In Grafing gab es, neben der Bundestagswahl, an diesem Wochenende einen weiteren, weitaus erfreulicheren Pflichttermin, und zwar das Varieté des TSV. Bereits seit Jahrzehnten bringt dieser Faschingsspaß den Saal der Stadthalle zum Kochen. Auch diesmal bieten rund 170 Mitwirkende auf und hinter der Bühne mehr als vier Stunden geballte Action -in vier ausverkaufter Shows mit jeweils fast dreihundert Gästen.
Das liegt neben den Turn-, Tanz- und Akrobatik-Darbietungen hauptsächlich an den komödiantischen Einlagen, insbesondere den Geschichten, Gedichten und Spottliedern der Clowns, die ungeniert die örtliche Prominenz aufs Korn nehmen. Dabei gilt besondere Aufmerksamkeit der Tatsache, dass Giagl (Martin Weigand) und Ferdl (Stefan Marschner) dies erstmals seit Jahren nur zu zweit tun – hat sich doch Hermann „Wiggal“ Holzmann 2024 aus Altersgründen verabschiedet. Spoiler: Permanent präsent ist er trotzdem – sowohl im von den beiden Direktoren Felix Richter und Thomas Urban gekonnt moderierten Programm als auch in natura.

Interview zum Abschied:"Heute ist es viel schwerer, ein Clown zu sein"
Herrmann Holzmann war 30 Jahre lang einer der Spaßmacher des Grafinger Faschingsvarietés. Doch diese Saison ist seine letzte. Ein Gespräch über eine irgendwie verrückte Tradition, die Grenzen des Humors und Alkohol auf der Bühne.
Doch zunächst einmal lässt der schmissige Auftritt der Garde die Leute von Beginn an toben – es wird gejohlt, geklatscht und vor Begeisterung gepfiffen, während auf der Bühne die Oberteile mit den Augen der Mädchen um die Wette funkeln. Hingerissen ist das Publikum auch von den entzückenden Vorschulkindern (eine Premiere!) sowie der Performance der coolen „Panzerknacker“ und „Blues-Sisters“.

Schon da liegt ein Hauch von Ruchlosigkeit in der Luft, der durch den ersten Auftritt der Clowns mit überdimensionalen Haschisch-Tüten und – oh Schreck! – komplett dialektfreier Aussprache noch verstärkt wird. Eine Schaffenskrise nach Wiggals Ausstieg und die Schelte über ihren Alkoholkonsum sei der Auslöser dafür gewesen, heißt es. Weil es zudem mittlerweile ganz legal ist, stimmen sie gleich das Lied „Wir kiffen“ an, unterstützt vom Publikum. Die individuell an den Stadtrat angepassten Strophen seien natürlich „frei erfunden“.
Kein Produkt der Fantasie sind die Ereignisse und Verfehlungen, die mal charmant, mal derb, mit spitzen Sprüchen, pointierten Gesangsdarbietungen und mehr oder weniger authentischem Bildmaterial präsentiert werden. Da geht es etwa um die widerrechtliche Mitnahme von roten Supermarkt-Einkaufskörben, deren Eigentumsverhältnisse auch das Durchstreichen des Logos nicht verändere. Um den Wieshamer Bahnübergang. Um den „König der Stadt“, der es mit dem Bezahlen eines Glühweins offenbar nicht ganz genau nahm. Und um Facebook-Fotos in gewagter Kostümierung des – aufgrund der zu erwartenden Niederkunft der Gattin – leider abwesenden Grafinger Bräus.

Sehr köstlich: der ohrwurmtaugliche Hinweis, die Fotos aus einem balinesischen „Wellness-Fitness-Bootcamp“ befänden sich, wie alle Bilder des bei Instagram höchst aktiven Landtagsabgeordneten Thomas Huber „in einem schwarzen Parteibuch mit einem silbernen Knopf“. Da der so in den Mittelpunkt Gerückte selbst, wie er am Rand der Veranstaltung erzählt, jahrzehntelang zu den Aktiven gehörte – „erst im Männerballett, dann als Clown und später als Direktor“ – nimmt er die Sache mit Gelassenheit und Humor.
Auch Landrat Robert Niedergesäß amüsiert sich, zumindest erweckt es den Anschein, bei der Präsentation eines Videos, das ihn bei einer ausgelassenen Tanzeinlage zeigt. Auf der internen Weihnachtsfeier und – auf dem Tisch. Solches Material wie auch der Verweis auf die Trunkenheitserlebnisse diverser Persönlichkeiten lassen vermuten, dass das Netz der Clowns-Zuträger gewaltig ist und man gut darauf achten sollte, nicht in einem der musikalisch hervorragend interpretierten Schlager, Rap- oder Countrysongs zu landen.

Wem das in üppigem Maße widerfährt, ist der Ebersberger Bürgermeister Ulrich Proske. Unter anderem darf er sich anhören, dass zwar jeder in den Münchner Osten ziehen wolle, „aber nicht nach Wildsaustadt“ – eine Anspielung auf das „Hörmannsdorf-Millionengrab“. Proske stört das nicht, er fühlt sich augenscheinlich sehr wohl und zeigt sich erfreut, den Spaßmachern der Nachbarstadt als Gag-Lieferant behilflich sein zu können.
Eine Rolle, die ihm sogar im köstlichen Theaterstück der Faschingsbären zukommt, wo sich in einer Tierarztpraxis prominente Persönlichkeiten mit pelzigen, gefiederten und geschuppten Gefährten „Tierisch gut beraten“ fühlen dürfen. Die Freiwillige Feuerwehr wiederum erfreut ganz ohne Proske – mit einer ganz neuen Interpretation von Schneewittchen, in der auch sieben agile Zwerge eine Rolle spielen.

Für einen Hingucker der besonderen Art sorgen Steffi Schlagenhaufer und Hannah Herbig mit höchster Körperspannung in „Das Feuer der Freundschaft“. Am Trapez beweisen die beiden Movimentos unter anderem mit einem Doppelspagat in der Luft, wie blind sie sich aufeinander verlassen können. Dafür kassieren die jungen Akrobatinnen Beifallsstürme.

Selbige werden auch der Truppe High Energy von den Grafinger Faschingsbären zuteil. Bei ihrer Nummer mit dem brandneuen Titel „Eleganz bis zu Unendlichkeit“ zeigen sie temporeichen, mitreißenden … Showtanz mit Hebefiguren.

Die Kuschel-Bären-Bande wiederum besticht bereits zum fünften Mal in Folge mit einer gekonnten Verwandlung – von einer Peaky-Blinders-Ganovengang in laszive Sally-Bowles-Lookalikes – körperbetonter Schimmer-Fummel inklusive.
Offenbar haben diese Jungs ebenso hart und unermüdlich trainiert wie all die TSV-Mädchen, die zauberhaften Schmetterlinge, eleganten Ballett-Eleven und rotzigen Straßengören. Wie sonst könnten diese eine solche Präzision bei Rolle, Rad, Bogengang, Handstand und Überschlägen aller Art zeigen? Manchmal wird so haarscharf am Bühnenrad gebremst, dass die Zuschauerschaft kollektiv den Atem anhält, dann wieder herrscht ein solches Gewusel auf der Bühne, dass ein Zusammenstoß unvermeidlich scheint – aber natürlich nicht passiert, ist doch der Ablauf genau choreografiert.

Doch die Grafinger können nicht nur Turnen und Humor, sondern auch Kochen, wie sich an Michi Ebenkoflers Verpflegung zeigt. Was die Tatsache besser verschmerzen lässt, dass er gemeinsam mit seinem Bruder Florian die Nachfolge von Martin Lohmeyer als Festwirt auf dem Ebersberger Volksfest übernimmt – auch das natürlich ein Punkt, den Giagl und Ferdl genüsslich ausschlachten.
Der Einzige, der an diesem Abend ungeschoren davonkommt, ist Andreas Lenz. Entweder hat der CSU-Landtagsabgeordnete im vergangenen Jahr tatsächlich nichts Denkwürdiges erlebt, oder man möchte ihn an diesem nervenaufreibenden Wahl-Wochenende nicht zusätzlich belasten. Vielleicht liefert dieses ja dann eine G’schicht fürs nächste Jahr.

