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Umfangreiche Recherchen:Die Menschen hinter den Namen

Soldatenschicksale

Die Gedenktafeln für die Kriegsteilnehmer waren der Ausgangspunkt der Recherchen von Ulrike Flitner (links) und Brigitte Beyer.

(Foto: Andreas Junkmann/OH)

Ulrike Flitner und Brigitte Beyer haben ein Buch über das Schicksal von Vaterstettener Soldaten geschrieben. Dafür haben sie mehr als ein Jahr lang in Archiven geforscht

Abends um kurz vor halb elf stirbt Nikodemus Zehetmaier. Am östlichen Ortsausgang der kleinen französischen Gemeinde Bièvres trifft den 32-Jährigen ein Granatsplitter unter dem rechten Auge. Für ihn kommt jede Hilfe zu spät. Es ist der 2. Februar 1917 - und in Europa tobt der Erste Weltkrieg. Zehetmaier stammt aus Vaterstetten, wo er seine Frau Maria und ein gemeinsames Kind zurücklässt. Sein jüngerer Halbbruder Anton Brandhofer muss ebenfalls in den Krieg. Er stirbt anderthalb Jahr später, um elf Uhr abends an einer Lungenentzündung im Truppenspital in der ungarischen Stadt Szegedin.

Es sind Schicksale wie diese, die Vaterstettens Gemeindearchivarin Ulrike Flitner und Co-Autorin Brigitte Beyer nun in einem Buch zum Leben erweckt haben. Unter dem Titel "Soldatenschicksale, Kriegszeugnisse und Familien im Ersten und Zweiten Weltkrieg in der Gemeinde Vaterstetten" wollen sie an die Gefallenen und ihre Hinterbliebenen erinnern - und zugleich ein Mahnmal setzen.

Auf mehr als 200 Seiten haben Flitner und Beyer Einzelschicksale von Vaterstettenern zusammengetragen, die in den beiden Weltkriegen den Tod fanden. "Wir wollten die Soldaten aus der Vergessenheit holen", sagen die beiden. Ausgangspunkt waren die Kriegerdenkmäler und Gedenktafeln, die in allen Orten der Gemeinde an die Gefallenen erinnern. "Unser Ziel war es, zu zeigen wer hinter diesen ganzen Namen steckt", so Beyer. Und so haben die beiden in mühevoller Recherchearbeit die Lebensdaten der Menschen gesammelt und aufbereitet. Mehr als ein Jahr lang sind sie deshalb tief in die Archive eingetaucht, haben Fotomaterial und Dokumente beschafft. Herausgekommen ist ein Werk, das die Soldaten in Wort und Bild wieder zum Leben erweckt.

Von fast jedem Soldaten haben die beiden Frauen auch ein Foto organisiert

Im ersten Abschnitt der Broschüre arbeiten sich Flitner und Beyer durch die Lebensläufe der Gefallenen. "Die größte Herausforderung war es, die ganzen Bilder zu organisieren", sagt die Archivarin. Durch Aufrufe im Gemeindeblatt ist es den Autorinnen aber gelungen, fast jedem Namen auch ein Gesicht zu geben. Verhältnismäßig leicht ging dagegen die Recherche der Lebens- und Sterbedaten von der Hand - zumindest von den Gefallenen im Ersten Weltkrieg. "Mit Hilfe der Kriegsstammrollen aus dem Militärarchiv konnten wir das Leben der Soldaten teilweise wieder rekonstruieren", sagt Flitner. Für die Toten aus dem Zweiten Weltkrieg waren die Aufzeichnungen aus dem Vaterstettener Standesamt die Hauptquelle. Hier übernahm vor allem Brigitte Beyer als ehemalige Standesbeamtin die Nachforschungen.

Das Buch ist aber weit mehr als nur eine Auflistung von Lebensläufen der Gefallenen. Die Autorinnen wollten auch eine andere Seite des Krieges beleuchten und haben sich deshalb in einem zweiten Abschnitt den Frauen und Familien in der Heimat gewidmet. "Die Soldaten konnten ja nur an die Front, wenn jemand zu Hause geblieben ist und sich um alles gekümmert hat", sagt Beyer.

Anhand einiger Vaterstettener Familien haben Flitner und Beyer das Leben der Daheimgeblieben beispielhaft skizziert. Eine große Hilfe waren den beiden die Tagebücher von Therese Hetzel, die 1906 in Aschheim geboren wurde und in Baldham aufgewachsen ist. Sie beschreibt darin ihre Kindheit während der Kriegswirren und wie es ihrer Familie dabei ergangen ist. "Als wir Kinder klein waren, wurden wir aufs Feld mitgenommen, da haben wir auch geschlafen (...)", heißt es dort unter anderem.

Die Soldaten verschickten Postkarten mit Aufnahmen aus den Schützengräben

Wenn Ulrike Flitner und Brigitte Beyer über ihr Buch sprechen, merkt man den beiden an, mit welcher Leidenschaft sie bei der Sache sind. Wenngleich beide zugeben, dass die Arbeit auch ihre Schattenseiten hatte. "Sich mit den schlimmen Schicksalen zu beschäftigen nimmt einen seelisch schon ein Stück weit mit", sagt Gemeindearchivarin Flitner. Aber es sei eben auch darum gegangen, das Grauen zu dokumentieren, ergänzt Beyer. "In gewisser Weise soll das Buch auch abschreckend sein." Denn, da sind sich die beiden einig, die Grausamkeiten von damals dürften niemals in Vergessenheit geraten. "Wir sollten es nicht als selbstverständlich hinnehmen, dass wir in Europa heute keinen Krieg mehr haben. Das ist ein Geschenk", sagt Flitner.

Wie allgegenwärtig dagegen vor etwa 100 Jahren Leid und Schrecken waren, sieht man an den Karten und Briefen, die Flitner und Beyer für den dritten Teil ihres Buches gesammelt haben. Wo heute sonnige Sandstrände die Postkarten zieren, sind damals zerbombte Städte oder Aufnahmen aus den Schützengräben abgebildet. Auch der Inhalt schockiert. So schreibt etwa Gottlieb Erb aus Parsdorf im November 1914 an seine Familie: "Mit dem Segen des Herrn verließen wir gestärkt durch Gottes Wort den Ort des Friedens... denn der Morgen brachte einen Tag des Leidens... Dann mussten wir vor, ein Weg, ein schwerer Weg über Tote und Verwundete."

Einen kleinen Funken Hoffnung in dieser dunklen Zeit machten den Vaterstettener Frontsoldaten Briefe, die sie von Schülern aus der Heimat bekommen haben. Einige dieser Schriftstücke der Parsdorfer Kinder haben Flitner und Beyer im letzten Abschnitt ihrer Broschüre zusammengetragen. Während die Schüler dadurch als pädagogischen Wert die Schönschrift geübt hätten, seien die Antwortschreiben der Soldaten teilweise nur recht schwer zu entziffern gewesen, sagt Brigitte Beyer. "Da lernt man Handschriften zu lesen."

Sehr gut dokumentiert ist der Briefwechsel der Schüler mit dem Soldaten Willi Döttling. In regelmäßigen Abständen schrieb er von der Front an die "lieben Parsdorfer Schulkinder". Deren letzte Antwort kam jedoch ungelesen zurück. Auf dem Briefumschlag war lediglich das Wort "gefallen" notiert.

Die Broschüre "Soldatenschicksale, Kriegszeugnisse und Familien im Ersten und Zweiten Weltkrieg in der Gemeinde Vaterstetten" gibt es für 18 Euro im Rathaus Vaterstetten und in der Gemeindebücherei zu kaufen.