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Trotz der Abschiebung eines Bandkollegen:Mit Herz und Beat

Vielfalt auf der Bühne: Maka Seck und Abdoulaye Gueye von "Back Dia" (Mitte) sowie ihre Kollegen im Alten Kino Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Das senegalesische Duo "Black Dia bu Galsen" und viele andere Musiker zelebrieren mit dem Publikum im Alten Kino Ebersberg einen wunderbaren Abend der Völkerverständigung

Der Moment, der alles sagt, ereignet sich schon gleich zu Beginn. Etwa hundert Menschen sind ins Alte Kino gekommen, zum Konzert der senegalesischen Hip-Hop-Formation Black Dia bu Galsen. Der Name steht für "Black Diaspora". Die Gruppe hat schon Dutzende Auftritte hinter sich; auch im Münchner Backstage hat sie bereits gespielt. Doch dieses Ebersberger Konzert ist ein besonderes. Nicht weil es besonders gut oder besonders schlecht wäre, sondern weil so einiges anders ist als sonst. Denn Black Dia, eigentlich ein Trio, sind fortan nicht mehr zu dritt. Eines ihrer Mitglieder fehlt. Adama Dieng musste, ganz unfreiwillig, die Diaspora verlassen: Er wurde Ende vergangenen Jahres abgeschoben.

Und so dreht sich der Abend immer wieder um die eine Person, die nicht da sein kann, um Adama Dieng. Es soll aber kein Trauerfest, sondern schöner Musikabend werden, ein Abend des Zusammenhalts. Das machen die Musiker gleich zu Beginn klar, als sie geschlossen auf die Bühne kommen, um das loszuwerden, was ihnen auf der Seele brennt. Da stehen Maka Seck und Abdoulaye Gueye von Black Dia beinahe im Partnerlook, in schwarz-rot gemusterten Hosen und Reggae-Mützen. Auch die Musiker, die das Vorprogramm liefern, gesellen sich zu ihnen. Etwa Momo Nuvus, Lex Davinci, beide aus München, oder MHA aus Augsburg. Sie sprechen über Abschiebung und darüber, wie sehr ihnen Adama Dieng fehlt. "Es ist unvorstellbar, dass ein so gut integrierter Mensch nach sieben Jahren von einem Tag auf den anderen aus seinem Umfeld gerissen wird", sagt der Rapper Lex Davinci. Sein Kollege Momo Nuvus fügt hinzu, dass es bei einer Abschiebung nicht so sei, dass halt irgendwer gehe, sondern einem immer ein Freund oder ein Kollege genommen werde. Im Fall von Adama Dieng habe ein Musiker und damit auch ein Stück Kultur gehen müssen.

Den Abschied von ihrem Freund und Musikerkollegen nehmen die zahlreichen Rapper zum Anlass, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen Abschiebungen, aber vor allem ein Zeichen für die Vielfalt. Das funktioniert gut, denn zwar sind alle Hip-Hopper, trotzdem sind ihre Inhalte, ihre Stile und ihre Ausstrahlungen so bunt wie Secks und Gueyes Reggae-Mützen. Den Anfang des Programms macht MHA, ein syrischer Rapper, der mit Live-Gruppe auftritt und mit Englisch, Arabisch, Französisch und Deutsch viele Sprachen in seinen Songs verwendet. Anschließend betritt Momo Nuvus die Bühne. Seine Musik zeichnet sich durch mitunter nachdenklichen Sprechgesang aus, den er auf Backgroundtracks vom Band vorträgt. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme rappt er vor allem auf Deutsch, aber auch auf Französisch. Nach etwa der Hälfte seines Auftritts kommt der Rapper von MHA wieder auf die Bühne. Gemeinsam performen sie in mehreren Sprachen den Song "Ibni" - zu deutsch: "Mein Sohn", den sie obdachlosen Kindern widmen. Dann wird es plötzlich ganz still auf der Bühne. Es läuft keine Musik mehr und Momo Nuvus trägt ein Gedicht vor. Es ist ein Text gegen Ausgrenzung und ein Plädoyer für die Vielfalt. "Wir verstehen uns eben deswegen, und nicht trotzdem", sagt er - und beginnt mit diesen Worten das vorerst letzte Lied mit dem Titel "Wir sind eins".

Die Leute im Publikum lauschen gebannt, sie wippen mit dem Beat, einige tanzen gar im Sitzen mit. Dann irgendwann ist das lange Vorprogramm beendet, die Bühne leer. Die Musiker von Black Dia stehen noch hinter den Vorhängen, als sie zu singen beginnen, doch die Leute im Saal brechen sofort in Jubel aus. Dann betreten Maka Seck und Aboulaye Gueye die Bühne und beginnen zu rappen. Ihre Musik ist eine Mischung aus Sprechgesang und souligen Refrains, gewürzt mit Blues- und Reggae. Doch Black Dia sind an diesem Abend nicht nur zu zweit: Fünf weitere Künstler haben sie mitgebracht - fast so, als wollten sie zeigen, dass sie nicht aufgeben, auch wenn ein wichtiges Mitglied der Gruppe fehlt. Statt den selbst produzierten Backgroundtracks, zu denen die Gruppe ihre Texte normalerweise vorträgt, liefert heute eine Liveband aus vier Musikern aus dem Ebersberger Raum die Beats und Melodien. Außerdem ist mit Seck und Gueye noch ein dritter junger Mann auf die Bühne gekommen, im gleichen Outfit. Er rappt nicht, dafür interpretiert er die Musik von Black Dia mit ausdrucksstarken Tänzen.

"Der nächste Song ist für Adama", sagt Gueye nach dem Eröffnungsstück. Dann legen die sechs Musiker los, harmonieren gut, spielen problemlos zusammen und haben sichtlich Spaß dabei. Die Energie schwappt sofort auf das Publikum über. Spätestens jetzt ist der Raum vor der Bühne voll mit Leuten, die ausgelassen tanzen, klatschen und den Musikern Ermunterungen zurufen. Wie die anderen Künstler des Abends singen und rappen Black Dia auf verschiedenen Sprachen, auf Deutsch, Englisch, Französisch und in ihrer Heimatsprache Wolof. Die Sprachenvielfalt als Symbol für die Vielfalt der hier zusammengekommenen Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Programm. Und so zeigen alle Musiker dieser Veranstaltung, dass Vielfalt nicht selbstverständlich ist, sondern gelebt werden muss - zum Beispiel an Abenden wie diesem.