Wirtschaft und Freizeit im Landkreis Ebersberg„Man muss mit dem zufrieden sein, was man hat“

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Eigentlich ist es doch ganz schön im Landkreis Ebersberg, hier beispielsweise der Blick auf den Aßlinger Ortsteil Steinkirchen mit Alpenkette. Trotzdem bleiben die Touristen aus.
Eigentlich ist es doch ganz schön im Landkreis Ebersberg, hier beispielsweise der Blick auf den Aßlinger Ortsteil Steinkirchen mit Alpenkette. Trotzdem bleiben die Touristen aus. Peter Hinz-Rosin

Der Landkreis Ebersberg verzeichnete 2024 erneut einen Rückgang bei den Touristenzahlen. Trotz Herausforderungen wie Personalmangel und den Nachwirkungen der Corona-Pandemie gibt es Hoffnung auf eine Erholung der Branche.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Der Landkreis Ebersberg war noch nie ein Mallorca oder eine Toskana, aber immer zumindest so etwas wie ein Geheimtipp im Münchner Umland. Die Corona-Pandemie versetzte dem touristischen Ebersberg jedoch einen schweren Schlag, von dem es sich immer noch nicht ganz erholt hat, wie aktuelle Zahlen des Bayerischen Landesamts für Statistik zeigen.

Im Jahr 2024 kamen 179 727 Gäste in den Landkreis Ebersberg, davon 137 850 aus dem In- und 41 877 aus dem Ausland. Im Vergleich zu 2023 entspricht das einem Rückgang von 6,3 Prozent. Allerdings bleiben die Gäste, die kommen, länger: Die Zahl der Übernachtungen ist nämlich mit nur 3,4 Prozent nicht im gleichen Maße gesunken. Insgesamt gab es 390 540 Übernachtungen im vergangenen Jahr im Landkreis, davon 300 303 durch die Gäste aus dem Inland und 90 237 durch Gäste aus dem Ausland.

Damit fällt der Landkreis aus einem bayernweiten Trend. Laut Landesamt stiegen die Touristenzahlen 2024 in Bayern ordentlich an: 102,7 Millionen Übernachtungen von 40,6 Millionen Gästen wurden gezählt, ein Plus von je 2,5 und 4,5 Prozent im Vergleich zu 2023. Bei inländischen Gästen gab es sogar einen Rekordwert: Der Freistaat war mit 31 Millionen Gästen so beliebt wie noch nie. Doch auch internationale Gäste waren wieder mehr zu Besuch, ihre Zahl stieg um 8,9 Prozent auf 9,6 Millionen.

Die Zahlen in Ebersberg waren jedoch nicht das ganze Jahr über schlecht. Im Dezember 2024 kamen 10 771 Gäste nach Ebersberg, 8627 mit Wohnsitz in der Bundesrepublik und 2144 mit Wohnsitz im Ausland. Das entspricht einem Anstieg von 2,1 Prozent zum Dezember 2023.

Bei den Übernachtungen sieht es ähnlich aus, 18 427 gingen auf das Konto von inländischen Gästen und 5438 auf das von ausländischen, für eine Gesamtzahl von 23 820 Übernachtungen im Dezember 2024 - ein Plus von 4,6 Prozent zum Vorjahresmonat.

Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie sind immer noch zu spüren

Doch weshalb sind diese Zahlen so, wie sie sind? Alexandra Bartl ist im Landratsamt Ebersberg zuständig für Tourismusförderung und kennt die Schwierigkeiten der Branche. „Man spürt auf jeden Fall noch die Nachwirkungen von Corona“, sagt sie. Allerdings habe es nicht überall in und um München solche Einbrüche bei den Tourismuszahlen gegeben, Corona kann also nicht der einzige Grund sein. „Es fehlt an vielen Stellen Personal“, so Bartl, „und weil das Baugeschäft fehlt, fehlen auch Handwerker.“

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Darüber hinaus gebe es ortsspezifische Unterschiede. So habe Markt Schwaben etwa seit 2023 keine Übernachtungen gemeldet, was „auffällig“ sei. Vermutlich habe hier ein Gasthaus seine Türen geschlossen. Und auch in Vaterstetten habe es einen Einbruch der Zahlen gegeben, was ebenfalls darauf zurückzuführen sein könnte. In Forstinning wiederum gab es jedoch eine deutliche Steigerung im Dezember, was Bartl auf Bauarbeiten an der A94 und die damit verbundenen Übernachtungen durch Arbeiter zurückführt.

Die Stimmung ist bei den Tourismusvereinen und -verbänden dennoch positiv

Doch trotz der schwierigen Lage ist die Stimmung bei den Tourismus- und Gaststättenvereinen im Landkreis vorsichtig optimistisch. Brigitte Binder vom Tourismusverein Grafing berichtet zwar, dass bei den Mitgliedern im Verein das Vor-Corona-Nivea an Gästezahlen längst nicht erreicht ist. „Es kommen weniger Handwerker und Geschäftsreisende in den Landkreis“, bestätigt sie Bartl, „doch auch Touristen insgesamt“, sagt sie. Sie geht davon aus, dass nach der Corona-Pandemie mehr Menschen ins Ausland wollten, da sie das lange nicht konnten und sie nicht wüssten, wie lange es noch ginge.

Brigitte Binder vom Tourismusverein Grafing, hier mit Landrat Robert Niedergesäß und Melanie Entzian von der Wirtschaftsförderung im Landratsamt (von links), auf der Tourismusmesse Free in München, ist zuversichtlich, was den Tourismus im Landkreis Ebersberg angeht.
Brigitte Binder vom Tourismusverein Grafing, hier mit Landrat Robert Niedergesäß und Melanie Entzian von der Wirtschaftsförderung im Landratsamt (von links), auf der Tourismusmesse Free in München, ist zuversichtlich, was den Tourismus im Landkreis Ebersberg angeht. Christian Endt

Allerdings habe sie viele Stammgäste, die ihr treu geblieben seien, und auch wenn die Münchner Messen und das Oktoberfest noch nicht für so viele Gäste wie noch 2019 sorgen würden, zögen sie „immer gut“ Besucher an.

Außerdem sei die Ebersberger Tourismusbranche agil, man sei bestrebt, die Region bekannter zu machen und neue Angebote zu schaffen und nennt als Beispiel die neuen Wohnmobilstellplätze in Grafing. „Ich glaube, dass es wieder besser wird“, sagt Binder mit Blick in die Zukunft. Alexandra Bartl hofft ebenfalls auf einen Aufwärtstrend. „Letztes Jahr hat der Landkreis ein neues Tourismuskonzept entwickelt, jetzt machen wir uns an die Umsetzung“, sagt sie. Thematische Wanderrouten und eine Stärkung des ÖPNV gehören zu Maßnahmen, die die Region für Touristen attraktiver machen soll.

Der Personalmangel ist eines der größten Probleme im Gaststättenbetrieb

Der positiven Stimmung kann sich auch Anita Stocker von der Kreisstelle Ebersberg des Hotel- und Gaststättenverbands anschließen. Sie beobachtet einen Aufwärtstrend, zumindest, was die Gaststättenbesuche anbelangt. Die Mitglieder des Verbandes hätten durchweg von einem „zufriedenstellenden Sommergeschäft“ berichtet.

Anfang des Jahres habe das noch anders ausgesehen, die Mehrwertsteuererhöhung habe „ganz schön gescheppert“. Doch die Gäste kämen vermehrt zurück ins Wirtshaus, auch wenn vor allem Familien nur noch an den Wochenenden essen gehen würden. Unter der Woche seien die Gästezahlen deutlich geringer.

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Bis wieder das Niveau von 2019 erreicht ist, werde es vor allem auf dem Land noch eine Weile dauern. Doch Anita Stocker ist skeptisch, ob es überhaupt notwendig wäre, dieses Niveau wieder zu erreichen. „Wir haben drängendere Probleme im Gaststättenbetrieb“, sagt sie. Für viele Betreiber sei es schwierig, einen Nachfolger zu finden, weswegen immer mehr Gaststätten ihre Pforten schließen müssten. Hinzu kämen Herausforderungen wie die Mehrwertsteuererhöhung und Denkmalschutzauflagen.

Dennoch glaubt Stocker, dass das Tourismus- und Gaststättengewerbe resilient ist und sich weiterentwickeln kann. Und auch wenn die Zahlen nicht mehr das Vor-Corona-Niveau erreichen, könne man sich mit dem neuen Niveau arrangieren: „Man muss mit dem zufrieden sein, das man hat.“

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