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Tüftler im Landkreis:Mit neuem Schwung bergauf

Dank einer Schiene für den Akku und einem motorisierten Hinterrad kann Holger Baumgarten aus Moosach sich jederzeit beim Treten unterstützen lassen - oder eben auch nicht. Diese Idee fand so viel Anklang, dass der Ingenieur seinen eigentlichen Job schon bald an den Nagel gehängt hat.

(Foto: Christian Endt)

Holger Baumgarten rüstet in Moosach Fahrräder mit einem Elektroantrieb nach. Auf die Idee gekommen ist er bei einer beschwerlichen Rikschatour mit den Kindern

Von JESSICA MOROF, Moosach

Einen Kilometer lang geht es auf dem Weg von Moosach zum Steinsee bergauf. Sehr steil ist es nicht, aber die Strecke zieht sich. Vor allem Radfahrer müssen im Sommer erst einmal schwitzen, bevor sie sich im kühlen See erfrischen können. "Mit meinem Elektroantrieb geht es aber ganz schnell", sagt Holger Baumgarten und lacht. Der begeisterte Radfahrer, der im Forsthaus am Steinsee lebt, fährt die Strecke täglich - und hat dafür sein eigenes Fahrrad mit einem Elektroantrieb nachgerüstet. Den Umbau bietet er nun auch gewerblich an.

Mit flinken Händen greift Baumgarten ein graues Mountainbike mit starkem Profil an den Rädern und hängt es in den Montageständer. Um ihn herum, in der Scheu-ne auf dem Hof des Forsthauses, sind Räder und Reifen an die Wände gelehnt. Diverse Ersatzteile sowie Werkzeuge für Zweiräder liegen auf den Tischen, und im Innern des Schuppens warten ein Fahrrad mit Verkleidung sowie eine elektrische Rikscha auf den nächsten Einsatz. "Wenn die Teile einmal montiert sind, geht der Wechsel ganz einfach", erklärt Baumgarten, nimmt das Hinterrad des Mountainbikes ab und ersetzt es durch ein Hinterrad mit größerer, stärkerer Nabe. Darin sitzt ein fest integrierter Elektromotor.

250 Watt Leistung habe der, schwärmt der Moosacher: "Was man mit eigener Kraft maximal leisten kann, bringt der Motor schon bei der niedrigsten Stufe." So-bald das Rad montiert ist, greift er nach einem schwarzen zylinderförmigen Gegenstand, der etwa die Größe einer Fahrrad-Trinkfalsche hat. Diesen Akku steckt er nun auf eine Schiene an der unteren Rahmenstange des Radls. Mit zwei weiteren Handgriffen verbindet er die Kabel des Akkus mit denen des Motors - und fertig. Wenn Baumgarten nun biken geht, kann er an einer kleinen Bedieneinheit am Lenker den Motor anstellen und bekommt Unterstützung beim Treten.

Wie andere Elektroräder, die den Motor fest im Rahmen integriert haben, ist das umgerüstete Rad ebenfalls um einiges schwerer als eines ohne Antrieb. Etwa acht Kilo bringe es zusätzlich auf die Waage. Der Vorteil ist laut Baumgarten aber, dass er innerhalb weniger Minuten wieder leich-ter und sportlicher fahren könne: Akku raus, Hinterrad durch das alte ersetzen und los.

So habe er zwei Räder in einem, sagt Baumgarten. Oder sogar noch mehr. Denn der Motor funktioniere nicht nur für Mountainbikes. Auch an einem City- oder Trekkingrad kann der Moosacher eine zusätzliche Schiene für den Akku befestigen und dann das motorisierte Hinterrad einsetzen. "Und der Motor läuft fast geräuschlos", fügt er noch hinzu.

Auf die Idee, sein Rad umzubauen, ist Baumgarten vor einigen Jahren gekommen. Zweiradbegeistert und oft auf einem Radl unterwegs ist der Ingenieur schon immer gewesen. Irgendwann hat seine Frau ihm dann eine Rikscha geschenkt, um die drei Kinder herumzukutschieren. Doch schon bald wollte Baumgarten nicht mehr so schwer in die Pedale treten müssen. Im Internet und bei einem Radhändler in Glonn hat er sich schlau gemacht und dann die Rikscha nachgerüstet. "Das war so ein Spaß", erinnert er sich an die erste Fahrt und lacht.

Nach der Rikscha hat er dann weitere Räder umgebaut - eigene sowie von Freunden und Bekannten. Die Nachfrage war so gut, dass Baumgarten sich entschieden hat, den Service auch gewerblich anzubieten. Seit November hat er die Berechtigung dazu. Aus seinem ehemaligen Teilzeitjob als Ingenieur ist er inzwischen komplett ausgestiegen.

Für das Nachrüsten müssen Baumgartens Kunden zwischen 1400 und 1900 Euro rechnen, inklusive Material. Möglich sei der Umbau eigentlich bei fast allen Rädern, sagt er. Wichtig sei jedoch, dass sie den größeren Kräften standhalten könnten. Deshalb stehe zu Beginn seiner Arbeit eine ausführliche Inspektion des Gesamtzustands an, vom Rahmen über die Federgabel bis hin zu den Bremsen. Erst danach beginne er mit Montage und Verkabelung. Das erforderliche Nachrüste-Set dafür beziehe er direkt beim Hersteller.

Bei voll geladenem Akku bringt der Motor laut Baumgarten etwa fünf Stunden Leistung und unterstützt den Radfahrer auf etwa 50 Kilometern. Das Wiederaufladen sei aber auch möglich bei steilen Abfahrten. Und davon gibt es im Landkreis ja einige. Holger Baumgarten ist jedenfalls begeisterter E-Bike-Fahrer und mehr als überzeugt von der Nachrüstung handelsüblicher Fahrräder.

Im hinteren Teil seiner Werkstatt wartet bereits das nächste auf den Umbau. Das schwarze Mountainbike mit bunten Sprenkeln im 90er Jahre-Stil steht mit dem Vorderrad in einem Radständer. Den Sattel hat Baumgarten mit einem blauen Spanngurt an einen Balken gehängt, sodass das Hinterrad in der Luft baumelt. Dieses Rad sei schon einige Jahre alt, sagt Baumgarten. Aber es sei stabil und in einem guten Zustand - einer Nachrüstung stehe also nichts im Wege.

"Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen auf Elektroantriebe wechseln", sagt er, blickt erst auf das Rad, dann nach draußen zur Straße. Und wenn zusätzlich noch die Anbindung des Steinsees mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser wäre, würden dort sicherlich noch weniger Autos fahren, ist er sich sicher.

© SZ vom 29.08.2017
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