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Überraschendes Urteil:Im Zweifel für den Angeklagten

Landgericht spricht 46-Jährigen vom Vorwurf des jahrelangen Missbrauchs seiner Tochter frei. Das angebliche Opfer konnte seine Schuld nicht belegen. Staatsanwalt legt Revision ein

EbersbergDas Verfahren endete mit einem Freispruch. Weil das Landgericht München II einem 46 Jahre alten Arbeiter nicht nachweisen konnte, vier Jahre lang seine damals minderjährige Tochter missbraucht zu haben, verkündete der Vorsitzende Richter Oliver Ottmann am Dienstag das Urteil "In dubio pro reo" - im Zweifel für den Angeklagten. Die Staatsanwaltschaft hat die Wochenfrist nicht abgewartet, sondern, wie das Gericht bestätigt hat, bereits am Donnerstag Revision gegen das Urteil eingelegt.

Seit Anfang Juni war der Fall verhandelt worden . Das mutmaßliche Opfer, eine heute 23-jährige Servicekraft, war nach eigener Aussage 200 Mal von ihrem Vater missbraucht worden, erstmals im Alter von 14 Jahren, bis sie, mit 18, das elterliche Haus verließ. Anzeige erstattete sie aber erst mit 23, unter anderem weil der Vater mit Suizid gedroht habe. Vorausgegangen war ihrer Anzeige ein Ermittlungsverfahren gegen die junge Frau selbst: 2009 war die damals 20-Jährige nach ausgelassenem Feiern mit einer Clique auf einem Herbstfest von zwei jungen Männern mit nach Hause genommen worden und dort scheint das Ganze dann "entglitten" zu sein. So jedenfalls schildert ihre Anwältin Birgit Reindl das Geschehen. Sehr betrunken sei die junge Frau dann im Krankenhaus gelandet, wo "die Sache zu einem Selbstgänger geworden ist." Sie beschuldigte einen der jungen Männer, einen Polizeibeamten, ihr unsittlich zu nahe gekommen zu sein. Eine Aussage, die sich so nicht halten ließ. Dennoch wurde sie vom Vorwurf der falschen Verdächtigung freigesprochen. Im Rahmen der gerichtlichen Ermittlungen dann begann sie von ihrem Vater zu erzählen und jene Vorwürfe zu erheben, die sie später im Gerichtssaal extrem emotional und unter offensichtlich höchster körperlicher Anspannung wiederholte. Der Angeklagte bestand dagegen auf seiner Unschuld.

Was das Gericht schließlich dazu bewog, dem Antrag der Staatsanwaltschaft auf sechs Jahre Haft nicht statt zu geben, war die Tatsache, dass das angebliche Opfer sich immer wieder in Widersprüche verstrickte, wie aus der Urteilsbegründung hervorging. Details in ihren Schilderungen habe sie unterschiedlich dargestellt, an manchen Stellen seien Erinnerungslücken aufgetreten, wo vorher keine da waren. Ihre Aussagen seien "stets nebulös und allgemein" gewesen, erklärte Richter Oliver Ottmann. Einen angeblichen Vorfall im Bad habe die junge Frau zwar benennen aber nicht so schildern können, dass er räumlich nachvollziehbar gewesen sei. Von einer Schuld freisprechen wollte der Richter den Angeklagten allerdings nicht. Die Kammer sei "nicht davon überzeugt, dass er unschuldig ist", betonte Ottmann, der sich mit dem nüchternen Urteil ganz offensichtlich sehr schwer tat. "Es gibt sogar erhebliche Zweifel." Im Verlauf des Prozesses etwa war der jüngere Bruder des Angeklagten vernommen worden, der diesen beschuldigte, ihn ebenfalls im Kindesalter missbraucht zu haben. Der 43-Jährige befindet sich nach Angaben seiner Ärztin in psychotherapeutischer Behandlung.

Anwältin Reindl ist jedenfalls bestürzt über das Urteil, auch wenn natürlich, wie sie betonte, der Grundsatz- "Im Zweifel für den Angeklagten" ein hohes Gut unseres Rechtssystems darstelle. Sie kritisierte aber, dass gerade in Missbrauchsfällen ein zu hoher Anspruch an das Darstellungs- und Erinnerungsvermögen der Opfer gestellt werde. Gerade Erinnerungen an traumatisierende Erlebnisse veränderten sich, und was besonders ein so junges Opfer in dem Augenblick noch wahrnehmen könne, in dem ihm Gewalt angetan werde, könne man doch nur erahnen. So wurde die junge Frau im Prozessverlauf damit konfrontiert, dass der Angeklagte eine Narbe im Genitalbereich habe, die sie selbst nie erwähnt hatte. Jene Narbe aber habe selbst ein eigens bestellter Urologe gemeinsam mit Fachkollegen erst nach mehrmaliger Untersuchung entdeckt, berichtete Reindl. Und fügte nicht ohne Ironie an: Als Anwältin würde man sich wünschen, dass so ein Kind nach jedem Missbrauch ein detailliertes Protokoll anfertigen würde.

© SZ vom 11.08.2012
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