber keiner brachte der Familie Lydia zurück. Jemand wollte sie in der S-Bahn nach München gesehen haben, ein anderer beim Einkaufen in Moosach - vorgefahren mit einem Mercedes. "Die kannten Lydia doch gar nicht." Sie hatten nur die nüchternen Informationen aus dem Fahndungsaufruf : Lydia Achatz befindet sich möglicherweise in einer hilflosen Lage, weil die 37-Jährige aufgrund einer Krankheit geistig verwirrt ist. Sie ist etwa 1,65 Meter groß, schlank und hatte zum Zeitpunkt ihres Verschwindens dunkelbraunes, schulterlanges, glattes Haar, das sie gerne zusammengebunden trug. Zuletzt war sie mit braunen Jeans und einem schwarzen T-Shirt bekleidet. Die Vermisste spricht bayerischen Dialekt und hatte bei ihrem Verschwinden weder Handy noch Papiere oder Geld bei sich."

Wenn die Mutter über sie spricht, dann sagt sie, dass Lydia nicht so war, wie die anderen Mädchen: "Sie hatte gewisse Vorstellungen. Ja, anständig und zuverlässig können Sie sie nennen."

Für mich", sagt Katharina Achatz "ist die Ungewissheit Hoffnung." Wer Lydia Achatz gesehen hat oder Hinweise geben kann, melde sich bei der Kriminalpolizei Erding unter der Telefonnummer 08122/9680 oder bei jeder anderen Polizeidienststelle.

© SZ vom 30.08.2012
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