Ukraine-Geflüchtete:Gekommen, um zu bleiben

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Ukraine-Geflüchtete: Oksana (links) und Evgenia Kozlovska stammen aus Charkiw in der Ostukraine. In der Kugler Alm in Ebersberg haben sie Arbeit gefunden: "Wir waren sehr überrascht und sind bis heute sehr dankbar", sagen sie.

Oksana (links) und Evgenia Kozlovska stammen aus Charkiw in der Ostukraine. In der Kugler Alm in Ebersberg haben sie Arbeit gefunden: "Wir waren sehr überrascht und sind bis heute sehr dankbar", sagen sie.

(Foto: Christian Endt)

Oksana und Evgenia Kozlovska haben sich nach ihrer Flucht aus der Ukraine ein neues Leben in Ebersberg aufgebaut, ein Ebersberger Wirt freut sich über die Verstärkung in seinem Betrieb. Ein Problem ist aber die Suche nach einer neuen Wohnung.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Am liebsten bereitet Oksana Kozlovska Nachspeisen zu, bayerischen Apfelstrudel im Besonderen. Den backt sie nicht nur gern, nein, er schmeckt ihr auch sehr gut. In der Ukraine gibt es den nicht, erzählt sie, da kennt man nur Apfel-Charlottka, einen runden Kuchen, mit Vanille versetzt. Aber auch süße Ravioli oder Eis richtet die 47-Jährige gern her. Ihre Tochter Evgenia ist 25 und seit ein paar Wochen ihre Kollegin. Die beiden ukrainischen Frauen arbeiten Vollzeit in der Ebersberger Kugler Alm, als Küchen- und Spülhilfe, als Bedienung und manchmal eben, indem sie Nachspeisen und Salate vorbereiten. "Ich fühle mich dann wie eine kleine Köchin", sagt Evgenia, teils auf Deutsch, teils mithilfe einer Übersetzungs-App.

Vor einem Jahr haben die beiden Frauen noch nichts gewusst von Ebersberg, bayerischem Apfelstrudel oder der Kugler Alm. Sie wohnten mit ihren Partnern und Kindern in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, ganz im Osten des Landes. Charkiw war in den vergangenen Monaten immer wieder in den Nachrichten, weil die Stadt von Kriegsbeginn an massiv unter Beschuss stand. Im September ist es dann ukrainischen Truppen gelungen, die russischen Invasoren aus der Region zurückzudrängen. Charkiw, erzählt Evgenia, die Tochter, sei vor dem Krieg eine schöne Stadt gewesen. Es gab viele Studenten, viele Museen, Universitäten, Denkmäler aller Art, Parks und schöne Orte, an denen man mit seinen Kindern spazieren gehen konnte. Das Leben, sagt Oksana, war ein schönes. "Wir hatten alles: Freunde, Familie, Arbeit", fügt Evgenia hinzu.

Ukraine-Geflüchtete: Oksana Kozlovska hat in ihrer Heimat einen Supermarkt geleitet.

Oksana Kozlovska hat in ihrer Heimat einen Supermarkt geleitet.

(Foto: Christian Endt)

Dann griff Russland die Ukraine an. Evgenia, die eine fünfjährige Tochter hat, erlebte diesen Tag so: "Wir wachten am 24. Februar um 5 Uhr auf und hörten sehr laute Explosionen von den Panzern. Das erste, was wir fühlten, war die Angst vor dem Unbekannten und die Angst um mein Kind, weil ich so etwas noch nie gehört hatte." Die ersten Kriegstage versucht die Familie, ihren Alltag weiterzuführen, zu arbeiten. Der 17-jährige Bruder von Evgenia geht weiter in die Kadettenschule. In der Nacht hören sie die Panzer, die durch die Straßen rollen, sie hören Salven von Maschinengewehren und Raketeneinschläge.

Mit fünf Taschen und Rucksäcken verlassen sie ihre Heimat

Nach fünf Tagen beschließt die Familie, die Ukraine zu verlassen - eine sehr schwere Entscheidung, wie Evgenia sagt. Ihre Mutter und sie wollen bleiben, der Bruder drängt, seiner Freundin nachzureisen, die mit ihrer Familie nach München geflohen ist. Wenn ihre kleine Tochter nicht gewesen wäre, sagt Evgenia, wäre sie nicht gegangen. Und so packen die Kozlovskas fünf Taschen und Rucksäcke und verlassen ihre Heimat. Die Partner von Oksana und Evgenia dürfen nicht ausreisen, sie leben bis heute in Charkiw. "Es war sehr beängstigend, ins Unbekannte zu gehen und sein ganzes Leben hinter sich zu lassen", beschreibt es Evgenia. Mit dem Zug fahren Oksana, Evgenia und ihre kleine Tochter sowie der 17-jährige Bruder nach Lwiw, es geht weiter über Krakau, Breslau und Berlin nach München. Sieben Tage sind sie unterwegs.

Ukraine-Geflüchtete: "Es war sehr beängstigend, ins Unbekannte zu gehen und sein ganzes Leben hinter sich zu lassen", sagt Evgenia Kozlovska.

"Es war sehr beängstigend, ins Unbekannte zu gehen und sein ganzes Leben hinter sich zu lassen", sagt Evgenia Kozlovska.

(Foto: Christian Endt)

Schließlich landen sie Anfang März 2022 in Ebersberg. Sie haben großes Glück und kommen in einem Haus in der Kreisstadt unter. Für ein Jahr dürfen sie dort wohnen, und schon bald beginnen die Kozlovskas, sich ein neues Leben aufzubauen. Oksana, die in Charkiw einen Supermarkt gemanagt hat, schreibt ihren Lebenslauf nieder und läuft von Supermarkt zu Supermarkt, um eine neue Arbeit zu finden. Es hagelt nur Absagen, die Begründung ist: Oksana muss erst Deutsch lernen. Im Mai dann kommt eine Freundin der Familie - Tatjana, die ebenfalls aus der Ukraine stammt und schon viele Jahre in Deutschland lebt - auf eine andere Idee.

Mangelnde Sprachkenntnisse waren kein Ausschlusskriterium

"Auf einmal stand Tatjana mit der Oksana da und hat gefragt, ob wir Arbeit für sie haben", erzählt Korbinian Kugler, Eigentümer und Chef der Kugler Alm. In der Zeit, so Kugler, hätten sie sowieso jemanden gesucht. Schon seit zehn Jahren sei es in der Gastro-Branche schwierig, gutes Personal zu bekommen; nicht jeder habe Lust auf Schichtdienst. Und so gaben die Kuglers Oksana die Chance, eine Arbeit anzufangen. "Mama hat nicht damit gerechnet, eine positive Resonanz zu bekommen", erzählt Evgenia. "Wir waren sehr überrascht und sind bis heute sehr dankbar."

Seit Mai arbeitet Oksana bei der Kugler Alm, seit September nun auch Evgenia. Ob die Sprache dabei kein Kriterium gewesen sei? "Zumindest kein Ausschlusskriterium", sagt Korbinian Kugler. In der Vergangenheit habe er immer mal wieder mit Servicekräften aus anderen Ländern zusammengearbeitet und immer sehr gute Erfahrungen gemacht. "Die beiden haben sich sehr gut entwickelt", so der Küchenchef. Auch von anderen Gasthofbesitzern und Wirten habe er Ähnliches gehört, die alle durchweg nur Positives berichten.

Ein großes Problem, mit dem viele Ukrainer zu kämpfen haben, die nach ihrer Flucht in Ebersberg gelandet sind, ist die Kinderbetreuung: Um arbeiten oder Deutschkurse besuchen zu können, brauchen viele ukrainische Frauen dringend Krippen- und Kindergartenplätze für ihre Kinder. Diese sind per se schon eher schwer zu bekommen. Evgenia hatte Glück: Ihre fünfjährige Tochter darf ab Dezember einen Kindergarten in Ebersberg besuchen - eine große Erleichterung für die berufstätige Frau.

Nun steht ein weiteres Thema an: Das Jahr, in dem die Familie das Haus in Ebersberg bewohnen durfte, läuft bald ab. Ab Anfang März suchen die Koszlovskas dringend eine neue Bleibe in der Kreisstadt, in der sie nun schon so gut Fuß gefasst haben. Auch Korbinian Kugler hofft, dass die vier schnell etwas finden: Als Gasthausbesitzer ist er auf die beiden Arbeitskräfte angewiesen. Weil es momentan nicht möglich ist, in die Ukraine zurückzukehren, haben sich die Frauen radikal für die Gegenwart entschieden. Große Pläne? Machen sie nicht mehr. "Mein Plan ist, jetzt zu leben, jetzt zu arbeiten, jetzt mit meinem Kind zu spielen", sagt Evgenia. Und: "Wir treffen nur gute Menschen auf unserem Weg in Deutschland. Wir sind sehr dankbar."

Wer weiterhelfen kann mit einer Wohnung in Ebersberg für die vierköpfige Familie ab dem 1. März 2023, kann sich gerne melden bei der Kugler Alm in Ebersberg unter info@landgut-kugleralm.de oder (08092) 204 36.

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